Lübeck : Ein Jahr hat doch mehr als nur 365 Tage

Das ist der innere Schweinehund, von dem immer so viel erzählt wird - jedenfalls aus Sicht von Julia Jankowsky.   Fotos: Michael Kuhr
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Das ist der innere Schweinehund, von dem immer so viel erzählt wird - jedenfalls aus Sicht von Julia Jankowsky. Fotos: Michael Kuhr

Die 44-jährige Lübecker Diplom-Designerin Julia Jankowsky beleuchtet 2015 mit ihrem satirischem Jahreskalender

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01. Januar 2015, 17:15 Uhr

Was ist dran an einem Jahr? 365 Tage, 52 Wochen, zwölf Monate und ebenso viele Sternkreiszeichen aber auch 13 Mondwechsel. Immerhin. Doch es geht noch mehr. Viel mehr. Das zeigt die Lübecker Diplom-Designerin Julia Jankowsky mit ihrem ebenso bunten wie ironischen Kalendarium für 2015. Mit Hilfe feiner Buntstifte verleiht sie jedem Tag – und ist er noch so grau – ein bisschen Farbe. Die 44-Jährige überrascht den Betrachter des Gitterwerkes wieder mit vielen Annäherungen an bedeutende Ereignisse im Jahr 2015.

In ihrem kleinen Atelier „Julender“ in der Nachbarschaft zum Günter-Grass-Haus in Lübeck ist Julia Jankowsky seit sieben Jahren kreativ. In der 41. Auflage des einst von Vater Günter Jankowsky († 2008) übernommenen und seit zwölf Jahren weiter geführten Kalendariums kommen Sportmuffel und spitze Rechner von Urlaubstagen auf ihre Kosten. Sportmuffel deshalb, weil 2015 lediglich die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Kanada als sportliches Ereignis heraus sticht. Und die Rechner, die mit wenigen Urlaubstagen und vielen Feiertagen eine günstige Sammlung freier Tage schinden wollen, sollten auf Weihnachten und Neujahr blicken.

Doch wie bei allen Kalendern beginnt auch bei Julia Jankowsky das neue Jahr mit dem 1. Januar – und dem ersten Bilder-Rätsel. Kerzen hinter einem Vorhang zeigen die römische IV, die für Hartz 4 steht. Vor zehn Jahren wurden die vom Reformer Peter Hartz erarbeiteten „modernen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt“ in Kraft gesetzt. Nachdem der Wintersportler die Kronen der Heiligen Drei Könige mit Ringen beworfen hat und sich ihm der schreckhafte Steinbock entgegen stellt, weist Julia Jankowsky mit einem Radfahrer am 18. Januar auf den ersten Smog-Alarm vor 30 Jahren im westlichen Ruhrgebiet hin. „Fahrt mehr Rad“, meint die begeisterte Radlerin. Der Wassermann wird am 24. Januar zum Schneemann in der Wanne, bevor Julia Jankowsky den Begriff des Schlittenhundes für sich ganz neu interpretiert. „Ich bin gegen das Salzstreuen im Winter, das ist schlecht für Hundepfoten“, weiß die Lübeckerin.

Im kalten Februar würde der Wetterfrosch lieber schon mal in den etwas wärmeren März hinter rutschen. Und weil es so kalt ist, gibt es bei Julia Jankowsky am Valentinstag Eisblumen in der Eiswaffel. Der Fisch, eine Mutation wohl irgendwo zwischen Karpfen und Forelle, verharrt im eisigen Becken. Die kleine Kerze am 27. Februar steht für den Geburtstag von Julia Jankowsky. Der zweigeteilte Baum zeigt den Abschied vom Winter und die Hinwendung zum Frühling, der am 8. März schon den Frosch in den Märzbecher rutschen lässt. Am 10. März zündet Julia Jankowsky eine Kerze für ihren Vater Günter an, der an diesem Tag 72 Jahre alt geworden wäre. Ein stiller Geiger (14. März) zeigt den niederländischen Sänger und Violinisten Hermann van Veen, der seinen 70. Geburtstag feiert. Einem zahmen Widder auf rotem Samt folgt die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit – diesmal auf einem Ortsschild.

Den April eröffnet die Kalendermalerin zu Ostern mit einem Oster-Theater. Bunt bemalte Eier sind das Publikum, das über die Schlägerei zwischen Kasper und dem Osterhasen nur so staunt. „Es geht dabei um versteckte Ostereier“, weiß Julia Jankowsky. Über den Leuchtturm von Borkum geht es weiter zum zehnten Jahrestag der Wahl Josef Ratzingers zum Papst Benedikt XVI – weißer Rauch steigt aus der Papst-Mitra, die als Schornstein dient. Dem ersten Castor-Transport 1995 nach Gorleben, widmet die Lübeckerin die Zeichnung am 25. April. Der Stier stemmt sich vehement gegen den Transport.

Zu Beginn des Wonnemonats Mai lässt sich der Bauarbeiter in der Hängematte die Maibowle schmecken. Als Anregung zu einem besonderen Frühstück am Muttertag möchte Julia Jankowsky ihre Zeichnung am 10. Mai verstanden wissen. Zwei Tage später hat die Tochter ihrem Vater Blumen zum Todestag unter einen Baum gepflanzt. Am Himmelfahrtstag hat die Kalendermalerin eine Leiter in den Himmel gestellt, bevor nach ihrer vorsichtigen Einschätzung das neue Lübecker Hansemuseum (16./17. Mai) nach mehrfacher Verschiebung eröffnet wird. Und Pfingsten gehen die Zwillinge – natürlich mit einem Gemeinschaftskoffer – auf Reisen – mit Blick auf Peter Paul Rubens, der am 30. Mai seinen 375. Todestag hat.

Im Juni beginnt für Julia Jankowsky pünktlich zum Beginn der Frauenfußball-Weltmeisterschaft die Cocktailzeit, bevor sie am 15. Juni die Magna Carta zur 800. Wiederkehr ihrer Unterzeichnung wieder aufrollt und die Krone in den Hintergrund drängt. Die Kieler Woche eröffnet die Lübeckerin mit dem Sommeranfang im Papierschiff. Mit Zylinder-Kerze, Kugel und Würfel von Friedrich Fröbel erinnert Julia Jankowsky an die Eröffnung des ersten deutschen Kindergartens vor 175 Jahren in Blankenburg/Thüringen. Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Paul Klee starb am 29. Juni vor 75 Jahren.

Der Krebs schnappt sich zum Ende der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen am ersten Juli-Wochenende in Kanada schon mal den Spielball. Mit Idylle im Strandkorb stellt sich Julia Jankowsky den Sommer an der Ostsee vor. Vor lauter Idylle merkt sie gar nicht, dass der Strandkorb von einem kleinen Kläffer „heimgesucht“ wird. Die Ohren von Mickey Mouse am 17. Juli stehen für den 60. Jahrestag von Disneyland in Los Angeles. Das zarte Pflänzchen symbolisiert die Gründung des Bund, der vor 40 Jahren am 20. Juli war. Eine Hommage an das Kult-Auto, die „Ente“, die am 27. Juli vor 25 Jahren letztmalig produziert wurde. „Es war schließlich das Auto, mit dem ich meine erste Probefahrt unternahm“, erinnert sich Julia Jankowsky. Seither habe sie hohen Respekt vor der eigenwilligen Schaltung.

Der Löwe sitzt Anfang August unter einem viel zu kleinen Sonnenschirm und scheut sich über einen eigenwilligen Zebra-Steifen hin zur Insel Helgoland zu gehen, die am 10. August vor 125 Jahren von den Engländern an Deutschland übergeben wurde. Das beobachtet der Habicht als Vogel des Jahres ganz genau und lässt den jungen Intellektuellen „Swimmingpool“ hinter ihm völlig außer acht. Das kann er auch, denn der junge Mann frönt nur dem Sommer – und vielleicht der Jungfrau, die zum Ende des Monates ihre Blöße mit Blumen verbirgt.

Die erste öffentliche Ziehung der Lottozahlen liegt Anfang September schon 50 Jahre zurück. Und die Zahlen von damals hat Julia Jankowsky auch gleich aufgeschrieben. Mit einem Lottogewinn würde sie gern zum Leuchtturm nach Büsum an die Nordsee fahren und ein paar Tage später ins Bierzelt zum Oktoberfest. Ob Lederhose und Dirndl nun vor oder nach dem Besuch an der Wäscheleine getrocknet werden, lässt sie offen. Den Grünen Punkt gibt es Ende September seit 25 Jahren.

Was wohl Anfang Oktober ausgerechnet eine Birne in der ungleichen Waagschale zum Erntedankfest mit dem Tag der Deutschen Einheit zu tun hat? „Einen Kohlkopf zu zeichnen wäre wohl als Lösung zu einfach gewesen“, grinst Julia Jankowsky und erinnert an den 25. Jahrestag des Feiertages. Gleich danach breitet sie ihren Kalender für 2016 vor staunenden Menschen aus. Ein Buch von „A bis Z“ wird zum Ende der Frankfurter Buchmesse gelesen und das Ortsschild beendet ein Wochenende später die Sommerzeit.

Der Skorpion gestaltet 2015 die Kulisse für Halloween, bevor im November die Weihnachtseinkäufe beginnen. „Leider viel zu viel über das Internet“, meint Julia Jankowsky – viele kleine Läden in der Stadt müssten deshalb schließen. Dem 175. Geburtstag von Claude Monet ist das Seerosenbild auf der Staffelei mit einer Kerze gewidmet. Die Schützin holt mit Pfeil und Bogen die letzten Äpfel vom Baum, bevor der aus dem April bekannte Osterhase die Adventszeit einläutet. Im Laufe der Adventszeit im Dezember finden sich seine Hasenfreunde ein. Das Ostertheater nimmt Weihnachten mit neuer Besetzung eine überraschende Wendung. Dass ein Hase ausgerechnet lila ist, soll reiner Zufall sein. Na, wer’s glaubt?

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