zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

17. Oktober 2017 | 10:07 Uhr

Eine Kindheit im Plöner Schlossgebiet

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der 100. Geburtstag von Lieselotte Schott wird morgen im Dana-Pflegeheim gefeiert / Jubilarin schrieb im hohen Lebensalter noch eine Biografie ihrer Jugendzeit

von
erstellt am 30.Mär.2016 | 11:44 Uhr

In etwas mehr als zwei Wochen hat Lieselotte Schott aus Plön ihr ganzes Leben aufgeschrieben. Tag und Nacht war sie dabei, die Erinnerungen aus ihrer Kindheit, der Jugend und dem Erwachsenwerden aufzuschreiben. Es sollten die Erinnerungen „zum Ende ihres Lebens“ sein. Das ist jetzt zehn Jahre her. Am morgigen Pfingstsonntag (15. Mai) feiert Lieselotte Schott im Plöner Dana-Pflegeheim Fünf-Seen-Allee ihren 100. Geburtstag.

„Zuerst waren es nur Stichworte, daraus wurden Sätze und am Ende die ganze Biografie“, erinnert sich Lieselotte Schott noch heute gut an ihre Arbeit, die von Ellen Schümann aus Plön als Lektorin und Ratgeberin am Computer vollendet wurde. Die Biografin will mit ihrer Arbeit nicht belehren, sie will aber Anstoß geben. „Ich hatte in Plön eine stärkende Kindheit und konnte so auch Schicksalsschläge im Leben besser verkraften“, erzählt Lieselotte Schott, die zwei Mal verheiratet war.

Zur eigenen Fortbewegung ist Lieselotte Schott aus Plön in ihrem betagten Alter mittlerweile auf einen Rollstuhl angewiesen – aber im Kopf, da ist sie hellwach. So wach, dass sie im hohen Alter noch ihre eigene Biografie schrieb und jetzt täglich Seiten von Kreuzworträtseln löst. „Ich habe eine ebenso einfache wie prägende Jugend erlebt und danach nur noch das Leben genossen“, gibt Lieselotte Schott ein Rezept für das Erreichen ihres 100. Geburtstages aus. Sie habe früher nur mit Jungen gespielt, sei noch heute sehr hart im Nehmen. Sie sei eine Einzelkämpferin und verlasse sich nur auf sich selbst.

Neben dem Schreiben hat Lieselotte Schott im Leben auch das Malen begeistert. In Dersau hatte sie sogar eine Ausstellung mit ihren Aquarellen. Sie besuchte Kurse bei Prof. Liesker in Eutin und lebte eine Zeit lang mit dem Künstler Alexej von Assaulenko in Plön Tür an Tür. Eine Zeit, die ihr sehr viele Inspirationen gab.

Im Dana-Pflegeheim Fünf-Seen-Allee lebt Lieselotte Schott bereits seit fünf Jahren. „Ich fühle mich hier sehr wohl und mag hier gern sein“, freut sie sich auf die morgige Geburtstagsfeier. Sie gehe unter Begleitung immer noch gern mal an die frische Luft und morgens allein, ihren Rollstuhl vor sich her schiebend, zum Frühstück. „Ich bin gesundheitlich einfach gut drauf und mir fehlt gar nichts“, ist die 100-Jährige dankbar, stolz und zufrieden.

Alle Rätsel werden schon seit über zehn Jahren bis zum letzten Wort gelöst. „Das hält mich geistig fit“, schmunzelt Lieselotte Schott, die sich auch gern zu ihrem 100. Geburtstag bei Dana feiern lassen will. Sie sei immer noch voller Tatendrang und würde selbst den Pflegern bei ihrer täglichen Arbeit gern helfen.

„Wenn man erst einmal anfängt mit den Klagen, dann kommt man davon auch nichr wieder weg“, ist Lieselotte Schott sicher. Für sie sei es besser, auf der Höhe zu bleiben. Denn: „Ist man erst einmal gefallen, dann kommt man ganz schwer wieder hoch.“


Wertvolle Einblicke ins Leben im früheren Plön


„Die Welt ist so klein geworden, nichts ist unmöglich“, schreibt Lieselotte Schott in ihrer Biografie, welche wertvolle Einblicke in das tägliche Leben im früheren Plön gibt. Sie wäre gern noch einmal ins Samland gefahren, der Heimat ihres Vaters Albert Magath. Es ist heute russisches Sperrgebiet. Lieselotte Schott hält eine Art „Ahnenpass“ in den Händen, den ihr Vater bei einer Rundreise durchs Samland von Postamt zu Postamt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammengestellt hat.

Später wurde der Vater von Lieselotte Schott Nachfolger des Gärtners Timmermann in der Preußischen Kadettenanstalt in Plön. Mit Ehefrau Margarete, die frühere Zofe einer Baronin, wählte er die Herzogstadt Plön als neue Heimat. Im Mai 1916 gesellte sich Lieselotte als Neugeborene zu ihrer Schwester Henriette. Lieselotte entwickelte sich zu einem unternehmungslustigen Mädchen, das oft im Schlossgebiet von seinen Eltern gesucht werden musste.

Sie wuchs im Schlossgebiet gut behütet und weit weg von den Geschehnissen und Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges auf. Hier gab es neben einer eigenen Kapelle und einem Friedhof ein Lazarett mit Arzt und Krankenschwester, einen Wirtschaftshof mit Bäckerei, Viehställe und ein Schlachthaus, den Maurer Wulf, einen Glaser, den Fuhrmann Koch, den Schneider Hagedorn neben dem Uhrenhaus an der Reitbahn oder den Friseur Plischewski aus der Langen Straße, der aus Menschenhaaren Perücken für die Puppen der Mädchen bastelte, erinnert sich Lieselotte Schott. Links neben dem Prinzenhaus im Park war der Prinzenbahnhof für die Sonderzüge, wenn die Kaiserin nach Plön kam, um ihre sechs kaiserlichen Prinzen-Söhne zu besuchen.

Nachts zog ein Nachtwächter seine Runden durch das Schlossgebiet, der auch gleich Bekanntschaft mit Schlossgärtner Albert Magath machte. Ihr Vater hatte nämlich seinen Haustürschlüssel verbummelt und wollte über eine Leiter – wie ein Einbrecher – durchs Fenster ins Haus einsteigen. Der Unschuldige musste sich ausweisen, schmunzelt Lieselotte Schott heute.

Töchterchen Lieselotte, der bei einem Besuch im Hühnerhagen vom angriffslustigen Hahn fast ein Auge ausgepickt wurde, die unerschrocken und ohne Schaden ihre Finger in das Einflugloch eines bevölkerten Bienenstocke steckte oder beim Schneider unter dem Arbeitstisch mit kostbaren Knöpfen der Schloss-Gesellschaft spielte, erlebte eine unbeschwerte Kindheit. Und in der durfte sie oft Zeit und Raum vergessen.

Ihre Eltern unterhielten auf der Plöner Ochsenkoppel ein Stück Land zum Anbau von Kartoffeln aber auch eine Parzelle in der Kleingartenkolonie am Rummelsbach, dem Fischergraben, der heutigen Rohrdommelbucht. Die Mutter nähte die Kleidung für ihre Töchter. Im Winter war die Familie auf einem Stuhlschlitten auf dem zugefrorenen Großen Plöner See unterwegs. Und die kleine Lotti genoss ganz besonders die gemeinsame Zeit mit ihrem Vater.

Sie erinnert sich an eine Begebenheit in der Schlossküche. Das von Rudolf Peixner gesprochene Gebet „Dem Herrn sei Preis für Klops und Reis“ wurde als Gotteslästerung gewertet und mit drei Tagen Arrest geahndet. Diese verbrachte der damals sehr Beliebte mit guter Versorgung aus der Schlossküche in einem Giebelstübchen im Pförtnerhaus mit vergitterten Fenstern, dem Gefängnis.

Mit Kriegsende 1918 veränderte sich nach den aufgeschriebenen Beobachtungen Lieselotte Schotts einiges im Schlossgebiet: Die Tore blieben geöffnet, der Park wurde der Bevölkerung zugänglich gemacht und der Badestrand auf der Prinzeninsel für Badegäste geöffnet. Die Schüler trugen plötzlich keine Uniformen mehr. Eine Mamsell und Kochlehrlinge wurden nicht mehr benötigt, das Backhaus wurde geschlossen, es gab auch keinen Pastor mehr am Schloss. Aus der Kadettenschule wurde die „Staatliche Bildungsanstalt“. „Die ,Gemeinde Schlossgebiet’ war aufgelöst und in die städtische Gemeinde eingegliedert worden“, schreibt Lieselotte Schott über den Wandel in Plön.


Rüben statt Rosen im Schlossgarten


Im Schlossgarten wurden statt Rosen Steckrüben gepflanzt, ein Gärtner war überflüssig geworden. So wurde Lieselotte Schotts Vater 1922 Finanzbeamter. Das Finanzamt befand sich zu der Zeit im heutigen „Prinzen“ und war zweieinhalb Zimmer groß. Lieselotte kam in die Rodomstorschule und erinnert sich, auf dem Weg vom Schlossgebiet dorthin durch die Lange Straße mit ihren vielen Geschäften gegangen zu sein. Diese zeitintensiven Schaufensterbummel brachte die damals kleine Lotti den Argwohn des bei Kindern allgemein gefürchteten Schutzmanns Nissen ein.

Lieselotte Schott beschreibt in ihrer Biografie das Vogelschießen im geschmückten Plön, ihre Schulzeit auf der Höheren Mädchenschule in der Prinzenstraße, dem heutigen Gymnasium Schloss Plön, ihre Lehrjahre als Verkäuferin und Siegerin eines Schaufensterwettbewerbs sowie einen Abstecher für vier Jahre nach Brandenburg. Ihre Eltern bauten 1938 ein Haus im Appelwarder am Kleinen Plöner See. Der Zweite Weltkrieg brach aus, sie heiratete und das ganze Leben war in Unruhe.


Vater Albert überlebte Untergang vor Neustadt


Lieselotte Schott wird Marinehelferin in Rumänien und beschreibt ihre „Reise ins Ungewisse“, die sie zu schönen Erlebnissen am Strand aber auch in eine bis 1947 dauernde Gefangenschaft in Russland führt. Ihr Vater Albrecht war vier Wochen vor ihr nach Plön nach Hause gekommen. Er war auf dem Schiff „Thielbeck“, das in der Neustädter Bucht neben der Cap Arcona versenkt wurde. Von den 2500 Passagieren wurden nur zwei Menschen gerettet, schreibt Lieselotte Schott: „Ein Pole und mein Vater.“ Was für ein Glück für die Familie.

Die Biografin nutzte das Schreiben im hohen Alter als Mittel – ebenso wie die Malerei und das Führen von vielen Gesprächen –, um sich so von der Last der vergangenen Jahre zu befreien, erzählt sie. Das Erlebte hat das weitere Leben von Lieselotte Schott in Plön geprägt. Sie möchte, dass möglichst viele Angehörige und Interessierte ihren Lebensbericht lesen. Allerdings kann Lieselotte Schott über das letzte, dunkle Kapitel zwar sprechen, aber nicht schreiben. Das hat ihr Vater selbst sehr eindrücklich getan.

 



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen