„Ein Krieg, anscheinend ein kleines Feuerchen...“

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31. Juli 2014, 11:40 Uhr

Das stand vom 25. bis 31. Juli im Anzeiger:

Am 25. Juli heißt es „Vor der Entscheidung – scharfes Gewitter und rasche Klärung, die Situation muss sich nach der einen oder anderen Seite schnell klären, da sich ein diplomatisches Hinziehen nicht gestattet.“ Am Sonntag, 26. Juli, sehnen sich die Journalisten nach den schönen Zeiten, „da in den heißen Julitagen der Zeitungsschreiber sich die triefende Stirn rieb, um seinen Lesern wieder einmal die Seeschlange oder eine Mutter von Drillingen zu versetzen!“ Es wird geklagt, „seit vielen Jahren sorgt der Orient dafür, daß der Gesprächsstoff nicht ausgeht.“

Doch nur einen Tag später versiegt der Humor im Leitartikel „Krieg zwischen Österreich–Ungarn und Serbien – Europas Schicksalsstunde“. Weiter „Ein Krieg zwischen Österreich und Serbien, anscheinend ein kleines Feuerchen, daß uns weltenfern, in Wirklichkeit ein Brand, der auch unser Haus bedroht, ja der zum Weltenbrande emporlodern kann.“ Wenig später ist Ruhe Pflicht, in einer Situation, in der „man nicht weiß, wie lange der Wirrwarr dauern und welchen Umfang er annehmen wird.“ Gegen eine Panik im Wirtschaftsleben wird „Kalt Blut“ gesetzt.

Am 30. Juli berichtet der „Anzeiger“ umfangreich über die Österreichische Kriegserklärung. Der deutsche Kaiser und der Kronprinz sind vorzeitig von ihren Reisen nach Berlin zurückgekehrt. Am 31. Juli erfährt der Leser von Friedensbemühungen, ohne dass die Zeitung über deren Erfolg Aussagen treffen kann.

Auch wenn die beklemmende politische Situation den Prozess von Madame Caillaux in die zweite Reihe gedrängt hat, so informiert der „Anzeiger“ am 31. Juli die Leserschaft doch über den letzten Prozesstag, bei dem Frau Caillaux „ohnmächtig zusammenbrach (zum wievieltenmal wohl?)“. Die zweite Ehefrau des französischen Premierministers soll den Chefredakteur des „Figaro“ erschossen haben.

Der mit feiner Ironie geschriebene Artikel stellt klar, dass „das Verbrechen (pardon: die Tat)“ nicht geschehen wäre, wenn die Ärzte ihre Schuldigkeit getan und den Verletzten ordnungsgemäß versorgt hätten. Frau Caillaux wird freigesprochen.

Ungeachtet der drohenden Kriegsgefahr ist Eutin weiterhin ein interessantes Sommerreiseziel. Zahlreiche Touristen besuchen die Stadt, so ein Thüringer Lehrerverein mit über 300 Personen. Die Eutin-Lübecker-Eisenbahn hält ihre Generalversammlung ab. Aber auch die Eutiner genießen das Sommerwetter und feiern; bei Braasch, Lübecker Straße, trifft sich die Liedertafel, bei Schröder, Riemannstraße, die Handwerkerliedertafel und im Schloss-Hotel am Markt wird ein Vortrag gegen Alkoholismus gehalten.

Am Voss-Platz fährt ein Motorradfahrer gegen einen radelnden Briefträger, der mit dem Schrecken davon kommt und über Eutin wird das Militärluftschiff L 3 gesichtet.

Doch die Hauptattraktion dieser Woche sind die Wettkämpfe mit leichtathletischen Vorführungen des 1. Eutiner Fußballklubs von 1908 auf dem Volksfestplatz. In der Veranstaltungsankündigung berichtet der Anzeiger bereits von zahlreichen Anmeldungen; besonders hervorgehoben wird die rege Beteiligung des hiesigen Bataillons. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 30 Pfennig, für Militärangehörige ist er frei. Nach der Veranstaltung heißt es: „Die Beteiligung war gut, obwohl das Wetter etwas zu wünschen übrig ließ. Der Ablauf klappte reibungslos, in den Wurfkonkurrenzen, im Kugelstoßen und in den Langstrecken dominierte insbesondere die 12. Kompanie des Eutiner Bataillons.“

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