Ein Lebenstraum für die Jungs

Schafften für ihre Kinder ein Zuhause: Christine Burdorf (von links), Eva Simmann und Sylvia Kähler.
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Schafften für ihre Kinder ein Zuhause: Christine Burdorf (von links), Eva Simmann und Sylvia Kähler.

Vorbildfunktion: Engagierte Eltern behinderter Kinder gründeten einen Verein und ermöglichen ihren Sprösslingen ein eigenständiges Leben

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14. Juli 2015, 17:49 Uhr

Terence Hill und Bud Spencer schauen auf Tims Besucher, wenn sie ihm bis in sein Zimmer ins Dachgeschoss folgen. Gleich neben dem Poster klebt die zweite Leidenschaft am Schrank: Fußballsticker. „Bayern München“, sagt Tim. Seine Augen leuchten dabei. Tim ist geistig behindert, sein Wortschatz klein und dennoch soll er ein eigenes Leben außerhalb von Heimen und Einrichtungen führen können – zum Beispiel in einer Wohngemeinschaft mit Freunden direkt in Bad Schwartau.

Dass dieser Wunsch seiner Eltern in Erfüllung gehen konnte, ist dem unerbittlichen Engagement des Vereins „Lebens(t)räume zu verdanken, der am 31. Mai 2007 von Eltern geistig oder mehrfach behinderter Kinder gegründet wurde. Der Weg bis zum Einzug der Bewohner, wie die Vereinsmitglieder „ihre Jungs“ professionell nennen, war steinig. Ans Aufgeben war nicht zu denken, zu groß der Wunsch, dem eigenen Kind ein selbstbestimmtes Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten zu bieten. „Man macht sich früh Gedanken, was einmal sein wird, wenn man selbst nicht mehr ist“, sagt Christine Burdorf, Mutter von Tim und Vereinsvorsitzende. „Als Mutter eines behinderten Kindes ist es eben nicht normal, dass nach der Schule eine Ausbildung gemacht wird, das Kind auszieht und seinen Weg macht. Da Bedarf es mehr.“

„Normal“, das ist auch so ein Begriff, der Eltern behinderter Kinder ständig umkreist – meist im negativen Kontext – „nicht normal“ oder „anders“. Wie oft habe sie die Blicke anderer Eltern gespürt, berichtet Burdorf, und nicht nur sie, sondern auch ihr Sohn. „Mama, die gucken“, war einer der ersten Sätze ihres Sohnes. Seiner Mutter tat er im Herzen weh. Auch Eva Simmann erging es so: „Ich bin dann immer auf die Leute zugegangen und habe gesagt: ‚Wenn Sie etwas wissen möchten, fragen Sie mich gern alles. Aber starren Sie mich und meinen Sohn nicht an, als wären wir Zootiere.‘ Damit habe ich meistens positive Erfahrungen gemacht.“ Ihr Sohn Constantin, heute 29, hat das Down Syndrom und wohnt eine Etage unter Tim.

Alle Bewohner sind Freunde, kannten sich vor dem Einzug aus der Schule, von gemeinsamen Freizeitaktivitäten oder aus den Werkstätten, denn alle arbeiten mittlerweile. Ihre Eltern setzten sich früh mit der Frage auseinander, was es nach dem elterlichen Nest für Alternativen gibt. Heime oder Betreutes Wohnen im großen Stil wollten sie nicht. Burdorf: „Wir wollten einen Ort finden und schaffen, an dem sie selbstbestimmter Leben können.“ Damals waren sie die ersten mit dieser Idee. Die Geldgeber davon zu überzeugen, misslang außer bei einem Kreditinstitut: „Keiner wollte Behinderte vor die Tür setzen müssen, wenn wir nicht mehr zahlungsfähig und mit unserer Idee gescheitert wären.“ Sie sind es nicht. 2011 zogen „die Jungs“ ein. Außer einer Bank haben die Eltern mit der Paritätischen Pflege Schleswig-Holstein auch noch einen Partner gefunden, der die Betreuung und Pflege vor Ort übernimmt und rund um die Uhr gewährleistet. 15 Mitarbeiter arbeiten in der WG im Schichtdienst, jeder, der sieben Bewohner hat seine Vertrauensperson und Bezugsbetreuer. Sie unternehmen etwas gemeinsam in der Gruppe, wie beispielsweise im anstehenden Sommerurlaub, oder gestalten ihre Freizeit individuell mit Hobbys. Ein ganz normales Leben eben, neben der Arbeit. Diese findet, gesellschaftlich isoliert in den Werkstätten statt. Burdorf: „Früher gab es Hilfsarbeiter und Handlanger. Es wäre einfach schön, wenn diejenigen, die es können, eine Chance auf eine Stelle im richtigen Arbeitsmarkt hätten und dann auch von ihrem Geld leben und sich Wünsche erfüllen können“, sagt Christine Burdorf. Ihr Sohn habe einen ganz normalen Arbeitstag, fünf Tage die Woche für rund 100 Euro im Monat. Aufgestockt wird das Geld mit einem Betrag, sodass alle auf das Gleiche kommen, die ihnen zustehende Grundsicherung. „Es wäre schöner für ihren Selbstwert, wenn sie wüssten, sie könnten von der Arbeit ohne staatliche Hilfen leben.“ Für die Eltern gleiche das Leben mit einem behinderten Kind einer ständigen Offenbarung aller Einkünfte und Besitztümer, um Zuschüsse und Hilfen, die meistens jährlich neu beantragt werden müssen, zu bekommen. „Es ist ein wahnsinniger bürokratischer Aufwand, dessen Sinn sich nicht erschließt, denn die Schwerbehinderung ist nun einmal lebenslänglich“, sind sich die Vereinsmitglieder einig.

Mit ihrem erfolgreichen Projekt – der Betrieb und die laufenden Kosten tragen sich selbst, für Extrawünsche wie Anbauten oder Neuanschaffungen sind sie auf Spenden angewiesen – sind sie mittlerweile Ansprechpartner für zahlreiche andere Eltern.Und wie bekam den Jungs der Einzug ins selbstbestimmte Leben? „Das war anfangs sehr unterschiedlich aber schließlich hat es allen wirklich gut getan“, sagt Burdorf. Constantin wollte schon Zuhause immer alleine mit dem Bus zur Arbeit oder in die Stadt fahren. „Ich habe das immer weggeschoben, weil ich wirklich Angst davor hatte“, sagt seine Mutter. Nach kurzer Zeit in der WG hat er sich einfach selbst zum Fahrtraining angemeldet und fährt nun ganz stolz alleine mit dem Bus. Auch habe er gelernt „Nein“ zu sagen. Früher habe er um Konfrontationen einen Bogen gemacht, wie viele Mitbewohner auch. „Hier merken sie, dass es in der Gemeinschaft ohne Kompromisse nicht geht“, sagt Eva Simmann. Bleibt nur noch ein Wunsch der Eltern offen: „Auf Wortkonstruktionen wie Inklusion und Integration auch endlich einmal Taten folgen zu lassen und es einfach zu leben.“

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