Ein Roman wie ein Kaleidoskop

Wolfgang Griep im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay.
Wolfgang Griep im Gespräch mit der Autorin Juliana Kálnay.

Die preisgekrönte Autorin Juliana Kálnay las im „Binchen“ aus ihrem Debütroman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“

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09. Juni 2018, 21:48 Uhr

Schön war, dass Juliana Kálnay am Freitagabend im „Binchen“ war. Schade war, dass das Publikum zu einem weit geringeren Teil anwesend war, als es der Saal des Kommunalen Kinos ermöglicht hätte. Dabei hat der nicht anwesende Teil durchaus etwas verpasst. Und die Abwesenheit hat hoffentlich nichts mit dem Titel des Debütromans der jungen Autorin „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ zu tun.

Die zweifache Preisträgerin (Hebbel- und Aspekte-Literaturpreis), die in Hildesheim kreatives Schreiben studierte, las im ersten Teil des Abends Episoden aus ihrem Roman, der ausschließlich im Haus Nummer 29 spielt. Etwas anderes erfährt man nicht über den Ort. Es sind surreale Geschichten, die sie liest, die den Zuhörer zwischen Vergnügen an so viel Fantastischem und einem gewissen Schauder ob der Möglichkeiten hin- und hergerissen sein lassen.

Der zweite Teil gab dem Publikum Gelegenheit, unter Moderation von Wolfgang Griep mit der Autorin ins Gespräch zu kommen. Griep begann, seinerseits Fragen zu stellen, und Juliana Kálanay, die zuvor eher zurückgenommen gelesen hatte, wurde in ihren Antworten plötzlich sehr lebhaft.

Es war spannend zu erfahren, wie der von Kritikern als besonders außergewöhnlich gelobte Roman entstanden ist. Da ist zunächst ihre spielerische Herangehensweise, von der sie erzählte. Und in der Tat schreibt sie ihre Geschichten mit der Freude und der überbordenden Fantasie eines Kindes am Fabulieren. Was wäre, wenn … oder vielleicht könnte es ja auch so gewesen sein … Was ist schon wirklich, greifbar, festgeschrieben? So entsteht, wie Wolfgang Griep es formulierte, ein Roman wie ein Kaleidoskop, in dem bei jedem Schütteln die Scherben anders fallen und dem Betrachter neue Bilder anbieten. Interessant auch, wie Juliana Kálnay aus diesen Splittern doch ein Gebilde zusammensetzt, das am Ende ein Roman geworden ist.

Inspiriert wird die Tochter argentinischer Eltern dabei von surrealistischen Autoren wie Julio Cortázar und César Aira, dessen Satz „Das Haus würde fertig sein, wenn alles Innenwelt geworden wäre“ sie fasziniert. Ob ihr Haus mit der Nummer 29 und den immer ein wenig in der Schwebe lebenden und dabei irgendwie einsamen Existenzen innerhalb dieser Hausgemeinschaft fertig geworden ist, muss der Leser selbst entscheiden, so wie bei manchen Rollen offen ist, wer tatsächlich spricht. Vielleicht wird es aber niemals fertig, sondern bleibt ein mit Leichtigkeit erzähltes Wandelbild.

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