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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 16:39 Uhr

Ein Zeitzeuge berichtet

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Mehr als 40 Schülern der Kreisberufsschule erzählte Avner Gruber gestern über sein Leben und sein Überleben im Konzentrationslager. Sein Apell: Informiert euch und mischt euch ein.

von
erstellt am 11.Nov.2014 | 11:11 Uhr

„Mein Name ist Avner Gruber. Meine Vergangenheit ist kompliziert.“ Es ist mucksmäuschenstill im Saal, als der 86-Jährige den Schülern des Beruflichen Gymnasiums von seiner Jugend
erzählt, die keine war – voll von Hungersnot, Vertreibung und Tod. Avner Gruber ist Jude, seine Familie zählte zur deutschen Minderheit in Rumänien.

„Wir führten ein freundschaftliches Leben in der Bukowina, meiner Heimat.“ Deutsche, Ukrainer, Juden – friedlich nebeneinander. Bis 1939: „Da änderte sich alles. Im November trat das Land an der Seite Deutschlands in den Krieg ein.“ Die Deutschen wurden „heim ins Reich“ geholt; für die Juden wurde es von Tag zu Tag schlimmer. Die rechtsgerichtete Regierung Rumäniens hatte zahlreiche rassistische und antisemitische Gesetze erlassen. „Ich hatte den Aufnahmetest bestanden, durfte aufs Gymnasium gehen.“ Doch dort angekommen wurde er mit Parolen wie „Tod den Juden“ und „Juden raus“ begrüßt, wie Gruber erzählt. „Wir wurden zusammen mit jüdischen Lehrern aus der Schule geprügelt.“ Ein Jahr lang wurde er Zuhause mit sechs anderen Kindern privat unterrichtet. „Dann kam das Gesetz: Juden müssen evakuiert werden und in den Osten zur Arbeit.“ Die Deportation wurde als „Ausreise“ verharmlost. Drei Tage später warteten Viehwaggongs auf zahlreiche jüdische Familien. „Wir mussten über die Gleise, auch Alte und Kranke wurden von Soldaten dahin geprügelt. Als Toilette diente ein Topf, der immer wieder im Wagen selbst entleert werden musste. Drei Tage standen sie so unweit des Bahnhofs. Der Zug war zu schwer, hieß es. Drei Waggons wurden abgekoppelt, die Familien darin mussten laufen – Tag und Nacht – auch die Grubers. „Die, die weiterfuhren, überlebten nicht.“ Das Schicksal führte ihn und seine Familie in das Lager Moghilev. Auf dem Weg dahin erlebte der damals Zwölfjährige Erniedrigung, Todesängste und Menschenhass in bisher ungekannter Form. Das Vernichtungslager Auschwitz blieb ihm erspart – das weiß er heute – weil ein Ingenieur mit dem zuständigen Kommandanten einen Deal vereinbarte: Er setzt das Kraftwerk und die Eisengießerei wieder in Stand, wenn er sich genügend Arbeitskräfte dafür aussuchen kann. „Mein Vater war eine von ihnen. So rettete dieser Mann rund 1000 Familien.“

Er wird leise, bevor er die nächste Szene schildert: Er war damals 14 und hatte eine andere 14-Jährige mit ihrem Kind kennengelernt. „Wir wurden auf einen Berg hinauf getrieben, wechselten uns mit dem Tragen des Kindes ab.“ Sie blieb zurück. Das Baby weinte, weil es Hunger hatte, die Mutter aber keine Milch mehr. „Der Soldat kam zu mir und drohte: ‚Geh weiter, schnell!‘ Es dauerte nicht lange, dann kam ein Schuss. Das Kind war ruhig.“ Ein zweiter Schuss stoppte das Schreien der Mutter.

Avner Gruber weiß viele solcher Szenen zu berichten – und ist selbst bei jeder ergriffen. „Entschuldigen Sie, aber ich erlebe die Bilder jedesmal wieder.“ Diese Bilder lassen ihn heute noch schreiend aufwachen. Um seinen Kindern Antworten zu geben, begann er seine Erlebnisse aufzuschreiben. „1200 Manuskript-Seiten, die kein Verleger mochte.“

Gruber sieht seine Aufgabe heute darin, den jungen Menschen über die Fehler der Vergangenheit aus seiner Sicht zu informieren. „Ihr müsst heute wachsam sein und euch stark machen, für eure Überzeugung eintreten, damit sich so etwas nicht noch einmal wiederholen kann“, mahnt er die jungen Zuhörer.

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