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Bedrohter Berufsstand : Eine Hebamme in Existenznöten

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Andrea Hammer-Kohlwes aus Eutin gehört zu den Menschen, die ihren Beruf lieben. Aber ihr droht wie allen freiberuflichen Hebammen ab Juli 2015 ein Art Berufsverbot, weil sie nach dem aktuellen Stand keine Haftpflichtversicherung mehr finden.

Ihren Job als Beleghebamme an der Sana-Klinik in Eutin macht Andrea Hammer-Kohlwes aus Leidenschaft. Er ist für sie nicht nur Beruf, sondern vor allem Berufung. Jedes Jahr begleitet die 37-Jährige bis zu 100 Frauen durch die Schwangerschaft. Von den ersten Vorbereitungskursen bis hin zur Geburt – die Eutinerin steht ihren werdenden Müttern rund um die Uhr zur Verfügung. Eine 70-Stunden-Woche, keine geregelten Arbeitszeiten und wenig Urlaub nimmt sie hierfür gerne in Kauf. „Ich kenne alle meine Frauen ganz genau und weiß über ihre Sorgen und Ängste Bescheid. Das hat man im Schichtdienst nicht“, sagt sie.

Seit nunmehr 16 Jahren arbeitet sie als freiberufliche Hebamme in der Geburtshilfe. Ein Berufsstand, dem im Sommer nächsten Jahres das Aus droht. Der Grund: Zum
1. Juli 2015 laufen die Haftpflichtversicherungen von Hammer-Kohlwes und ihren Kolleginnen aus. Ihr derzeitiger Versicherer hat angekündigt, sich komplett aus dem Geburtshilfe-Geschäft zurückzuziehen. Alternativen sind nicht in Sicht. „Das kommt einem Berufsverbot gleich. Denn Hebammen dürfen nur mit einer ausreichenden Haftpflichtversicherung arbeiten“, sagt Ehemann Björn Kohlwes. Er kümmert sich um den Papierkram seiner Frau und hat die rasante Entwicklung der Haftpflichtprämien hautnah miterlebt. Während vor zehn Jahren noch 1300 Euro pro Jahr fällig waren, sind es heute bereits rund 6000 Euro. Da Geburtshilfe als Risiko-Geschäft gilt, will die Nürnberger Versicherung zum kommenden Jahr gar keine Leistungen mehr in diesem Bereich anbieten.

Wenn sich nicht noch etwas ändert, stehen die freiberuflichen Hebammen dann auf der Straße. „Wir haben einfach keine Lobby. Das ist das Problem“, so Hammer-Kohlwes. Als Hauptfinanzierin der Familie macht sie sich ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft. Zwar hat sie vor 20 Jahren eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, jedoch ist sie aus diesem Beruf längst raus. Erste Probleme drohen bereits im Dezember diesen Jahres. „Dann kommen die Frauen zu mir, die im Juli 2015 entbinden. Was soll ich denen sagen?“

Vorschläge aus der Politik, die Sana-Klinik solle ihre Hebammen fest anstellen, findet sie zu kurz gedacht. „Ich habe eine Frau aus Kiel, die kommt bereits zum dritten Mal zum Entbinden nach Eutin, weil ihr das System mit den Beleghebammen so gut gefällt.“ Eine Umstellung auf Schichtarbeit und Notdienst, so wie es in den großen Städten praktiziert wird, hält sie daher nicht für sinnvoll. „Es ist eben ein Unterschied, ob man bei einer Beleg- oder Schichthebamme entbindet“, weiß Björn Kohlwes.

Ein Rückzug aus der Geburtshilfe kommt für seine Frau ohnehin nicht in Frage: „Geburtshilfe ist die Königsdisziplin einer Hebamme.“ Den Spielball sieht sie jetzt bei der Politik. „Diejenigen, die an den runden Tischen sitzen, wissen gar nicht, wie es bei uns abläuft.“ Wenn die freiberuflichen Beleghebammen noch gewollt seien, müsse man hierfür auch die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen. Bis eine Lösung des Problems gefunden wurde, heißt es für Hammer-Kohlwes und ihre Kolleginnen weiter bangen. „Alle sind besorgt. Man hat ein mulmiges Gefühl“, gibt sie zu.

Tatsächlich in Anspruch hat sie ihre Haftpflichtversicherung übrigens noch nie genommen. Zuletzt brauchte sie jedoch 15 Geburten, um lediglich die Prämie für ein Jahr abzudecken.

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erstellt am 22.Feb.2014 | 16:03 Uhr

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