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Rettungshundestaffel Scharbeutz : Eine gute Spürnase macht noch keinen Rettungshund

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie finden Rettungshunde vermisste Personen? Das zeigt ein Besuch bei der Rettungshundestaffel in Scharbeutz.

shz.de von
erstellt am 16.Feb.2017 | 12:34 Uhr

Scharbeutz | Bevor Sarah Ewert ihren Labrador Charly von der Leine lässt, holt sie eine Dose Babypuder aus der Tasche. Sie streut eine gute Prise davon auf den verschneiten Waldboden. „Das ist unser wichtigstes Hilfsmittel“, erklärt sie. Das weiße Pulver wirbelt sofort zu einer Wolke auf und weht zur Seite. „So wissen wir, aus welcher Richtung der Wind kommt.“

Mit Babypuder wird vor der Suche die Windrichtung bestimmt.
Mit Babypuder wird vor der Suche die Windrichtung bestimmt. Foto: Michael Staudt

Für sie und Charly bedeutet das: Das Gebiet in dem Waldstück nahe Scharbeutz wird heute von Osten aus abgesucht, gegen den Wind. Auf diese Weise wehen die Gerüche Charly direkt in die Nase, er kann schneller die Witterung aufnehmen – und das spart Zeit. Denn Zeit ist ein wichtiger Faktor, besonders jetzt, im Winter. Je schneller der Labrador die vermisste Person findet, desto größer ist die Chance, dass sie noch lebt.

Charly ist Rettungshund. Er wurde für die Suche nach vermissten oder verunglückten Personen ausgebildet. Zusammen mit neun weiteren Spürnasen und deren Besitzern ist er Mitglied in der Rettungshundestaffel Schleswig-Holstein Ost e.V., die zum Bundesverband Rettungshunde e.V. (BRH) gehört.

Die Hunde suchen auf Kommando des Hundeführers selbstständig – also ohne Leine – ein Gebiet nach menschlicher Witterung ab. Das können verirrte Wanderer sein, Jogger, die sich verletzt haben, vermisste Kinder oder auch demente Senioren. Außer dieser sogenannten Flächensuche gehören auch Personen- oder Trümmersuche zu den Aufgabenfeldern der Rettungshundestaffel.

Mailo hat jemanden gefunden

Bei der Suche mit Personenspürhunden oder auch ‚Mantrailing‘ muss der Hund eine bestimmte Person anhand ihres Geruchs aufspüren. „Dafür bekommt er vorher zum Beispiel ein Kleidungsstück der vermissten Person unter die Nase gehalten, damit er den Geruch aufnehmen kann“, erklärt Andreas Keuchel. Gerade hat er seinen Wäller-Rüden Mailo auf die Suche geschickt, um die versteckten Helfer im Wald aufzuspüren, die für das Training die Opfer spielen. Blitzschnell ist Mailo im Wald verschwunden, nur ein leises Klingeln ist noch zu hören. Inzwischen hat es wieder angefangen zu schneien, die Sicht ist schlecht. Die Glöckchen am Geschirr helfen seinem Herrchen dabei, ihm durch das dichte Geäst zu folgen. Es dauert nicht lange, da tönt lautes Gebell durch den Wald. Für Andreas Keuchel ist das das Zeichen: Mailo hat jemanden gefunden. Er steht vor einem Mann, der reglos auf dem Boden liegt, und kläfft was das Zeug hält. Zu nahe kommen darf er ihm nicht. „Manche Menschen haben Angst vor Hunden, da wäre das fatal“, weiß Keuchel.

Durch lautes Bellen zeigt „Mailo“ an, dass er jemanden gefunden hat.
Durch lautes Bellen zeigt „Mailo“ an, dass er jemanden gefunden hat. Foto: Michael Staudt
 

Mailo ist inzwischen wieder ruhig und damit beschäftigt, seine Belohnung zu vertilgen: Fleischwurst und gekochte Nudeln. Motivation ist die Basis der Rettungshundearbeit, das Training ist auf dem Konzept der positiven Verstärkung aufgebaut. Die Hunde lernen früh, dass sie für jeden erschnüffelten Menschen eine Belohnung bekommen. Bei den Übungen wird der Abstand zu den Suchobjekten dann schrittweise ausgeweitet, bis sie am Ende eine Fährte über mehrere Kilometer verfolgen können.

Schnüffeln ist extrem anstrengend

Was beim Zusehen spielerisch und leicht aussieht, ist für die Hunde harte Arbeit. Schnüffeln ist extrem anstrengend. Bis zu 200 Mal kann ein Hund in der Minute ein- und ausatmen, die Zellen werden dabei immer wieder mit neuen Geruchsstoffen versorgt. Die sensible Hundenase hat bis zu 220 Millionen Riechzellen – der Mensch hingegen nur fünf Millionen. Nach einer halben Stunde Schnüffeln am Stück sind selbst geübte Spürnasen meistens platt. Für das Training werden die Hunde auf verschiedene Abschnitte eines Gebietes aufgeteilt und wechseln sich bei den Übungen ab.

Zweimal pro Woche trifft sich die Staffel für drei bis vier Stunden und an verschiedenen Orten im Kreis Ostholstein und Lübeck, um zu üben: im Wald, auf Wiesen, Feldern oder Seen, bei Regen und im Dunkeln. „Die Abwechslung ist wichtig, weil die Hunde auch im Einsatz das Gebiet nicht kennen“, sagt Sarah Ewert. Dazu kommen Theorielehrgänge in Navigation, Kartenlesen oder Einsatztaktik.

„Such und hilf“ – das Startkommando für den Hund ist gleichzeitig der Leitspruch der Hunderettungsstaffel in Scharbeutz.
„Such und hilf“ – das Startkommando für den Hund ist gleichzeitig der Leitspruch der Hunderettungsstaffel in Scharbeutz. Foto: Michael Staudt
 

Eine gute Spürnase allein macht jedoch noch keinen Rettungshund. Grundsätzlich kann jeder Hund ein Rettungshund werden, solange er die körperlichen Voraussetzungen erfüllt. „Er sollte weder sehr klein noch sehr groß sein“, sagt Sarah Ewert. Weil die Tiere in kurzer Zeit ein großes Gebiet absuchen müssen, erfordert die Rettungsarbeit eine gewisse Lauffreudigkeit.

In 25 Minuten muss ein Hund etwa 25.000 Quadratmeter Fläche absuchen können. Der Hundeführer muss sich darauf verlassen können, dass sein Hund nichts übersehen hat und das Gebiet freigegeben wird. „Das ist eine große Verantwortung“, gibt Sarah Ewert zu bedenken. Das Gelände ist zudem oft unwegsam: Baumstämme, dichtes Unterholz, Bachläufe oder steilere Passagen dürfen für Hund und Mensch kein Hindernis sein. „Ein kleiner Mops würde es wohl eher schwer haben.“

Labrador „Amy“ wartet auf das Startsignal für die Übung. Als Flächensuchhund ist sie in der Lage, bis zu 45 Minuten am Stück zu suchen.
Labrador „Amy“ wartet auf das Startsignal für die Übung. Als Flächensuchhund ist sie in der Lage, bis zu 45 Minuten am Stück zu suchen. Foto: Michael Staudt
 

Dass es auch „Quereinsteiger“ schaffen können, zeigt das Beispiel von Holger Steen und seinem Husky-Mix Spike. Bei seinen vorigen Besitzern lebte der Rüde nur an der Kette, bekam keinen Auslauf und war völlig isoliert. „Er hatte vor allem Angst und war in schlechter Verfassung“, erinnert sich Steen. Als er ihn mit zum Training nahm, blühte Spike regelrecht auf. Er verlor seine Angst und fühlte sich mit der neuen Aufgabe sichtlich wohl. Bald kann er seine erste Prüfung zum Rettungshund machen. „Wer hätte das gedacht?“, sagt Holger Steen stolz.

Obwohl die Arbeit als Rettungshund Tier und Mensch Spaß machen soll, hat sie nichts mit reiner Freizeitbeschäftigung zu tun, wie Sarah Ewert betont. „Man muss sehr viel Zeit für das Training aufbringen, auch am Wochenende, und bereit sein, jederzeit zum Einsatz gerufen zu werden.“ Immerhin zwischen 20 und 30 pro Jahr. „Es ist eben ein Ehrenamt und nicht bloß ein Hobby.“

Außerdem sollte jedem Rettungshundeführer bewusst sein, dass es sich bei den Einsätzen um echte Notfälle handelt – der Umgang mit schwer verletzten oder toten Personen ist dabei keine Ausnahme. „Damit kann nicht jeder umgehen“, weiß Andreas Keuchel. Erst kürzlich hatte die Staffel einen Einsatz auf Fehmarn, bei dem eine Selbstmord gefährdete Person vermisst wurde. Zwar verlor sich die Spur nach einiger Zeit in der Ostsee und die Person wurde nicht gefunden, doch es hätte ebenso gut anders ausgehen können. „Wir wissen vorher nie, was uns erwartet.“

Umso mehr bleiben die Einsätze im Gedächtnis, bei denen vermisste Personen rechtzeitig gefunden werden. So wie im letzten Frühjahr, als eine 93-jährige Bewohnerin eines Altenheims stark unterkühlt in der Nähe einer Bahnstrecke aufgespürt und gerettet wurde. „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man helfen konnte“, sagt Andreas Keuchel.

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