Ein Trainingszentrum für alle Fälle

Einzigartig in Norddeutschland: Neue Einsatztrainingshalle für eine realitätsnahe Aus- und Fortbildung von Polizisten ist fertig

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26. Juni 2018, 00:35 Uhr

Ob Kneipenschlägerei, Überfall am Bankautomaten, häusliche Gewalt oder Terrorangriff – in der gestern eingeweihten Einsatztrainingshalle auf dem Gelände der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizei (PD AFB) Schleswig-Holstein können ab sofort realistische Szenarien besser als zuvor trainiert werden.

„Diese Halle ist einzigartig für die Ausbildung der Landespolizei und sucht ihresgleichen in Norddeutschland, wenn nicht sogar bundesweit“, sagte Michael Wilksen, Leiter der PD AFB. Was Auszubildende heute noch üben, begegne ihnen schon morgen in der Praxis. Ein Mitlaufen und lernen, eine Schonfrist gebe es heute nicht mehr, so Wilksen. Umso wichtiger sei die realitätsnahe Vorbereitung.

Ein vierköpfiges Team von Einsatztrainern rund um Jörg Wensien erarbeitete mit Architekt Jan Erichsen den Aufbau der Einsatztrainingshalle. „Das lief am Ende so gut, dass wir anfingen, wie ein Architekt und er wie ein Polizist zu denken“, lobte Wensien die gute Zusammenarbeit. Auf der 3850 Quadratmeter großen Grundfläche werden zwölf verschiedene Szenarien möglichst echt dargestellt, alle können umgebaut und variiert werden: Hotelzimmer mit echter Kartenschließanlage, Labyrinth, Darkroom, Wohnung mit großem Porzellanrottweiler hinter der Haustür, Bankautomat, Shopping-Mall, Arztpraxis, Büroräume, echte Polizeiwache und eine Freifläche, auf der alles rund um Fahrzeug-Kontrollen und Open-Air-Veranstaltungen geübt werden kann. Über Go-Pro-Kameras oder Tablets sollen die Übungen nicht nur für die Aktiven lehrreich sein, sondern im Unterrichtsraum in Echtzeit besprochen und beobachtet werden können. 48 Kilometer Kabel für reibungslose Datenübertragung wurden im Bau eigens dafür „versteckt“. Ansonsten wurde auf Hightech-Lösungen bewusst verzichtet, weil es wichtig sei, sich in die Einsatzlage einzufühlen, so die Ausbilder.

Das Gebäude selbst sei für 8,3 Millionen Euro errichtet worden, berichtete GMSH-Chef Frank Eisoldt. Inklusive Außengelände, an dem noch gearbeitet wird, belaufen sich die Kosten auf rund zehn Millionen Euro. Gut angelegtes Geld, wie Innenminister Hans-Joachim Grote in seinem Grußwort betonte, denn eine qualitativ hochwertige Aus- und Fortbildung mit modernster Technik garantiere die bleibende und viel gelobte Qualität der Schleswig-Holsteinischen Landespolizei.

1100 Polizeischüler werden allein während ihrer Ausbildung mehrfach in der Halle trainieren können, gut 3200 Polizisten im Land würden regelmäßig zusätzlich durch Kurse und Trainings weitergebildet. Die Auszubildenden des zweiten Lehrjahres durften als erstes ran und demonstrierten Grote gestern verschiedenen Szenarien in einer Gaststätte und Wohnung, ein Spezialeinsatzkomando seilte sich im Übungstreppenhaus vorm Innenminister ab.

Dass die neue Ausbildungssituation mit dieser Einsatztrainingshalle einem Quantensprung gleicht, machte PD  AFB-Leiter Wilksen deutlich, als er darauf hinwies, dass sonst Keller, Abrissgebäude und Garagen für abwechslungsreiche Trainings herhalten mussten. Eine neue Halle sei unverzichtbar, die jetzige Situation genüge in keiner Weise den Ansprüchen, zitierte der stellvertretende Leiter der Landespolizei, Joachim Gutt, gestern ein Schreiben von sich und einem Kollegen zum Zustand der Ausbildungssituation 2011. Damals seien lebensbedrohliche Einsatzlagen in der heutigen Häufung noch nicht denkbar gewesen. Mit dieser modernen Einsatztrainingshalle können vielfältigste Einsatzlagen – ob gegen Linksautonome, Rechtsextremisten, Reichsbürger, organisierte Kriminalität oder berauschte Spaßrandalierer geübt werden, lobte Gutt.

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