zur Navigation springen
Ostholsteiner Anzeiger

19. August 2017 | 13:54 Uhr

Ein neues Heim für Ingrid-Agathe

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Claudia Resthöft wollte eigentlich nur Überflüssiges auf dem Flohmarkt loswerden – für uns schrieb sie ihre Erlebnisse als Standbetreiberin auf

Den ersten Interessenten müssen wir enttäuschen – außer einem Fläschchenwärmer haben meine Freundin und ich keine Elektrogeräte anzubieten. Und auch die erhofften Schallplatten gibt es bei uns nicht. Wir haben an diesem Wochenende das erste Mal einen Stand beim Malenter Juniflohmarkt, der bereits zum vierten Mal von der Wirtschaftsvereinigung Malente organisiert wurde.

Auf unseren Tischen stapeln sich Kinderkleidung, Schlafsäcke und Babyfläschchen sowie Krimis, Modeschmuck und Dekokrimskrams. Ganz vorne haben wir Ingrid-Agathe platziert – eine fast lebensgroße Plastikente in Rot- und Brauntönen. Und sie ist unser Maskottchen, haben wir beschlossen. Allerdings macht sie ihre Sache eher schlecht, denn es verirren sich nicht so sehr viele Leute an unseren Stand. Dabei wohnt meine Freundin nur ein paar Schritte vom Kurpark entfernt. Allerdings haben wir wohl die Faulheit der Leute unterschätzt, denn offensichtlich ist kaum jemand bereit, ein paar Schritte zu uns in die Seitenstraße zu gehen. Sogar ein selbst gemaltes Hinweisschild hilft kaum. Also entschließen wir uns nach knapp vier Stunden, unseren Kunden entgegen zu kommen und tragen unsere beiden Tapeziertische, einen Kinderwagen, eine Babyschale sowie diverse Kisten mit Büchern, Handtaschen und Kleinkram rund 50 Meter näher an die Einmündung. Es funktioniert. Zumindest schauen sich ein paar mehr Leute unsere Waren an. Und ein einige Leute kaufen sogar etwas. Für 1,50 Euro etwa erwirbt eine Frau meinen gepunkteten Regenhut. Nicht, weil sie dem norddeutschen Wetter nicht trauen würde. Sondern weil er lila ist. Eine andere Frau muss die gerade bei mir erstandene CD erst einmal fotografieren. Sonst glaube ihr niemand, dass sie sie heute auf dem Flohmarkt gekauft habe, denn gerade einen Tag zuvor sei ihr dieser Soundtrack von einem Freund empfohlen worden.

Ein Mann fragt ein wenig zögernd, ob wir vielleicht Herrenkleidung in Größe XL haben. Haben wir nicht und mit den Kinderhosen in Größe 74/80 kann der nach eigener Aussage „notorische Single“ nichts anfangen. Leider können wir auch dem jungen Mann nicht helfen, der quer über die Straße brüllt, ob wir spezielle Computerspiele haben.

Viele Menschen fahren in Schrittgeschwindigkeit mit ihren Autos an unserem Stand vorbei und schauen, ob sie etwas interessiert. Meine Freundin und ich überlegen, ob es wohl einen Markt für einen Drive-in-Flohmarkt gäbe.

Amüsiert stelle ich fest, dass sich viele der Flohmarktgänger generalstabsmäßig vorbereitet haben. Nicht nur, dass sie mit Taschen, Kleingeld und Getränken ausgerüstet sind. Die meisten haben den Plan mit den verschiedenen Flohmarktständen griffbereit in der Tasche. Laut Wirtschaftsvereinigung gibt es darauf etwa 120 Stände in 25 Straßen. Bei mehreren Leuten sehe ich sogar, dass sie die Straßen, in die sie wollen, auf dem Plan markiert und die, in denen sie bereits waren, durchgestrichen haben. Gegen 18 Uhr packen wir unsere Sachen zusammen. Unser Umsatz ist übersichtlich, aber immerhin hat kurz zuvor Ingrid-Agathe ein neues Heim gefunden. Hoffentlich ist man dort nett zu ihr. Sie hat es verdient.

zur Startseite

von
erstellt am 06.Jun.2016 | 00:26 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen