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Ostholsteiner Anzeiger

14. Dezember 2017 | 00:08 Uhr

Ein neues Zuhause auf Zeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kirchenkreis Ostholstein übergibt Haustürschlüssel an das kreisweit einmalige Projekt „Dach überm Kopf“

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2015 | 08:41 Uhr

Lange wurde gewerkelt, gemalert und umgebaut in einem der ältesten Häuser Eutins – der Wasserstraße 1. Gestern übergab der Kirchenkreis Ostholstein den Schlüssel nach fast einjähriger Bauzeit feierlich an Wilhelmine Kienzle, Vereinsvorsitzende von „Dach überm Kopf Eutin und Umgebung“.

Matthias Wiechmann, Probst im Ruhestand, war extra zu diesem Anlass nach Eutin gekommen. Wiechmann: „Ich erinnere mich noch gut an Hildegard Haske, die seit dem Krieg hier gelebt, sich das Haus vom Munde abgespart hat. Erst hat sie mit ihrer Mutter und dem vom Kriege kranken Bruder darin gewohnt, dann schließlich alleine.“ Als sie 1999 verstarb, vermachte sie das Haus der Kirche. Wiechmann: „Wir wollten es in ihrem Sinne mit Leben füllen. Sie war tiefgläubig und obwohl sie selbst im Leben eher auf der Schattenseite stand, hatte sie immer etwas für die übrig, denen es noch schlechter ging.“

Fast zeitgleich suchte der Verein „Dach überm Kopf“ eine neue Bleibe, da die bisherigen Räume wegen des Anbaus der Wisser-Schule an der Elisabethstraße nicht mehr zur Verfügung standen. 2002 konnte der Verein mit seinen wechselnden Bewohnern in die Wasserstraße 1 einziehen. Doch schon damals war klar, so berichten Kirchenkreis Ostholstein und Vereinsmitglieder, dass etwas getan werden muss. 226  000 Euro – mehr als erwartet – investierte der Kirchenkreis in das auf 300 Jahre geschätzte Gebäude, in dem einst auch Johann Heinrich Voß zwei Jahre wohnte. Über dem Eingang erinnert noch heute eine Tafel an die Jahre 1782 bis 84.

Mehr als 70 Menschen haben seit 2002 hier eine Bleibe gefunden, darunter 40 Männer, 23 Frauen und neun Kinder. Bis zu drei Einzelpersonen oder Erwachsene mit Kindern können zeitgleich auf den beiden Etagen wohnen. Wilhelmine Kienzle erklärt: „Ziel ist es, die Zeit der Wohnungssuche für die Menschen in Problemlagen zu überbrücken.“ Bestenfalls bleiben die Menschen nur rund drei Monate, es habe aber auch Ausnahmefälle gegeben. Auch jetzt wartet die erste Bewohnerin, eine schwerbehinderte Frau Anfang 50, auf ihren Einzug im Mai.
Kienzle: „Derzeit erlebt sie Psychoterror zu Hause. Es wird Zeit, dass sie da weg kann.“ Viele Anfragen habe es im Jahr der Baustelle gegeben, umso größer die Freude, dass das Haus jetzt wieder bezogen werden kann. Das Besondere am Konzept: Die Bewohner auf Zeit werden vom Sozialarbeiter der Stadt, Christoph Horst-Paaschburg, betreut.

Gegründet hat sich der Verein einst aus der „Eutiner Runde“ – einem Zusammenschluss von Sozialarbeitern aus verschiedenen Berufsfeldern vor mehr als 21 Jahren. Gründungsmitglied Christoph Horst-Paaschburg erinnert sich: „Anfang der 90er gab es eine eklatante Wohnungsnot und wir wollten die Menschen aus Notsituationen heraus menschenwürdig unterbringen.“ Die nicht gewollte Alternative damals wie heute: der Lindenbruchredder. Der Verein hilft Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, Straftätern nach ihrer Haftzeit oder Jugendlichen.
Die Miete von 250 Euro zahlen die Mieter selbst – oder das Jobcenter.

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