Ein Volltreffer in die emotionale Mitte

Hartes Training: Professor Higgins (Guido Weber) will aus Eliza (Désirée Brodka) eine Dame machen.
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Hartes Training: Professor Higgins (Guido Weber) will aus Eliza (Désirée Brodka) eine Dame machen.

Die Premiere des Musicals „My Fair Lady“ auf der Eutiner Freilichtbühne begeistert das Publikum / Saisonstart mit spielfreudigem Ensemble bei Sonnenschein

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08. Juli 2018, 16:41 Uhr

Auf dem Weg von der Freilichtbühne zu den Parkplätzen erweist es sich in Eutin, ob eine Premiere geglückt ist. Da wird bewertet und diskutiert. Der Start in den Festival-Sommer 2018 wurde auch summend rekapituliert. Das grünende Grün, das kleene Stückchen Glück schlängelt sich durch die Menge und immer wieder schwimmt ein „Wundascheen“ auf. Das Premierenpublikum des Musicals „My Fair Lady“ ging eindeutig glücklich nach Hause.

Wenn die Eutiner Festspiele eine emotionale Mitte haben, dann hat Hardy Rudolz mit seiner Inszenierung ins Schwarze getroffen. Kein Ausstattungs-Firlefanz, kein Versuch, eine Geschichte, die im London des Jahres 1912 spielt, in die Gegenwart zu zerren. „My Fair Lady“, das Stück mit der Musik von Frederick Loewe und den Texten von Alan J. Lerner 1956 in New York uraufgeführt, bleibt in Eutin, wo, was und wie es ist.

Gott sei Dank, denn nur so hat die gendergesteuerte Komik die Chance zur Entfaltung. Und sie entfaltet sich schnell im Zuschauerrund.

Die verbalen Duelle, die sich der kopfgesteuerte Professor Higgins (Guido Weber) und das kecke Blumenmädchen Eliza Doolittle (Désirée Brodka) liefern, das mehr oder minder schickliche Band, das sich zwischen Oberst Pickering (Claus J. Frankl) und der Haushälterin Mrs. Pearce (Eva Schneidereit) spannt, die sorglose Beziehung, die Alfred P. Doolittle zu Alkoholischem und Weiblichem pflegt, und die seltsame Mutter-Sohn-Bindung zwischen Mrs. Higgins (Gerlind Rosenbusch) und dem Sprachprofessor sind in der guten alten Unterhaltungszeit der 1950er Jahre verwurzelt. Wer sie verpflanzt, wird mit müdem Lächeln bestraft.

Regisseur Hardy Rudolz also lässt sie, wo sie hingehören; und er hat neben einem feinsinnigen Regieteam eine spielfreudige Truppe an der Seite.

Eutin ist Eutin. Ein Publikum, das dem Wetter angepasst unter freiem Himmel sitzt, ist anders drauf als eines, das sich im Theater einfindet. Am See weiß man, dass der Wind die Töne verwehen kann, dass auf den Rängen Gläser klirrend umfallen, dass es zum guten Ton gehört, das weiße Ballkleid Elizas mit „Oohhs“ und „Aahhs“ zu kommentieren.

Dass das Eutiner Premierenpublikum außerordentlich gut drauf war, lag natürlich auch am Wetter. Ein Saisonstart bei Sonnenschein hebt nicht nur die Laune, sondern ist im wahrsten Wortsinn Gold wert. Dann war da die Begrüßung des Ministerpräsidenten Daniel Günter, der Schirmherr der Festspiele ist und genau weiß, was das Publikum will: Musik. Und so hielt er sich nach einem aufgeräumten „Moin!“ knapp.

Das heitere musikalische Fundament legt das Hausorchester KaPhiL mit Romely Pfund am Pult, die flott durch den Abend leitet und sich zudem spürbar gerne ins Spiel einbinden ließ. Ein kleiner Dialog mit den Darstellern hier, ein kurzer Kommentar dort – Kunstgriffe dieser Art sind zwar nicht neu, aber immer wieder überraschend.

Rudolz scheut sich nicht vor Kalauern, wohl wissend, dass die bei heiter gestimmtem Publikum ein Selbstgänger sind. Da lässt er, während sich auf der Bühne die feine Gesellschaft beim Pferderennen in Ascot trifft, eine Squaw vor die Bühne reiten mit der Frage: „Wo geht’s denn hier nach Segeberg?“ Die Lacher sind auf seiner Seite.

Auf der Bühne steppt derweil das Leben. Zwei Tanzpaare unterstützen das ohnehin bewegungsfreudige Bühnenpersonal. Apropos Bühne: Wer Sorge hat, dass die 18 szenischen Bilder, in die „My Fair Lady“ gefasst ist, den Tod der Freilichtbühnen-Bedingungen sterben, sieht sich angenehm überrumpelt. Szenenwechsel sind Bestandteile des Stückes und, weil es keinen Firlefanz gibt, schnell und nachvollziehbar erledigt. Wundascheen.

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