Ein Mammutprozess ohne Urteil

Vertagung nach über acht Stunden Verhandlung / Zeuginnen brechen aus Angst vor dem Angeklagten in Tränen aus

JulianHeldt_5837.jpg von
15. November 2013, 00:31 Uhr

Schweigende Angeklagte, eingeschüchterte Zeugen, unzählige Unterbrechungen und ein Drogenkonsument, der gleich in zwei Fällen die Hauptrolle spielte. Über acht Stunden wurde am Mittwoch vor dem Amtsgericht Eutin verhandelt. Ein Urteil konnte der routinierte Richter Otto Witt am Ende nur in einem Fall sprechen.

Aber der Reihe nach: In der ersten Verhandlung musste um 9.30 Uhr ein 49-jähriger Eutiner auf der Anklagebank Platz nehmen. Ihm warf die Staatsanwaltschaft vor, seinen ehemaligen Nachbarn im Februar 2012 damit beauftragt zu haben, bei einem Drogendealer aus Süsel 500 Gramm Haschisch zu besorgen. Laut Anklageschrift wollte er das Rauschgift später an mehrere Kunden weiter verkaufen. Der Angeklagte wollte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Richter Otto Witt ließ daraufhin seinen vermeintlichen Zwischenhändler, einen 34-jährigen Mann aus Malente, in den Gerichtssaal rufen.

Dieser hatte den Prozess mit einer Selbstanzeige im August 2012 überhaupt erst ins Rollen gebracht. Das große Problem: Er war nicht vor Gericht erschienen. Mehrfach versuchte Richter Otto Witt, den Hauptbelastungszeugen per Telefon zu erreichen. Vergeblich. Der Mann blieb verschwunden. Da er als einziger Zeuge aussagen sollte, schien die Verhandlung bereits fünf Minuten nach Beginn vor dem Abbruch zu stehen. Das lange Warten begann. Erst nach über einer Stunde stand der Zeuge in Begleitung eines Polizeibeamten auf einmal im Gerichtssaal. „Ich habe verschlafen. Tut mir leid“, sagte er. In seiner Aussage bestätigte er die Vorwürfe gegen den Angeklagten, wie sie in der Anklageschrift verlesen worden waren.

Zu einer Verurteilung kam es dennoch nicht. Zu oft verstrickte sich der Arbeitslose, der nach eigenen Angaben regelmäßig Drogen konsumiert, in Widersprüche – besonders in Detailfragen. Erschwerend kam hinzu, dass er bei einer frühen Selbstanzeige im März 2012 behauptete, das Haschisch auf eigene Faust gekauft und es später an eigene Abnehmer vertrieben zu haben. Der Staatsanwaltschaft und dem Schöffengericht blieb somit keine andere Wahl, als den schweigenden Angeklagten vom Vorwurf des Drogenhandels freizusprechen.

In der zweiten Verhandlung – inzwischen war es 13 Uhr – wurde es voll im Gerichtssaal A. Auf der Anklagebank: Ein 45-jähriger Mann aus der Gemeinde Süsel und sein vermeintlicher Komplize, ein 41-jähriger Grömitzer. Ihnen legte die Staatsanwaltschaft zur Last, am 1. August 2012 den bereits erwähnten Zwischenhändler in der Wohnung seines Bruders in Eutin aufgesucht und gemeinschaftlich verprügelt zu haben. Das Opfer erlitt bei dem Überfall Prellungen im Gesicht und am Brustkorb. Das Motiv laut Anklage: Das Opfer schuldete dem Süseler 400 Euro aus dem im ersten Fall genannten Drogengeschäft. Bei dem Angeklagten soll es sich demnach um den Dealer gehandelt haben, bei dem der Zwischenhändler im Februar 2012 500 Gramm Haschisch erwarb.

„Als ich die Tür nach dem Klopfen öffnete, hatte ich auch schon eine Faust im Gesicht“, erzählte der Mann aus Malente. Während die Angeklagten schwiegen, gab er zu, in den Stunden vor der Tat circa vier Liter Bier getrunken sowie Haschisch und LSD konsumiert zu haben. Ein Punkt, der die Verteidiger der Angeklagten auf den Plan rief. Sie verwiesen darauf, dass sich das vermeintliche Opfer nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus aggressiv gegenüber dem Pflegepersonal verhielt und sogar an Armen und Beinen fixiert werden musste. „Daran kann ich mich nicht erinnern“, sagte der Verprügelte lapidar. Die Verteidiger befragten ihn nun intensiv, ob er das beschriebene Aggressionspotential nicht vielleicht schon zum Tatzeitpunkt an den Tag legte.

Dies wiederum konnte die Nachbarin seines Bruders nicht bestätigen. Sie hatte den Überfall im August letzten Jahres hautnah mitbekommen und später mit einer weiteren Nachbarin die Polizei gerufen. Vor Gericht wirkten die beiden Zeuginnen stark eingeschüchtert. Mehrfach brachen sie während der Vernehmung in Tränen aus, immer wieder legte Richter Otto Witt kurze Pausen ein. Besonders jener Zeugin, die den 45-jährigen Süseler als Täter identifizierte, war die Angst ins Gesicht geschrieben. Nur unter Begleitung von Wachleuten traute sie sich in den Gerichtssaal. „Man sagt, dass er über Leichen geht“, verlieh sie ihrer Furcht Ausdruck.

Gleichwohl wiesen ihre Schilderungen auch Schwächen auf, denn sie widersprachen ihrer früheren Polizeiaussage in einem Punkt elementar. Damals hatte die Zeugin noch behauptet, sie kenne den beschuldigten Süseler nicht persönlich. „Ich habe früher mit ihm zusammen gearbeitet“, gab sie nun vor Gericht an.

Der Fall blieb verworren. Da die Zeit immer weiter voranschritt und ein baldiges Ende nicht in Sicht schien, vertagte Richter Otto Witt die Verhandlung auf den 27. November. Bis dahin haben nun besonders die Angeklagten und ihre Verteidiger Zeit, noch neue Zeugen zu benennen.

Richter Otto Witt ließ anklingen, dass er ein schnelles Ende für möglich halte. Bisher wurde lediglich einer der Angeklagten von einer Zeugin am Tatort erkannt. Sein vermeintlicher Komplize konnte selbst vom Täter nicht identifiziert werden.

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