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Ostholsteiner Anzeiger

23. Oktober 2017 | 12:07 Uhr

Ein Kickboxer kämpft um seine Zukunft

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Azruddin Kamalzada ist vor gut einem Jahr aus Afghanistan geflüchtet, hat eine Arbeitsstelle und sportlich Fuß gefasst. Er hofft, dass er in Deutschland bleiben darf

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2016 | 22:18 Uhr

Mit erhobenen Fäusten und konzentriertem Blick verfolgt Azruddin Kamalzada im Boxring jeden Schritt und jede Bewegung seines Gegenübers. Ansatzlos versetzt er seinem mit einem Polsterschutz ausgestatteten Sparringspartner plötzlich einen Fußtritt an den Oberkörper. Kamalzada, ein afghanischer Flüchtling, lebt zurzeit in Eutin, ist ein leidenschaftlicher Kickboxer und trainiert seit einigen Monaten unter den Fittichen von Jan-Henning Lindau beim „Thai Gym Lübeck“.

Unglaublich und abenteuerlich klingt die Geschichte Kamalzadas auf seinem Weg nach Deutschland: Nach einer aufregenden Flucht aus Afghanistan, die über drei Wochen dauert, kommt der 24-Jährige im Oktober vergangenen Jahres nach Deutschland. Mit Zug, Auto, Bus, dem Schlauchboot und zu Fuß führt der mühsame Weg des jungen Afghanen über den Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich letztlich nach Deutschland. „Die Regierung und lebensbedrohliche Geschehnisse in Afghanistan haben mich gezwungen, meine Heimat zu verlassen“, erklärt Kamalzada. In Afghanistan eskalieren im Bürgerkrieg Terror und Gewalt, lange unterdrückte ethnische Konflikte und Stammesfehden nehmen wieder zu.

Kamalzada gehört zur Volksgruppe der Tadschiken, der Abiturient ist in Afghanistan als Kickboxer sehr erfolgreich, gewinnt Goldmedaillen für Asien und Afghanistan. Allerdings sind Erfolge für Kamalzada in seiner Heimat schlicht nicht vorgesehen. Deshalb steht der Afghane mit seinem Talent und seinem Siegeswillen ausgewählten, im Ring allerdings weniger starken, Kämpfern im Wege. Fortan sieht sich Kamalzada deshalb massiven Drohungen und Drangsalierungen der afghanischen Mafia ausgesetzt. Es fängt an bei einem Wettkampf in Kabul, bei dem sich Azruddin Kamalzada den Weg ins Finale ebnet. „Vor dem entscheidenden Kampf trat jemand aus dem Umfeld meines Gegners an mich heran und drohte mir, dass man mich vernichten würde, sollte ich diesen Kampf gewinnen“, erinnert sich Kamalzada. Aber der ehrgeizige Athlet lässt sich nicht einschüchtern, die Liebe zu seinem Sport ist einfach zu groß. „Natürlich hatte ich Angst, aber ich hatte so viel getan, um in dieses Finale zu kommen. Das wollte ich mir nicht nehmen lassen“, erläutert Kamalzada. Schon nach zwei Runden steht er als Sieger fest. Aber die Freude währt nur kurz. Unmittelbar nachdem er die Siegermedaille erhalten hat, sieht er sich 20 Vertrauten seines geschlagenen Gegners gegenüber und Bedrohungen ausgesetzt. „Sie zeigten mir ihre Messer und ihre Waffen und warteten vor dem Großzelt auf mich“, berichtet der Afghane. Nur über einen anderen Ausgang kann Kamalzada flüchten. Er hat Geschehnisse des Abends verdrängt, als er zwei Wochen später auf dem Weg vom Training nach Hause überraschend abgefangen wird. Bei dem Überfall erhält der junge Afghane einen Schlag auf den Hinterkopf, wird ohnmächtig und findet sich schwerverletzt in einer Klinik wieder. Sein Vater sorgt sich fortan um das Leben seines Sohnes und drängt ihn, mit dem Sport endgültig aufzuhören. Azruddin Kamalzada, der von einem ehemaligen Europameister trainiert wird, will aber nicht aufgeben und trainiert wieder. Es folgen weitere Siege und Medaillen, unter anderem bei Kämpfen in Pakistan. Nach der Rückkehr sieht er sich weiteren Einschüchterungsversuchen und körperlichen Angriffen ausgesetzt, muss nach einer Messerattacke sogar notoperiert werden. Am rechten Unterarm Kamalzadas erinnert eine auffällige Narbe an die Attacke.

Die ganze Situation zerrt an den Nerven des jungen Mannes, er wird depressiv. So erkennen die Familie und auch sein Vater, dass Azruddin Kamalzadas ohne seinen Sport nicht leben kann und akzeptiert seine Entscheidung, weiter in den Ring zu steigen. Als der Afghane vor einem folgenden Kampf erneut von der Mafia bedroht wird und auch seine Familie gefährdet sieht, sagt Kamalzada jedoch kurzzeitig ab. Er entschließt sich, Afghanistan zu verlassen. „Es gibt in Afghanistan keine Gerechtigkeit. Der Regierung und den Trainern waren auch die Hände gebunden. Sie haben deshalb immer die Kämpfer genommen, die für sie am günstigsten waren“, sagt der 1,74 Meter große Athlet. Von der afghanischen Polizei sei keine Hilfe zu erwarten. „Hätte ich weiter gemacht, hätten sie mich wohl umgebracht“, vermutet Kamalzada.

Er setzt seine gesamten Ersparnisse für die Flucht ein und gelangt nach Deutschland. Azruddin Kamalzada beantragt Asyl und kommt über die zentrale Aufnahmestelle in Neumünster nach Eutin. Hier findet er gemeinsam mit fünf weiteren Afghanen eine Unterkunft. Der Sportler bemüht sich, die Sprache, die Gepflogenheiten und Umgangsformen in Deutschland schnell zu lernen. Dabei wird er von der Malenterin Barbara Askins und ihrem Sohn Noah unterstützt. Noah lernt den Afghanen beim Boxtraining in Eutin kennen, beide werden Freunde. Noah bittet seine Mutter, dem Flüchtling im Alltag zu helfen. Auch Barbara Askins ist von dem jungen Mann angetan. „Die Freundlichkeit und seine Natürlichkeit haben mich von Beginn an beeindruckt. Er gibt nie auf, zeigt sich für jede Hilfe sehr dankbar. Azruddin ist sich für nichts zu schade und lässt nichts unversucht, um sich hier schnell einzugliedern, Arbeit zu finden und in Deutschland ein möglichst normales Leben zu führen“, fasst sie ihre Eindrücke zusammen.

Vor allem beim Weg durch die komplizierte deutsche Bürokratie hilft Askins dem jungen Mann. Die gemeinsamen Bemühungen sind erfolgreich. Von der Ausländerbehörde in Eutin erhält Kamalzada eine Arbeitserlaubnis. Barbara Askins unterstützt den Freund ihres Sohnes bei der Arbeitsplatzsuche – und auch das gelingt.

Derzeit fährt der afghanische Flüchtling jeden Tag mit der Bahn von Eutin nach Lübeck, wo er im Schichtdienst am Fließband arbeitet und Müsli abfüllt. Zwischen den Schichten nimmt der Afghane in Eutin am Deutschunterricht teil. Und auch seinem geliebten Sport als Kickboxer hat Azruddin Kamalzada wieder aufgenommen. Die Versuche, sich einem Eutiner Verein mit Kickboxangebot fest anzuschließen, schlagen fehl, weil er als Flüchtling keine langfristige Vertragsbindung eingehen kann. Beim „Thai Gym Lübeck“ findet Kamalzada, der in Afghanistan nach dem Abitur vier Semester Informatik studiert hat, eine sportliche Heimat. Hier wird der junge Kämpfer von Jan-Henning Lindau (39), seinem Vorbild, trainiert.

Der Trainer hält große Stücke auf seinen Schützling, sowohl sportlich als auch menschlich. Seit einem Dreivierteljahr trainiert Lindau „Azu“, wie er den jungen Afghanen kurz nennt. „Azu ist technisch versiert und außergewöhnlich ehrgeizig. Im Ring zeichnet ihn seine Ruhe aus, er ist ein besonnener Kämpfer. Er agiert immer mit Bedacht“, sagt Lindau. Azruddin Kamalzada sei zurückhaltend, angenehm genügsam und beliebt, habe sich außerdem sehr schnell und vorbildlich in die Gemeinschaft eingefügt und einen Stellenwert in der Gruppe erarbeitet, ist Lindau voll des Lobes. Trotz aller Fortschritte sei die sprachliche Barriere noch hoch. „Sein großes Ziel, im nächsten Jahr an offiziellen Wettkämpfen zu starten, sollte Azu erreichen“, sagt Lindau zuversichtlich.

Aber Kamalzada habe noch Arbeit vor sich, denn der Muay-Thai-Kampfstil beim Thai Gym Lübeck unterscheide sich von dem in Afghanistan, wo das Kickboxen Volkssport sei. Beim Kickboxen seien Tritte zum Kopf und Körper erlaubt, beim Thaiboxen dagegen sind auch Tritte auf Beine und der Einsatz von Ellenbogen und Knien zulässig. „Deshalb müssen wir noch an seiner Deckungsarbeit feilen und seine Schlagkraft stärken“, hat sich Jan-Henning Lindau vorgenommen.

Der Trainer hebt die soziale Seite des 80 Kilogramm schweren Kämpfers hervor. Neben seinen eigenen sportlichen Ambitionen bringe sich Azruddin Kamalzada auch für andere ein, in dem er sich um neue Kämpfer kümmere und sie berate. Trotz Schichtdienstes trainiert Kamalzada so gut wie jeden Tag. Der Sport sei seine große Leidenschaft und bringe ihn auch auf andere Gedanken, sagt der Afghane, der die Haare zu einem Zopf zusammengebunden hat, sonst würden sie beim Kampf stören.

Beim Kickboxen, ob beim Wettkampf oder beim Training, finden sich in der Kleidung des Kämpfers oft die schwarz-rot-grünen Farben der afghanischen Landesflagge wieder. Ansonsten gebe es keine Unterschiede. In Deutschland sei der Sport aber fairer. „Hier steht der Sportler im Vordergrund, in Afghanistan dominieren Macht und Einfluss“, sagt Kamalzada. Auch wenn Azruddin Kamalzada im Ring furchtlos zu scheinen mag, so machen dem jungen Afghanen Zukunftsängste schwer zu schaffen. Die Sorge, dass möglicherweise wieder nach Afghanistan ausgewiesen wird, raube ihm den Schlaf, erzählt er. Dort würden ihn Gefahren für Leib und Leben erwarten. Deshalb hofft er nach wie vor auf eine Zukunft in Deutschland. Seine zweite und entscheidende Anhörung beim „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ in Glückstadt hat er vor vier Wochen in Begleitung von Barbara Aksins hinter sich gebracht.

„Über mehrere Stunden wurde er dort detailliert zu den Beweggründen und Umständen seiner Flucht befragt. Das war unglaublich belastend für Azruddin. Schließlich geht es um seine Zukunft“, sagt Askins, die um die Gefühlslage des jungen Afghanen weiß. Täglich wartet er jetzt auf den schriftlichen Bescheid des Amtes. „Ich traue mich gar nicht mehr, den Postkasten aufzumachen. Die Vorstellung, einen ablehnenden Bescheid zu erhalten, ist für mich der reinste Horror“, sagt Azruddin Kamalzada mit sorgenvoller Miene.

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