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Ostholsteiner Anzeiger

20. September 2017 | 16:52 Uhr

Ein herausragender Kant-Jünger

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Prof. Dr. Gerhard Funke widmete sein Leben dem Königsberger Philosophen und verbrachte seinen Lebensabend am Plöner See

von
erstellt am 28.Apr.2014 | 11:33 Uhr

Der Name von Immanuel Kant ist auch 210 Jahre nach seinem Tod noch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der wohl bedeutendste und einflussreichste Philosoph nach Aristoteles, der mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ und seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ vorgab, „Gesetze des Denkens“ und das „allgemeine Moralgesetz“ zu entwickeln, schrieb Philosophiegeschichte und beeinflusste damit Generationen von folgenden Denkern.

Zur prominenten Reihe dieser Kantjünger gehört Gerhard Funke. Er stammte aus Anhalt, lehrte an den Universitäten von Bonn, Saarbrücken sowie Mainz und war Vorsitzender der Kant-Gesellschaft sowie Herausgeber der Kant-Studien, bevor er sich in sein Refugium in Bosau zurückzog. Diese Woche wäre er 100 geworden.

Gerhard gab der internationalen Kant-Forschung maßgebliche Impulse und wirkt damit auch über seinen Tod hinaus in der Fachwelt nach. Doch bekannt wie Kant war und ist er nicht. Selbst zum aktuellen 100. Geburtstag erinnerten sich nur wenige Gelehrtenkollegen an ihn.

Funke wurde am 21. Mai 1914 in Leopoldshall geboren, als der Ort wie Phönix aus der Asche aufstieg. Leopoldshall entstand 1855/56 zunächst als Siedlung im Gefolge der Gründung der Saline Leopoldshall, gehörte damals zum Herzogtum von Anhalt-Dessau und gedieh inmitten des boomenden Abbaugebietes für Steinsalz und Kalisalz schon 1890 zum Sitz des ersten Deutschen Kalisyndikats.

1919 bekam Leopoldshall das Stadtrecht. Heute ist Leopoldshall ein Ortsteil der Stadt Stassfurt im Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Die enge Bindung an Dessau führte einst dazu, dass Funke trotz der Nähe zu Stassfurt die Schule in der Muldestadt absolvierte. Er erlebte hier hautnah die Weimarer Republik, den Aufstieg Dessaus als Landeshauptstadt von Anhalt und schließlich das Bauhaus, das ihn in seiner Jugend magisch anzog.

Doch die größere Neigung entwickelte der junge Mann bald zur Geschichte und Philosophie. Mit Folgen. Nach dem Dessauer Abitur ging Funke zum Studium nach Bonn. Er studierte Psychologie, Romanistik, Germanistik und vor allem Geschichte sowie Philosophie, weilte zu längeren Studienaufenthalten in Freiburg sowie Jena und erlebte berühmte Lehrer wie Ernst Robert Curtius, Martin Heidegger und Bruno Bauch.

1938 promovierte Funke in Bonn zum Thema „Der Möglichkeitsbegriff in Leibnizens System“. Wegen der Nazis, die ihm wegen seiner Reserviertheit „Ungelegenheiten“ bereiteten, wandte er sich anschließend ins Ausland. Der Jung-Philosoph arbeitete zunächst in Paris an der berühmten Sorbonne und dann in Spanien als Lektor.

Er erschloss sich die Kultur beider Länder und machte dabei nachwirkende Bekanntschaften mit zahlreichen Geistesschaffenden. Dann aber holte ihn der Krieg ein. Funke wurde Offizier und mehrfach verwundet.

Nach dem Krieg kehrte er nach Bonn zurück, um seine akademische Laufbahn fortzusetzen. Funke holte seine Habilitation nach, arbeitete als Privatdozent und engagierte sich in der schwierigen Nachkriegszeit als Leiter des akademischen Auslandsamtes für die internationale Zusammenarbeit. Es folgten ein erster USA-Aufenthalt, Honorarprofessuren in Südamerika und 1958 die Berufung auf den Philosophie- Lehrstuhl an die Universität in Saarbrücken.

Parallel nahm die Arbeit mit der kantischen und husserlschen Philosophie immer mehr zu. Seine Veröffentlichungen wurden in andere Sprachen übersetzt, machten ihn bekannt und trugen ihm die Berufung nach Mainz ein, wo er den Philosophie-Lehrstuhl der Johannes-Gutenberg-Universität bekleidete, für die Wiederbegründung der Kant-Gesellschaft sorgte und die Kant-Forschungsstelle mit den Kant-Studien anschob.

1979 erschien sein Buch „Von der Aktualität Kants“. Funke entwickelte sich zur Schlüsselgestalt der Kant- Forschung, stand im Mittelpunkt der Internationalen Kant-Kongresse 1974, 1981, 1985 sowie 1990 und hielt als „nachhaltiger Spurenleger“ im Sinne Kants auf der ganzen Welt Vorträge. Zwischendurch bekleidete der renommierte Kantjünger in Mainz auch das Amt des Rektors der Universität.

Nach seiner Emeritierung zog sich der Gelehrte im hohen Alter nach Bosau zurück. Der Ort am Großen Plöner See wurde mit Ausflügen nach Plön und Eutin sein Refugium.

„Der Reichtum der Themen des Verstorbenen eröffnet auch künftig Lesenden eine weite Dimension philosophischer Kultur, an der Gerhard Funke ein Leben lang gearbeitet hat,“ hieß es im Nachruf der Kantgesellschaft auf ihren langjährigen Vorsitzenden, dessen Leistung schon zu seinen Lebzeiten in zahlreichen Schriften gewürdigt wurden. Gerhard Funke starb am 22. Januar 2006 in Eutin. Er erreichte das 92. Lebensjahr.

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