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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 20:03 Uhr

Plön : Ein Leben voller Lug und Betrug

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Mammut Prozess um Reitlehrer: 51-Jähriger hatte Schülerinnen missbraucht und bekam dafür vier Jahre Haft . Seine Verteidigung plädierte allerdings auf sechs Monate.

Nach 68 Verhandlungstagen ist am Mittwoch im Plöner Amtsgericht ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Prozess zu Ende gegangen. Im Mittelpunkt dieses Mammut-Prozesses, einer der längsten in der Geschichte des Plöner Amtsgerichts, stand ein 51-jähriger Reitlehrer aus der Nähe von Plön. Wegen massiven sexuellen Missbrauchs Jugendlicher, Körperverletzung, Betrugs und „Stalking“ verurteilte das Gericht den Angeklagten zu dreieinhalb Jahren Haft (der OHA berichtete).

Noch im Gerichtssaal ließ Richter Volker Gillerke den Angeklagten zu dessen Überraschung und unter dessen lautstarkem Protest festnehmen. Er wurde in die JVA nach Neumünster überstellt. Gleichzeitig verhängte das Gericht ein dreijähriges Berufsverbot.

Im Kern ging es bei diesem Verfahren um eine damals 16-jährige Schülerin, die 2009 ein Pferd bei ihm gekauft hatte und auch auf seinem Reiterhof bei Plön ritt. Aus dem anfänglichen Reitunterricht entwickelte sich ein zunächst „quasi Vater-Tochter“-Verhältnis. Das ging soweit, dass das Mädchen sehr viel Freizeit, dann die Wochenenden und sogar einen Großteil ihrer Ferien auf dem Hof verbrachte und dann ganz dort wohnte.

Mit erst sanftem Druck, dann immer deutlicher werdenden Psychoterror, drängte der Angeklagte das Mädchen letztlich zu sexuellen Handlungen. Diese nahm er sogar auf Video auf, drohte diese veröffentlichen und drohte auch mit dem Verkauf ihres geliebten Pferdes. Zwölf dieser Taten listete das Gericht. „Er missbrauchte das Erziehungsverhältnis zu einer ihm anvertrauten Person“, nannte es Richter Volker Gillerke in seiner sechsstündigen Begründung. „Der Angeklagte nutzte die Abhängigkeit für sich aus.“

In einem zweiten Fall überredete er zunächst im Herbst 2011 die Jugendliche und eine Freundin zu einem Treffen in einer Kieler Wohnung. Mit zunächst sanfter Überredung, dann „mit Druck und Gewalt machte er die Mädchen gefügig“ für bizarre Sexspiele. Sexuelle Nötigung, nannte es das Gericht.

Erst im August 2012 konnte sich die Jugendliche, die auf seinem Hof auch zu Arbeiten gezwungen wurde, aus diesem Abhängigkeitsverhältnis befreien. Für die junge Frau begann dann nur wenige Tage später ein Martyrium der besonderen Art. Zunächst kam es zu einem Telefonterror und Drohungen mit Emails und Nachstellungen. Gleichzeitig beauftragte der Angeklagte eine Detektei mit Nachforschungen nach dem Verbleib des zunächst bei Verwandten untergekommenen Mädchens. Weil er deren Rechnungen nie zahlte verurteilte das Gericht ihn auch wegen Betruges. Als der Angeklagte auch noch in einschlägigen Hells Angel-Kreisen einen Mordauftrag an dem Mädchen erteilen wollte, brachten die alarmierten Behörden sie in einem Zeugenschutzprogramm unter.

Immer wieder steht im Raum die Frage, wie war dies nur alles möglich. „Ihr gesamter Lebenslauf ist eine Legende“, beschreibt der Richter den großen, massiven Mann auf der Anklagebank, der während der gut sechsstündigen Urteilsbegründung zwar ab und zu mal den Kopf schüttelte, sonst aber keine äußerlichen Regungen zeigte. Weder habe der Hauptschüler je Abitur gemacht, noch in den USA studiert. Keine Beweise findet der Richter auch für internationale Erfolge als Springreiter. „Und Reitlehrer ist auch keine geschützte Berufsbezeichnung.“

Und doch verfügte der gelernte Fleischer offenbar über ein Gespür für seine Opfer, inszenierte geschickt sein Vorgehen, überzeugte wortgewandt und glaubhaft. Er manipulierte mit Drohungen bis hin zu Schlägen, isolierte und kontrollierte die Opfer. „Der Angeklagte übte Macht aus über das Opfer, kontrollierte sie“, so der Richter.

Finanziell warf sein Reiterhof praktisch nichts ab - dennoch beschaffte der Angeklagte sich immer wieder Geld. Zuletzt überzeugte er einen Investor, ihm 250  000 Euro zu geben für ein angeblich von der EU gefördertes Reit- und Messezentrum mit 300 Ferienwohnungen – 50 der Häuser sollten schon vorab verkauft sein – in Herzlake in Niedersachsen. Als Beweis diente eine angebliche schriftliche Zusage der EU. Dies brachte ihm eine weitere Betrugsanklage ein.

Und als wenn das noch nicht genug war, gab der Angeklagte 2005 und 2009 falsche Eidesstattliche Erklärungen ab und verschwieg Bankkonten, von denen er kurz vorher noch große Summen abgehoben hatte. Mehr als 130 000 Euro sind immer noch verschwunden. Selbst als die Polizei schon gegen den Angeklagten ermittelte, versuchte er laut Gericht noch, auf Zeugen für deren Aussagen vor der Polizei einzuwirken. Und das Gericht versuchte er zu überzeugen, dass „alles ja eine Liebesbeziehung gewesen“ sei. Richter Gillerke dagegen spricht von einem „vorsätzlichen, geplanten Handeln“.

Ob die Opfer jemals etwas von dem ihnen zugesprochenen Schmerzensgeld von 20  000 und 5  000 Euro sehen werden, bleibt fraglich. „Denn sobald das Geld (an den Angeklagten - Red.) gezahlt war, war es schon verloren“.

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erstellt am 25.Mär.2016 | 04:30 Uhr

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