Ein Minister drückt aufs Tempo

Gebannte Zuhörer fand Wirtschafsminister Bernd Buchholz bei seinem Vortrag im Foyer der Sparkasse Holstein.
Gebannte Zuhörer fand Wirtschafsminister Bernd Buchholz bei seinem Vortrag im Foyer der Sparkasse Holstein.

Bernd Buchholz erklärt beim UVOH-Jahresempfang, wie er Schleswig-Holstein zum mittelstandfreundlichsten Bundesland machen will

shz.de von
08. März 2018, 13:58 Uhr

Der Mann sprüht vor Energie. Wer Bernd Buchholz erlebt, fühlt sich an einen dieser Motivationstrainer erinnert, die einem weismachen wollen, man könne allein mit Willenskraft alles erreichen. Am Mittwochabend spricht der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister beim Jahresempfang des Unternehmensverbands Ostholstein-Plön (UVOH). Gut 100 Gäste sind ins Foyer der Sparkasse Holstein gekommen, um zu hören, was der FDP-Mann, der von 2009 bis 2012 Vorstandsvorsitzender beim Medienkonzern „Gruner und Jahr“ war, zu sagen hat.

Das nördlichste Bundesland erhebt Langsamkeit ja schon mal zur Tugend, was dem Minister gar nicht gefällt. „Das Land braucht eine andere Dynamik als in der Flensburger-Werbung“, wiederholt er einen Satz, den er woanders schon einmal gesagt hat. Er ahmt das Geräusch aus einem Werbespot nach, in dem sich zwei Typen betulich in einer quietschenden Hollywood-Schaukel hin- und herbewegen.

Der FDP-Mann legt da ein anderes Tempo vor und hat auch ein klares Ziel vor Augen. „Wir wollen das mittelstandfreundlichste Bundesland werden“, zitiert er einen Satz aus dem Koalitionsvertrag des Jamaika-Bündnisses, den er dort hineinformuliert habe. Dafür werden Hinterlassenschaften der verblichenen Küstenkoalition jetzt geschleift, so wie – ganz frisch – das „Tariftreue- und Vergabegesetz“. Das mache Schleswig-Holstein zu einem Land mit zwei Küsten und drei Mindestlöhnen, lästert Buchholz: des Bundes, des Landes und des Vergaberechts. „Gut gemeint“ sei eben nicht „gut gemacht“, und so sorgten die vielen Formulare dafür, dass sich Mittelständler an öffentlichen Ausschreibungen gar nicht mehr beteiligten. „Das neue Gesetz umfasst nur fünf Paragrafen“, berichtet Buchholz. Der Mindestlohn des Landes werde abgeschafft und der vergaberechtliche Mindestlohn eingefroren.

Beim Punkt Unternehmensgründungen bekommt der Gastgeber, Sparkassen-Chef Martin Lüdiger, einen kleinen Seitenhieb ab. „Das ist ein schwieriges Thema. Das hat auch etwas mit Ihrer Branche zu tun, Herr Lüdiger.“ Ein „verträumter Sparkassen-Mitarbeiter“ scheue eben das Risiko, stichelt Buchholz genüsslich. Deshalb habe die Landesregierung gerade einen „Seed- und Start-up-Fonds“ aufgelegt. „Da gucken dann schon mal ein paar Hamburger“, sagt der Wirtschaftsminister stolz über die Fördermaßnahme für technologieintensive Unternehmensgründungen.

Mit Blick auf den Tourismus lobt Buchholz die Entwicklung in Scharbeutz und geißelt das Kirchturmdenken. „Was können wir aus Plön, Bosau und Malente machen, wenn man aus der Denke rauskommt: lieber mein kleiner Ort?“ Auch für Ansiedlungen sei die Metropolregion Hamburg von entscheidender Bedeutung. „Da brauche ich nicht mit einem Wirtschaftsförderer Ostholstein um die Ecke kommen“, findet Buchholz.

Zwei Zukunftsbranchen hat Buchholz als besonders bedeutend für das Land im Blick: Medizintechnik und Ernährungswirtschaft. „Der größte Müsliriegelproduzent der Welt sitzt in Lübeck“, sagt Buchholz mit Blick auf die Firma H. & J. Brüggen. Die Zukunft liege in individualisierter Ernährung, ist der Minister überzeugt. Seine Frau trage bereits ein Armband, das Schritte zähle. Künftig werde ein solches Armband anhand der gemessenen Körperfunktionen ermitteln, welche Nahrung für seinen Träger gerade sinnvoll sei, sagt er zum allgemeinen Erstaunen und setzt noch einen drauf: „Und dann teilt dieses komische Armband das nicht Ihnen mit, sondern Ihrem Kühlschrank.“ Daran werde in der digitalen Ernährungswirtschaft gearbeitet, ist der Minister überzeugt. „Das funktioniert aber nicht, wenn man auf dem Weg nach Eutin zwei Mal durch ein Riesenfunkloch fährt, so wie ich“, schränkt er ein und leitet damit zum Thema Breitband über.

„Da hat die Vorgängerregierung gute Arbeit geleistet“, lobt er. In Schleswig-Holstein könnten bereits 32 Prozent der Haushalte an Glasfaser angeschlossen werden. International sei das nichts, aber bundesweit liege die Quote nur bei sieben Prozent.

Bis 2030 sollte ursprünglich flächendeckend schnelles Internet durchgesetzt sein. Die neue Landesregierung mache noch mehr Tempo: Jetzt laute das Ziel 2025. Doch um das zu erreichen, müsse die Wirtschaft mitspielen, fordert Buchholz von seinem Publikum: „Die Nachfrage müssen auch Sie als Unternehmer und Privatleute unterstützen, damit die Post abgeht.“

Immerhin: Dass mehr Tempo gefragt ist, räumt sogar die Flensburger Brauerei ein, die sich nach Buchholz’ Ausspruch über die fehlende Dynamik in deren Werbespots umgehend meldete. Sie schickte einen neuen Werbespot. Darin haben die Hollywood-Schaukler ihr Tempo mit Verweis auf den Wunsch des dynamischen Wirtschaftsministers deutlich erhöht. Das ist noch nicht so ganz, was Buchholz vorschwebt. Doch es sei immerhin ein Anfang, findet er.

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