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Ein „Freischütz“ mit liebevoller Führung

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Dirigentin Romely Pfund führt Festspielorchester und -ensemble gekonnt durch die Premiere der Weber-Oper / Das Publikum dankt mit lang anhaltendem Beifall

Von dieser Freischütz-Aufführung wird man sicherlich noch länger reden. Die 66. Spielzeit der Eutiner Festspiele begann nämlich mit einer kräftigen und lang anhaltenden Dusche. Und es hat sich wieder gezeigt, dass die sprichwörtliche Gelassenheit der Norddeutschen und das Wissen, es gebe kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, eine reibungslose Premiere möglich machte. Dabei schienen speziell die Festspielbesucher, unter ihnen Ministerpräsident Torsten Albig, der die Spiele eröffnete, besonders hart im Nehmen: Denn es goss in Strömen, gerade rechtzeitig mit Beginn der Ouvertüre, als die vier Hörner die Zuhörer in den Wald führten.

Mit der Dirigentin Romely Pfund hatten die Musiker des Eutiner Festspielorchesters und -ensembles eine liebevolle Führung, die den Freischütz in der traditionstreuen Inszenierung von Dominique Caron mit großer Ruhe der Tempi, warmem Ausdruck und zündenden Briowirkungen der Tutti leitete. So erklang beispielsweise vom Tempo bestens abgestimmt der „Brautjungfernkranz“, einer der lichten und rührendsten Stellen des Werkes, beim berühmten und munter geschmetterten Jägerchor fehlte indes noch die Übereinstimmung mit dem Orchester.

Im Mittelpunkt steht bekanntlich Jägerbursche Max, in Gestalt von Daniel Pataky, als bemitleidenswerter Spielball von Gut und Böse, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Dies lässt ihn als Leidender ohne vorwärtstreibende Handlungsideen zwar etwas blass aussehen, was Pataky dramaturgisch wie sängerisch in diesem Unwissen überzeugend umsetzt, wenn auch seine Naturarie „Durch die Wälder, durch die Auen“ mit noch mehr strömender Ausdrucksfülle hätte erklingen können. Aber das war wohl dem Regen geschuldet.

Seine Angebetete Agathe, die Susanne Braunsteffer verkörperte, ist die stets besorgte, gefühlstiefe, aber auch unsentimentale Braut, deren hoffnungsfrohe Gedanken und zugleich bange Vorahnungen nur um ihren Max und sein Seelenheil kreisen. In ihrer Szene und Arie im II. Akt „Wie naht mir der Schlummer“ hatte sie einen hervorragenden Auftritt, die sie sängerisch mit anschließendem schlafwandlerischem Tanz um die Bühne herum während der Wolfsschluchtszene meisterte.

Richtig glücklich sieht man Agathe erst im Finale, ansonsten kann sie nur das treue Ännchen Julia Bachmanns beruhigen und etwas aufheitern. Sie wartet zu der größeren Männerriege lediglich mit gedämpfter Frauenpower auf, verzaubert mit ihrer frohen und zarten Sopranstimme und einem charmanten Zug gemütvoller Schalkhaftigkeit auch die Zuhörer. Sie und Braunsteffer erhielten für ihren ehrlichen Vortrag gleich mehrere Bravi zwischen den Szenen.

Als weitere Lichtgestalt bewegte sich auf der Seite des Guten der Eremit, in Szene gesetzt von Michael Tews, der sich mit seinem die ausweglosen Situation lösenden und durchdringenden Bass als der wahre Strippenzieher der Handlung zeigt. Zum einen übergibt er Agathe die geweihten Rosen, zum anderen lässt er selbst gegenüber dem böhmischen Fürsten Ottokar (Manos Kia) mit glänzendgoldenem Haar keinen Zweifel, wer Herr im Hause ist.

Zur dunklen Seite der Handlung gehört zum einen zweifellos der einäugige Kaspar (Christian Sist), ein echter Teufelsbraten, der jedoch weniger den schicksalslosen Jäger spielt, sondern den verkommenen und berechnenden Schurken: ein Höllenkandidat eben mit einem naturalistischen Gesang, der der Rolle gut ansteht. Zum anderen der verschlagene „Schwarze Jäger“ Samiel, gespielt von Markus Stolberg, der mit unheimlicher Maske und Aufmachung sein Unwesen treibt. Beide sind zwar in der zahlenmäßigen Minderheit, veranstalten aber mit weiteren zwielichtigen Gesellen während der berühmten Wolfsschluchtszene eine große Schmiede-Show des Schreckens.

Während bei Weber für den Grusel noch Samiels schneidende und ätzende Gänsehaut-Sprechstimme ausreichte, wird diese nun höllisch elektronisch verstärkt mit rumpelnden Bässen im zwerchfellerschütternden Bereich. Außerdem tun sich unter den skeptischen Augen der Feuerwehr die Kammertüren des lodernden Höllenfeuers auf, aus denen wie von Geisterhand die heißen Zauberkugeln herausrollen. Ein wirklich sehenswertes Spektakel, auch wenn man sich zugleich fragt, wozu dieser aufdringliche Voldemort-Lärm in diesem eigentlich beschaulichen Dorf des 19. Jahrhunderts (der Ausstattung nach zu urteilen) dienen soll, zumal die Webersche Musik trotz heftigen Tutti-Fortissimos zeitweise ausgelöscht wurde. Schrecken lässt sich oft auch mit subtileren Mitteln erreichen. Trotz allem krönten das Werk lang anhaltender Beifall mit einigen Bravi der zahlreich gekommenen Zuhörer und ein ab der Pause trockenes Wetter.

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erstellt am 26.Jun.2016 | 15:50 Uhr

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