Ein steiniger Weg: Der Märchenprofessor und seine Gedenktafel

Wilhelm Wissers Gedenktafel in der Albert-Mahlstedt-Straße 37.
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Wilhelm Wissers Gedenktafel in der Albert-Mahlstedt-Straße 37.

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29. November 2016, 17:12 Uhr

Das heutige Türchen ist die Wilhelm-Wisser-Gedenktafel an der Hausfassade Albert-Mahlstedt-Straße 37. Was bedeutet die Inschrift „PR 1944“? Und warum war der Weg bis zur Anbringung der Tafel so holperig?

Die Eutinerin Karla Weiß ist Ur-Enkelin von Wilhelm Wissers Schwester Wilhelmine und damit eine Nachfahrin des so genannten Märchenprofessors. Die 83-Jährige berichtet: „Die Stadt wollte zu Wissers 100. Geburtstag eine Gedenktafel anbringen lassen.“ Diese sei, erklärt Karla Weiß, von dem Eutiner Professor Carl Rhein angefertigt worden. „Darum die Initialen ,PR‘ für Professor Rhein. 1944 verstehe ich nicht, dort hätte 1943 stehen müssen.“ Denn: Wissers 100. Geburtstag war der 27. August 1943, ein Jahr früher.

Die Antwort liegt in der schon damals nicht unkomplizierten Stadtpolitik. Denn aus Anlass des 100. Geburtstags Wilhelm Wissers beschloss die Stadt Eutin, an dessen Wohnhaus in der Bahnhofstraße 9 eine Gedenktafel anzubringen. Im Juli 1943 beauftragte der Bürgermeister den Eutiner Professor Carl Rhein, die Tontafel zu modellieren. Dieser hatte es aber nicht so eilig mit seinem Werk – im August 1944 hatte die Hansische Bau- und Kunsttöpferei Lübeck die Gedenktafel fertiggestellt. Darum steht statt der Jahreszahl „1943“ die „1944“ auf der Tafel. Anschließend herrschte Uneinigkeit bei Frage: Wohin mit der Gedenktafel? Denn inzwischen hatten die Kommunalpolitiker durch die noch lebende Witwe Wilhelm Wissers erfahren, dass der Märchenprofessor die längste Zeit in der Auguststraße 37 – heute Albert-Mahlstedt-Straße – gelebt hatte.

Zu den Wirren um einen Standort für die Ehrentafel kam das Kriegsende in Eutin. Und so geriet die Erinnerung an Wilhelm Wisser ins gedankliche Abseits.

Erst im November 1946 erinnert die Niederdeutsche Gilde Ostholstein den Eutiner Bürgermeister in einem Brief daran, dass die Stadt „eine für eine Ehrung des berühmten Heimatforschers Wilhelm Wisser bestimmte Tontafel in ihrem Besitz hat.“ Diese solle in einem Schuppen gelagert sein, „der wohl nicht als angemessener Aufbewahrungsort betrachtet werden kann“. Die Niederdeutsche Gilde übernahm daraufhin die Anbringung der Wisser-Tafel in der Albert-Mahlstedt-Straße im Jahr 1947. Die im selben Jahr gegründete plattdeutsche Stadtgilde organisierte die Enthüllungsfeierlichkeiten zu Ehren Wilhelm Wissers mittlerweile 104. Geburtstag.

Insgesamt sechs Tage dauerten die Feierlichkeiten mit einer Wilhelm-Wisser-Gedächtnisausstellung, Märchenstunden, Leseabenden, Gesangsvorträgen, Volkstänzen, Vorträgen über Wilhelm Wisser sowie Volks- und Kunstmärchen und einem Dorffest in Braak. Historische Dokumente berichten von mehreren tausend Besuchern der Feierlichkeiten.

Diese waren im Übrigen der Grundstein für die jährlich stattfindenden Feiern der Eutiner zu Ehren von Wissers Geburtstag mit Laternenumzügen, Gesang, Tanz und dem bis heute beliebten Dummhans – einer Figur aus Wissers Märchen – aus Plätzchenteig.

Wilhelm Wisser wurde am 27. August 1843 in Klenzau geboren. Der später als „Märchenprofessor“ bekannte Wisser wuchs bei seiner Großmutter in Braak auf. An der Weber-Schule – wo er später 15 Jahre lang als Lehrer und Schulmeister tätig war – machte er sein Abitur. Anschließend studierte Wisser alte Sprachen in Kiel. 1892 trat er in die Literarische Gesellschaft Eutin ein. Hier hielt er Vorträge, unter anderem über Märchen. Dabei erinnerte sich Wisser an die Märchen seiner Großmutter Cäcilia Sach. Karla Weiß: „Aber sie fielen ihm nicht mehr alle ein, darum fragte er die alten Eutiner.“ Vom Pastor erhielt Wisser den Tipp, „Grotmoder“ Stina Schloer in Griebel aufzusuchen. „Wilhelm Wisser ist jeden Tag 15 Kilometer zu ihr gelaufen, von ihr hat er einen Großteil seiner Märchen.“ So entstanden drei Märchen-Bände „Wat Grotmoder vertellt“.

Wisser reiste bis nach Fehmarn auf der Suche nach Volksmärchen. Sprachliche Nachhilfe bekam er von seiner Schwester Wilhelmine Marie Christine: „Sie hat als Bauersfrau kein einziges Wort Hochdeutsch gesprochen, sie sprach nur Platt“, erklärt Karla Weiß. „Aber der studierte Bruder Wilhelm holte sich bei ihr Rat, sie war ihm oft behilflich.“ Das Ergebnis von Wissers Arbeit sind die Sammlungen „Wat Grotmoder vertellt“ und „Plattdeutsche Volksmärchen“.

1902 wird Wilhelm Wisser von Eutin nach Oldenburg versetzt, dort stirbt der Märchenprofessor 1935. Das Grab Wilhelm Wissers ist auf dem Eutiner Friedhof. „Er wollte in Eutin beerdigt werden, das hat er immer gesagt“, berichtet Karla Weiß. „Er hat die Verbindung zu Eutin und Klenzau nie abreißen lassen.“ Noch heute hält die Stadtgill Eutin Wilhelm Wissers Andenken aufrecht. Gilde-Mitglied Karla Weiß: „Wir gehen jedes Jahr an seinem Geburtstag an sein Grab und singen.“

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