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Ein Selbstversuch – Überleben ohne Ausrüstung

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Einstieg 1: Wo bin ich? Ich friere. Die Kälte des feuchten Waldbodens kriecht über meine Zehen die Beine hinauf. Alles Zehengewackel hilft nicht mehr. Es ist ein neblig-kalter Novembertag. Ich habe mich verirrt. Neben der Kälte steigt in mir Panik auf, denn: In zwei Stunden wird die Sonne untergegangen und ich in einem stockfinsteren Wald ohne jede Orientierung verloren sein. Was soll ich tun? Schreien? Aber wer hört mich hier schon? Ein Feuer machen – aber womit?

So sieht die fiktive Ausgangssituation für den Kurs „Überleben ohne Ausrüstung“ aus, den ich bei Überlebensexperte Detlef Kamerau absolviere. „Ungewollte Wildnissituation“ nennt der Survivalexperte das, was wir hier mitten im Wald erproben. Die Teilnehmer – neun Männer, eine Frau (und ein Hund) – tragen nicht mehr bei sich als ihre Kleidung.

Ich wage also das Experiment. Wie schwer kann das schon sein? Man schlägt zwei Steine gegeneinander, so dass ein kuscheliges Feuer entsteht. Daran wärmt man sich die ganze Nacht die Füße und nascht süße Waldbeeren, bis „Christoph 12“ am nächsten Morgen die Rettungsleiter durch die Baumwipfel abseilt. Dieser Zahn wird mir schnell gezogen.

Sonnabend 10 Uhr: Wir treffen uns in Malente, fahren in Kolonne auf einen entlegenen Parkplatz und gehen 20 Minuten tief hinein in einen mir unbekannten Wald. Ich kenne niemanden aus der Gruppe, aber Kursleiter Detlef Kamerau gibt mir schnell das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Viele der Teilnehmer tragen Bundeswehr-Parkas und haben mir mit großer Wahrscheinlichkeit einiges an Überlebenserfahrung voraus. Die angespannte Stille der marschierenden Truppe unterbricht Rudelführer Detlef Kamerau mit einem Exkurs in die Küche des Waldes, indem er ein unscheinbares Blatt in die Luft hält: „Die Silbernessel ist essbar, enthält viele wertvolle Nährstoffe und schmeckt noch dazu sehr gut.“ Ich probiere sofort eins der silbergrünen Blätter und tatsächlich, es schmeckt wie eine Mischung aus Kresse und Minze. Als Wegzehrung stecke ich mir ein paar Silbernesselblätter in die Jackentasche. Im Wald weiß man ja nie, wann die nächste Mahlzeit wartet.

Als Nächstes lautet Detlefs Befehl, reichlich Birkenrinde zu besorgen. Denn diese ist als Brennmaterial und vitaminreiches Nahrungsmittel die Allzweckwaffe des Überlebenskünstlers, erklärt er. Während ich einen abgestorbenen Birkenstamm mit einem scharfkantigen Stein malträtiere, komme ich ins Gespräch mit Eric. Er ist in der größtenteils in Erdtönen gekleideten Gruppe nicht zu übersehen, denn er trägt den knallroten Regenponcho seiner Freundin. „Ich laufe sonst nicht so rum“, beteuert er, „aber ich brauchte einen Regenschutz.“ Eric und Stefan haben ihrem Freund Olli den Überlebenskurs zum 30. Geburtstag geschenkt. „Das hat Tradition bei uns. Wir schenken uns gegenseitig Wochenendtrips oder Aktionen wie Fallschirmsprünge und machen das dann zusammen“, erklärt Eric, „das macht immer Spaß.“ Olli selbst ist da noch unschlüssig: „Als ich das Geschenk bekommen habe, habe ich gelacht“, erzählt er mir. „In den letzten Tagen haben sich Vorfreude und Nervosität aber abgewechselt.“

.sie im Schutze unserer Jacken trocknen und transportieren

„Als Erstes braucht ihr einen Unterstand, in dem ihr schlafen könnt“, hält Detlef Kamerau fest, als wir mitten im Wald stehen bleiben, fernab von Wegen oder Lichtungen. In Dreier- und Vierergruppen eingeteilt suchen wir uns geeignete Baumgruppen zum Anbauen der provisorischen Zeltkonstruktion, die uns nachts vor Regen und Kälte schützen und zusätzlich Platz für eine Feuerstelle bieten soll. Ich bin mit Kai und Kai in einem Team. Unser Baumaterial sind Äste, Zweige, Reisig, Laub, Schilf und alles, was der Wald sonst noch bietet. Noch erinnert alles an die Konfirmandenausflüge meiner Kindheit oder Pfadfinder-Lager: Kreuz und quer gehe, klettere oder krieche ich durch das regennasse Unterholz und schleppe Äste jeder Länge zu unserem künftigen Schlafplatz. Die Herbstluft riecht nach feuchtem Waldboden und trotz der niedrigen November-Temperaturen komme ich ins Schwitzen. Für die hüfthohe mit Schilf ausgekleidete Konstruktion benötigen wir mehr als zwei Stunden. Dann steht unser Nachtlager. „Entgegen der allgemeinen Annahme, man könne ein Feuer machen, indem man zwei Flintsteine gegeneinanderschlägt, brauchen wir einen Flint und einen Pyrit“, erklärt Kamerau. Nur das Feuer fehlt noch. Inzwischen geht die Sonne unter, wir haben also ein bisschen Druck. Olli versucht als Erster sein Glück. Mit einem scharf geschlagenen Flintstein schlägt schlägt Olli

Nach einem einschneidenden Erlebnis mit einer wehrhaften Farnpflanze muss ich auf das Feuermachen verzichten.

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erstellt am 13.Dez.2016 | 14:43 Uhr

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