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Ein Unfall und ein „Zwangsurlaub“ in Lomé

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Als Joscha und ich Anfang Oktober in Balanka ankamen, freuten wir uns total darauf, nach dem langen Vorbereitungsseminar mit unserem Projekt zu beginnen. Zu Anfang lernten wir die Bibliothek kennen, in der auch ein Internet-Café untergebracht ist. Nach einer Erkundung auf eigene Faust wies uns der Bibliothekar Afissou ein und zeigte uns, wie Ausleihkarten erstellt, Kopien angefertigt und Stunden für das Internet-Café verkauft werden.

Neben dieser alltäglichen Arbeit begannen wir mit der Vorbereitung der Clubs, die wir unter der Woche abends anbieten werden. So sichteten wir Material, das unsere Vorgängerinnen uns überlassen hatten, wälzten Spielbücher, betrieben Recherche im Internet und sahen uns die Laptops der Bibliothek genauer an. Nach vielen Überlegungen einigten wir uns auf einen Lektüre-Club, der an einem Abend für Grundschüler stattfindet, an einem anderen für Schüler des Collège (7. bis 10. Klasse). Hier hoffen wir, auch einen Briefaustausch mit dem Voß-Gymnasium in Eutin aufbauen zu können. Außerdem werden wir eine Mathe-AG und einen Informatik-Club in Verbindung mit einem Tastschreibkursus veranstalten sowie einen Abend für Spiele und Gesang mit den Kindern freihalten.

Mit diesen Überlegungen im Kopf machten wir uns auf den Weg in die Schulen. In dem 9000-Einwohner-Dorf gibt es fünf Grundschulen und zwei Collèges, sodass Joscha und ich uns mit vielen Direktoren trafen. Mit ihnen vereinbarten wir Termine zur Werbung für die Clubs, damit wir möglichst alle Kinder des Dorfes erreichen können.

Wenn wir nicht arbeiten, verbringen wir viel Zeit mit unserer Gastfamilie. Wir sind nicht direkt bei ihr untergebracht, sondern in einem eigenen Haus etwa 50 Meter entfernt. Mindestens zum Essen sind wir jedoch bei ihnen im Hof – und langweilig wird uns dort mit insgesamt 15 Gastgeschwistern nicht. Aber auch mit unserem Gastvater, den wir Batchene (Balanka für „Papa“) nennen, unterhalten wir uns gerne und lang.

Unsere Gastgeschwister führten uns außerdem zu Schneidern, bei denen Joscha und ich uns Kleidung aus Pagne (farbenfrohe Stoffbahnen) anfertigen ließen. So ist Joscha nun Besitzer eines Pagne-Complets (Stoffhose und -hemd), während ich mit meiner neuen Hose sehr zufrieden bin.

Dieser Phase tat ein Unfall leider einen schnellen Abbruch: Ich knickte mit meinem Fuß um und hatte starke Schmerzen. Um die Schwere der Verletzung abzuklären, wollte ich eine MRT-Untersuchung machen lassen. Da dies jedoch nur in der 350 Kilometer entfernten Hauptstadt Lomé möglich ist, brachen Joscha und ich schweren Herzens nach nur zwei Wochen in Balanka wieder auf.

Reisen in Togo finde ich sehr spannend. Von Balanka aus fuhren mit zwei Motorrad-Taxen in die 90 Minuten entfernte Stadt Sokodé. Dort stiegen wir in einen Kleinbus, der dann voll besetzt war, und in größeren Städten wie Atakpamé oder Notsé hielt. Viel Proviant brauchten wir für die Fahrt nicht: Während dieser kurzen Aufenthalte umringten Händlerinnen den Bus und verkauften durch das Fenster Obst wie Bananen und Orangen sowie Brot, frittierte Teigbällchen, Kekse, Wasser oder Saft.

Nach etwa zehn Stunden kamen wir abends in Lomé an, wo uns die Familie Sabi aufnahm, die aus Balanka stammt. Nur wenige Straßen entfernt wohnt außerdem Karim, der Bruder unseres Gastvaters, mit seiner Familie. In den Kindern der zwei Familien fanden Joscha und ich gleichaltrige Togolesen und Togolesinnen, mit denen wir zusammen viel unternahmen und diskutierten.

Mit Karims Sohns Zoulka hatten wir dabei eine besondere Verbindung, denn er brach am 2. November zu seinem eigenen Weltwärts-Jahr nach Deutschland auf. Ein Jahr lang wird er in einer Berliner Schule beim Unterricht assistieren und im Nachmittagsprogramm aktiv sein. Diese Richtung des „Weltwärts“-Freiwilligendienstes findet dieses Jahr zum ersten Mal statt und vertieft den Austausch zwischen den beteiligten Ländern ungemein. Ich freue mich sehr darauf, mich in einem Jahr mit ihm in Deutschland über unsere Erfahrungen auszutauschen.

An dem Montagmorgen brachen wir frühmorgens zum Krankenhaus auf. Dort wurde nach einem Röntgenbild, das nichts Ungewöhnliches aufwies, ein MRT gemacht. Auf dessen Ergebnisse und auf die Rückkehr des Facharztes wartete ich insgesamt zwei Wochen.

Diese Wartezeit nutzen Joscha und ich unter anderem, um uns mit verschiedenen Freiwilligen zu treffen. Einen Nachmittag verbrachten wir mit zwei Franzosen am Strand, an einem anderen Abend trafen wir uns mit Togolesinnen, die in Lomé wohnen. Am Wochenende gingen wir mit deutschen Freiwilligen aus Kpalimé und zwei togolesischen Freunden zum Bierfest, der „Fête de la bière“. Es war toll, sich über bisherige Erfahrungen auszutauschen und angeregte Diskussionen über Gott und die Welt zu führen.

Beim nächsten Weltwärts-Seminar im Dezember sehe ich viele von ihnen wieder, und ich freue mich schon sehr auf unsere nächsten Gespräche.

Neben diesen kleinen Urlaubsvergnügen haben wir
jedoch auch in Lomé für die Bibliothek gearbeitet: Zum Zeitpunkt unserer Abreise funktionierte die Internet-Verbindung des Internet-Cafés der Bibliothek nicht mehr. Bei einem Besuch einer Filiale des Mobilfunkanbieters Togocel fanden wir heraus, dass sich die Bedingungen für die monatlichen Verträge geändert hatten – ohne dass die Bibliothek davon in Kenntnis gesetzt wurde. Über lange Telefongespräche lösten wir aber gemeinsam mit dem Bibliothekar Afissou das Problem, sodass mittlerweile das Internet-Café wieder funktioniert.

Zudem besuchten wir eine große Buchhandlung in Lomé. In Balanka sind vor allem französische Kinderbücher vorhanden, es herrscht aber Mangel an Büchern, die in Westafrika spielen. Zum Lesen-Lernen im Lektüre-Club wäre es toll, über französische Bücher mit Inhalten zu verfügen, die die Kinder aus ihrem Alltag im Dorf wiedererkennen. Auch sind nur sehr wenige Jugendbücher vorhanden, die den Kindern zeigen, dass Lesen Spaß bringt, wie etwa Harry Potter. Das ist sehr schade, denn das Lesen würde den Kindern auch bei der Verbesserung ihres Französisch helfen, das sie erst als Fremdsprache in der Schule lernen. Für den Einkauf konnten wir Geld nutzen, das unsere Vorgängerin gesammelt hat. Es wäre klasse, weitere Spenden zu bekommen, denn bisher sind unsere Möglichkeiten beim Einkauf sehr begrenzt.

Mittlerweile sind die MRT-Ergebnisse angekommen und der Facharzt ist zurückgekehrt. Bei der Verletzung handelt es sich um eine schwere Verstauchung mit Bänderanriss. Ich muss meinen Fuß schonen, doch der Arzt gab sein Einverständnis zur Rückkehr, Joscha und ich brachen mit einigen Büchern im Gepäck wieder nach Balanka auf. Jetzt sind wir wieder mitten in den Vorbereitungen, und wenn alles gut geht, beginnen in wenigen Tagen unsere Clubs.

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erstellt am 11.Nov.2014 | 12:14 Uhr

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