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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 12:29 Uhr

„Ein Raum der Selbstinszenierung“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Berliner Wissenschaftler Dr. Michael Niedermeier sieht Widersprüche bei der freimaurerischen Deutung des Eutiner Schlossgarten

Liegt der Gestaltung des Eutiner Schlossgartens Ende des 19. Jahrhunderts die Philosophie des Freimaurertums zugrunde? Die Mitglieder der Eutiner Loge vom Goldenen Apfel bejahen diese Frage uneingeschränkt, regelmäßig gibt es Führungen durch die Anlage mit Erklärungen, welche freimaurerischen Symbole sichtbar seien.

Zweifel an dieser Überzeugung äußert Dr. Michael Niedermeier. Und als er auf Einladung des Freundeskreises Schloss Eutin kürzlich einen Vortrag im Rittersaal hielt, sprach er vor vollen Rängen.

Sein Thema: „Freimaurer, Geheimbünde, Initiationen und die herrschaftlichen Landschaftsgärten der Aufklärungszeit“. Eingeführt vom Vorsitzenden des Freundeskreises, Dr. Wolfdieter Schiecke, entwickelte der Berliner Forscher ausgehend vom Diplomaten, Freimaurer und Illuminaten Goethe seinen Vortragsschwerpunkt vor dem weiten Panorama der Kultur der „Goethezeit“.

Fürstliche Gärten, so Niedermeier, seien in die Landschaft eingeschriebene, weltanschauliche und politische Entwürfe ihrer hochherrschaftlichen Besitzer. In diesen Gärten spielten seit der Renaissance auch stets an antiken Vorbildern geschulte Einführungen und Initiationen in die Unterwelt, das Elysium oder die antiken Mysterien eine wichtige Rolle.

Am Beispiel des berühmten Landschaftsgartens von Stowe (Buckinghamshire) erläuterte er zunächst, dass die Entwicklung des „Englischen“ Gartens unmittelbar auch mit der Übernahme des englischen Throns durch die Hannoveraner zusammenhing. Der Temple of Friendship und der Temple of the British Worthies in den Elysian Fields von Stowe seien für den vom König Georg II. mit Hofverbot belegten Erbprinzen Friedrich Ludwig von Wales konzipiert worden.

Die Einführung in das Elysium der alten britischen Helden durch Gott Merkur lasse sich als eine beim Spazierengehen sinnlich nachzuvollziehbare patriotisch-erzieherische Anleitung für den Prinzen lesen. Die wohlhabenden Lords der Opposition hätten so versucht, auf ihren landschaftlich umgestalteten Landsitzen den Thronfolger auf ihre Ideale einzuschwören.

Ähnliches sei Jahrzehnte später im deutschen Reich durch den Geheimen Fürstenbund, etwa mit dem Kaiser Joseph II. oder dem Prinzen von Preußen Friedrich Wilhelm (II.), versucht worden. Führend im Fürstenbund seien damals die aufgeklärten „Gartenfürsten“ Franz von Anhalt-Dessau und die Herzöge von Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha gewesen.

Anhand vieler Bilddokumente machte Niedermeier den Englischen Garten des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Gotha als ein Mysteriengarten anschaulich, der die Einführung in die Geheimnisse der „Mutter Natur“ versinnbildliche. Der Gothaer Herzog, ein führender Freimaurer und Kopf des geheimen aufklärerischen Illuminatenordens, habe sich seinen Garten als einen Initiationstraum in das Reich der Göttin Natur geschaffen.
Dies sei eine Metapher, zu lesen für die ständige Metamorphose und Umbildung in der Natur, wobei die Insel des Todes (Grabstätte der Prinzen und schließlich des Herzogs selbst) als der Eingang in das ersehnte mütterliche Naturreich der Freiheit verstehbar gewesen sei.

Goethe, ebenfalls Freimaurer und Illuminat und mehrfach in geheimdiplomatischer Mission nach Gotha gekommen, habe den Garten eine in sich verschlossene Anlage genannt, die „Vorhöfe, Tempel und Heiligstes“ nacherlebbar mache. Demgegenüber sei, so Niedermeier, das Labyrinth mit dem Elysium auf der Insel des Neumarkschen Gartens in den Wörlitzer Anlagen des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau als ein Entscheidungsweg zwischen Tugend und erotischer Verführung konzipiert worden. In der Wörlitzer „Mystischen Partie“, die im Monopteros der Venus und im Pantheon mit dem Initiationsraum der ägyptischen Göttin Isis in einem höhlenartigen Kellerraum und der Venus Urania kulminiere, sah Niedermeier keine freimaurerischen oder geheimbündischen Bezüge.

Die im offiziellen Gartenführer gegebenen Beschreibungen des Initiationsweges des vom Mystagogen geführten Lehrlings entschlüsselte der Forscher als wortwörtliche Übernahmen aus der Übersetzung der mystischen Initiation aus dem „Goldenen Esel“ des Römers Apuleius sowie aus dem Gesang an Venus aus Lukrez’ Lehrgedicht „Von der Natur der Dinge“. Der Vertraute des Fürsten August Rode habe die Textstellen aus seinen eigenen Übersetzungen in seinen Gartenführer hinein montiert.

Durch einen Textvergleich der Rodesschen Übersetzung mit der freimaurerischen Übertragung durch den Wiener Meister vom Stuhl, Ignaz von Born, arbeitete Niedermeier den markanten Unterschied zu den freimaurerischen Inititiationsriten des Männerbundes heraus: Apuleius’ ungekürzte Beschreibung der Isis-Initiation habe konkret die mystische Partie des Wörlitzer Gartens beeinflusst.

Hier – wie auch in der Lieblingsoper des Fürsten, Mozarts „Zauberflöte“ - würden Männer und Frauen in die Geheimnisse der Isis (Venus) eingeweiht. Der Wörlitz Garten sei daher auch verstehbar als ein Mysteriengarten des askanischen Fürstengeschlechts, das sich seit alters her fiktiv-genealogisch von der Göttin Venus ableitete.

Der Garten erscheine somit als eine begehbare Landschaftsmetapher für die erotisch-mystische Einweihung in den ewigen Liebesreigen der göttlichen Natur. Mit seiner Hilfe sollte auch der hierauf ansprechbare Prinz von Preußen geleitet und beeinflusst werden.

Nach seinen anspruchsvollen, trotzdem aber gut nachvollziehbaren Ausführungen antwortete Niedermeier noch auf Fragen aus dem Publikum. Nach seiner Meinung zu der populären freimaurerischen Deutung des Eutiner Gartens befragt, machte Niedermeier auf Widersprüche der Interpretation aufmerksam.

Am Beispiel der „ägyptisierenden Torwächterfiguren“ vor dem Eutiner Schloss als Einführer in die Geheimnisse gab er zu bedenken, dass diese erst um 1900, also rund 100 Jahre nach der Entstehung des Gartens, angefertigt worden seien. Eine symbolische Ausdeutung der Gartenanlage müsse unbedingt mit belastbaren historischen Quellen und einer nachvollziehbaren Erklärung des historischen Umfeldes untersetzt werden. Jeder fürstliche Garten sei stets zuerst ein Raum der fürstlichen Selbstinszenierung und Selbstdeutung.

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erstellt am 12.Mai.2014 | 16:08 Uhr

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