Ein Film über die Kraft der Kultur und ein Plädoyer gegen Gewalt

Gespräch nach der Filmvorführung: (von links) Die Autoren Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel sowie Wolfgang Schiller vom Friedenskreis.
Gespräch nach der Filmvorführung: (von links) Die Autoren Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel sowie Wolfgang Schiller vom Friedenskreis.

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20. April 2018, 16:05 Uhr

Dort herrscht seit 40 Jahren Krieg. Das muss man sich klar machen, wenn man über Afghanistan spricht. Die meisten Afghanen sind im Krieg mit seiner alltäglichen Gewalt geboren und aufgewachsen.

„Es gibt zwei Lager“, sagt Ronja von Wurmb-Seibel, „die einen hassen Gewalt, die anderen haben gelernt, dass man mit ihr weiter kommen kann.“ Die Journalistin und ihr Mann Niklas Schenck haben über ein Jahr in Kabul gelebt. Und sie haben einen bemerkenswerten Film gemacht.

Gewalt ist in vielen Teilen des Landes alltäglich und gegenwärtig. Und es gibt keinen Schutzraum. Das erklärt die besondere Dramatik eines Anschlags, der am 11. Dezember 2014 eine Theaterpremiere im Französischen Kulturzentrum in Kabul trifft: Während des Stücks, in dem es um Selbstmordattentate geht, sprengt sich ein 17-Jähriger in die Luft. Er reißt einen Kameramann und den deutschen Mitarbeiter einer US-Hilfsorganisation mit in den Tod.

40 Zuschauer werden teilweise schwer verletzt. Alle werden traumatisiert. Der Glaube, dass ein Theater eine gewaltfreie Zone sei, wurde geraubt, sagt Leena Alam. Die charismatische Filmschauspielerin, die bewusst aus Kalifornien nach Kabul zurückgekehrt war, saß im Publikum. Und sie gehört zu den „Wahren Kämpfern“, wie sich der Titel des Dokumentarfilms „True Warriors“ übersetzen lässt.

Gut 80 Zuschauer sahen den Film Mittwoch im Kino Binchen. Er lässt Zeugen zu Wort kommen: Die Schauspieler des Ensembles Azdar, Musiker und Zuschauer, neben Leena Alam den Filmregisseur Siddiq Barmak, die junge Malerin Faiqa Sultani oder den Musikschul-Direktor Ahmad Sarmast, der schwer verletzt wurde.

Weniger ist mehr: Das haben die Autoren des Filmes vortrefflich bewiesen. Obwohl es reichlich Aufnahmen über das Geschehen im Theater gibt, wird dieses Material sparsam eingesetzt. Stattdessen erzählen Menschen, über sich, über ihre Wahrnehmung und Gefühle. Mit jedem Stück Interview setzt sich das Puzzle über
die Vorgeschichte, den Anschlagsabend und seine Folgen zusammen.

Menschen verraten, wie sie mit Drohung und Gewalterfahrung umgehen, wie sie versuchen, permanente Bedrohung zu verarbeiten oder auch die Erfahrung, seinen besten Freund zu verlieren. Oder wie es zur Last wird, seinem engen Mitarbeiter den Theaterbesuch zu gestatten, obwohl es eine Warnung gibt, das nicht zu tun.

Aber am Ende ist es kein deprimierender Film, viel mehr ein Zeugnis eines faszinierenden Engagements. Bei aller Leidensfähigkeit der Menschen: Als die Studentin Farkhunda Malikzada (27) drei Monate nach dem Attentat im Theater auf offener Straße von einem Mob gelyncht wird, weil sie zu Unrecht des Verbrennens eines Korans geziehen wurde, erheben sich Hunderttausende im ganzen Land. An der Spitze dieser öffentlichen Bewegung stehen die Schauspieler von Azdar, die von Leena Alam animiert wurden, gemeinsam mit ihr aus Farkhundas Schicksal ein Theaterstück zu machen. Es wurde öffentlich am Ort ihrer Ermordung aufgeführt – vor Tausenden von Zuschauern, ohne Schutzmaßnahmen. Ein Sieg der Kultur und des Mutes.

Die Geschichte der True Warriors ist, wie die beiden Autoren sagen, die Geschichte über die Kraft der Kultur als friedliches Mittel gegen Krieg. Für ihn sei der Film insgesamt ein beeindruckendes Plädoyer gegen Gewalt, sagte Wolfgang Schiller vom Friedenskreis Eutin. Auf seine Initiative hin war der Film in Eutin gezeigt worden und bekamen die Zuschauer die Gelegenheit, mit Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck zu sprechen.

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