Oster-Gottesdienst : Ein Feuer des Glaubens wurde entzündet

Pastor Ulrich Gradert hätte Ostern von seiner Gemeinde Abschied in die Rentenzeit nehmen wollen.
Pastor Ulrich Gradert hätte Ostern von seiner Gemeinde Abschied in die Rentenzeit nehmen wollen.

Pastor Gradert kann sich Ostern nicht persönlich von seiner Gemeinde verabschieden. Der OHA zeigt seine Predigt als Film.

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11. April 2020, 00:05 Uhr

Niederkleveez | Nach fast 32 Jahren als Pastor wollte sich Ulrich Gradert Ostern von seiner Gemeinde mit seiner letzten Predigt in den Ruhestand verabschieden. Doch die Auswirkungen des Corona-Virus machen das unmöglich. So bekommt Ulli Gradert hier Gelegenheit, sich von seiner Gemeinde zu verabschieden. Hier ist der Film zur Predigt mit einem einfachen Klick zu sehen:

Das Evangelium, als ausgewählter Predigttext für den Ostermontag, steht beim Evangelisten Lukas im 24. Kapitel: Am selben Tag gingen zwei, die zu den Jüngern von Jesus gehört hatten, nach dem Dorf Emmaus, das zwölf Kilometer von Jerusalem entfernt lag. Unterwegs unterhielten sie sich über alles, was geschehen war. Als sie so miteinander sprachen und alles hin und her überlegten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen. Aber sie erkannten ihn nicht; sie waren wie mit Blindheit geschlagen. Jesus fragte sie: „Worüber redet ihr denn so erregt unterwegs?“ Da blieben sie stehen und blickten ganz traurig drein, und der eine – er hieß Kleopas – sagte: „Du bist wohl der Einzige in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist?“

Und wir hatten doch gehofft, er sei der erwartete Retter, der Israel befreien soll

„Was denn?“, fragte Jesus. „Das mit Jesus von Nazaret“, sagten sie. „Er war ein Prophet; in Worten und Taten hat er vor Gott und dem ganzen Volk seine Macht erwiesen. Unsere führenden Priester und die anderen Ratsmitglieder haben ihn zum Tod verurteilt und ihn ans Kreuz nageln lassen. Und wir hatten doch gehofft, er sei der erwartete Retter, der Israel befreien soll! Aber zu alledem ist heute auch schon der dritte Tag, seitdem dies geschehen ist! Und dann haben uns auch noch einige Frauen, die zu uns gehören, in Schrecken versetzt. Sie waren heute früh zu seinem Grab gegangen und fanden seinen Leichnam nicht mehr dort. Sie kamen zurück und erzählten, sie hätten Engel gesehen, die hätten ihnen gesagt, dass er lebt. Einige von uns sind gleich zum Grab gelaufen und haben alles so gefunden, wie es die Frauen erzählten. Nur ihn selbst sahen sie nicht.“

Jesus tat so, als wollte er weitergehen

Da sagte Jesus zu ihnen: „Was seid ihr doch schwer von Begriff! Warum rafft ihr euch nicht endlich auf zu glauben, was die Propheten gesagt haben? Musste der versprochene Retter nicht dies alles erleiden und auf diesem Weg zu seiner Herrschaft gelangen?“ Und Jesus erklärte ihnen die Worte, die sich auf ihn bezogen, von den Büchern Moses und der Propheten angefangen durch die ganzen Heiligen Schriften. Inzwischen waren sie in die Nähe von Emmaus gekommen. Jesus tat so, als wollte er weitergehen. Aber sie ließen es nicht zu und sagten: „Bleib doch bei uns! Es geht schon auf den Abend zu, gleich wird es dunkel!“ Da folgte er ihrer Einladung und blieb bei ihnen. Als er dann mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es ihnen.

Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Aber im selben Augenblick verschwand er vor ihnen. Sie sagten zueinander: „Brannte es nicht wie ein Feuer in unserem Herzen, als er unterwegs mit uns sprach und uns den Sinn der Heiligen Schriften aufschloss?“ Und sie machten sich sofort auf den Rückweg nach Jerusalem. Als sie dort ankamen, waren die Elf mit allen Übrigen versammelt und riefen ihnen zu: „Der Herr ist wirklich auferweckt worden! Er hat sich Simon gezeigt!“ Da erzählten sie ihnen, was sie selbst unterwegs erlebt hatten und wie sie den Herrn erkannten, als er das Brot brach und an sie austeilte.

Drei Leidenschaften begleiten mich Ulrich Gradert, Pastor
 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Drei Leidenschaften begleiten mich: Das Sammeln, das Spazierengehen und das Schreiben... Die Luft ist frisch und klar, das zarte Grün in der Sonne erzählt vom Aufbruch des neuen Lebens und in der Ferne wartet etwas auf uns. Kommen Sie doch mit mir auf diesen besonderen Spaziergang und ich verspreche Ihnen einen ganz anderen Weg durch die Welt der Gedanken und der Fragen in Zeit und Raum. An viele Osterspaziergänge denke ich gern zurück; oft kam zu uns auf den Bauernhof Besuch von Omas und Opas, Onkel, Tante oder Freunden. Nach dem Kaffeetrinken ging es los in kleinen Gruppen. Fast immer war ich in meiner zarten Jugend mit meiner Lieblingstante unterwegs, denn hier boten sich Raum und Gelegenheit besondere Themen zu besprechen, die sonst keinen Ort hatten. Miteinander einen Weg zu gehen, eröffnet neue Gedanken. Bis heute nutze ich Spaziergänge für wichtige Gespräche. Offenbar ist der beste Raum für viele Gedankengänge die Natur mit viel Platz und dem Duft des Lebens. Das weite Blau des Himmels und die Horizonte ohne Grenzen lassen manche Gedankenfunken leichter überspringen.

Pastor Ulrich Gradert gehört zu denen, die viel aufsammeln

Ich gehöre zu denen, die viel aufsammeln; Nützliches und Ballast. Ein Hauch von „Messie“ steckt in mir. Ich sammle nicht nur Modellautos, Steine oder Bücher über Flugzeuge, besonders gern sammle ich Eindrücke, Bilder und Fragen. Ich klebe sie mir wie in ein Album meiner Erinnerungen. Wie ein bunter oder auch finsterer Bogen ist meine Sammlung von Gedanken und Gefühlen in diesem Jahr. Das dynamische Grün der aufbrechenden Frühlingswelt begegnet meinen Hoffnungen, Sorgen und Fragen. Wie helle oder finstere Bögen hängen sie über meiner Welt. Und ich sammle Eindrücke aus Medien, Telefonaten und Erinnerungen an Zeiten der eigenen Krankheiten und Todesnähe. Ja, auch unser Spaziergang kommt an den dunklen Tälern nicht vorbei. Alles Licht der Frühlingswelt kann die Sorgen nicht einfach ausschalten. Vielleicht möchten Sie mir beim Lesen dieser Predigt etwas erzählen und bleiben stehen an der Brücke am kleinen Bach und halten den Abstand dieser Tage, der zum Glück nicht für die Nähe der Gedanken gelten muss. Ja, wir sorgen uns so vielfältig. Wir fürchten um das Leben. Wir fürchten uns, wie so oft, in der Ungewissheit einer Welt, die in aller Schönheit immer auch Leiden und Tod in sich trägt.

Im Predigtabschnitt haben zwei Menschen genau diese Erfahrung gemacht

Im Predigtabschnitt haben zwei Menschen genau diese Erfahrung gemacht. Sie hatten Angst um einen geliebten Menschen und mussten sein Leiden erleben. All das hat sie geprägt und ihren Blick derart sinken lassen, dass sie eine dritte Person an ihrer Seite nicht wirklich wahrnehmen konnten. Spaziergänge in der Schönheit der Welt, die uns die wunderbare Realität dennoch nicht zeigen, gibt es so viele. Das Schauen, die Blickrichtung werden von Stimmungen und dem Geist der Freiheit geleitet.

Um ihr Leben werden sie gefürchtet haben, doch das spielt in ihrem Gespräch keine Rolle

Zwei Menschen sind auf dem Weg in ein kleines Dorf und hinter ihnen liegt diese uralte und im Licht der Geschichte glänzende Stadt Jerusalem. Drehen wir uns mit ihnen zusammen um und schauen wir auf die Hügel und Zinnen der stolzen Stadt. Die Zwei ziehen sich aus dieser Metropole zurück und es gesellt sich ein unerkannter dritter hinzu. Zwei sind die Anhänger eines Hingerichteten. Um ihr Leben werden sie gefürchtet haben, doch das spielt in ihrem Gespräch keine Rolle. Träume und Visionen von einer besseren Welt sind mit diesem Jesus gestorben, denn er starb, obwohl er den Tod überwinden wollte. Beide erzählen dem unbekannten von Leiden, Sterben und einem leeren Grab, mit dem sie aber wenig anfangen können. Fast beiläufig berichten sie von Engelsgestalten. Sie sind Menschen wie wir, denn vor den Gräbern fällt es uns oft schwer zu glauben, selbst wenn Gräber leer wären. Wir vermissen, trauern, fragen, zweifeln, wir erleben die Bandbreite der Schwere des Daseins.

Vielleicht sind Sie, meine liebe Begleitung, gerade deshalb eben auf unserem Spaziergang in einen gedanklichen Nebenweg abgedriftet. Ja, denken Sie an ihn oder sie... Das macht nichts, denn oft sind es die kleinen Umwege, die letztlich besser zum Ziel führen. Der dritte, noch unbekannte, Weggefährte, lässt sich Zeit für diese Nebenwege seiner beiden Begleiter. Sie müssen alle Zweifel aussprechen dürfen; so wie wir es müssen, denn Fühlen und Glauben sind Geschwister und Vertrauen finden wir nur, wenn man uns ganz und gar ernst nimmt.

Das sichtbare Leiden am Kreuz ist nicht das Letzte, nicht das, was in den Abgrund führt

Dieser Unbekannte unter den Dreien hält gegen die Fragen und Ängste die Kraft der Tradition. Es musste so kommen, sagt er. Das sichtbare Leiden am Kreuz ist nicht das Letzte, nicht das, was in den Abgrund führt. Die neue Wirklichkeit geht über den Verstand hinaus, sie ist vielleicht anders als das, was wir in Bildern malen würden, doch sie öffnet sich immer wieder. Den beiden Begleitern werden die Augen erst geöffnet, heißt es, als sie mit ihm zu Abend essen. Die inhaltliche Nähe zum Abendmahl macht deutlich, wer da mit den beiden unterwegs war; kein anderer als Jesus selbst. Sie erkannten ihn und sie machen sich auf in ihre Welt, zurück nach Jerusalem, und sie entzünden mit anderen ein Feuer des Glaubens, das durch die Jahrhunderte und Jahrtausende leuchtet. Es leuchtet immer wieder anders und immer wieder neu in den Farben der jeweiligen Zeit. Hüten wir uns davor, unsere Zeit für jene der wahren Erkenntnis zu halten!

Im Zweifel fragen wir, denn wir stehen ihm nicht gegenüber

Wenn es so einfach wäre für uns? Im Zweifel fragen wir, denn wir stehen ihm nicht gegenüber. Auch Ostern löst das Geheimnis der Gegenwart Gottes nicht auf. Wir finden zu Ostern den Bericht von Menschen, die davon erzählen, dass der Tod überwunden ist. Es ist kein Bericht, der das Sterben in der Welt für abgeschafft erklärt. Die Realität unserer Wirklichkeit zeigt das Sterben in aller Welt und bei uns. Die Größe und Besonderheit der Gefahr lässt uns in diesem Jahr besonders leiden und Fragen stellen. Wir sind alle direkt betroffen. Es ist damit ein Osterfest, das sicher viele Menschen nachdenklicher macht als die meisten Feste vorher. Der Tod in dieser Welt ist nicht abgeschafft. Auch wir werden sterben, oft ohne vorher zu wissen, wann und woran.

Unsere Furcht vor einem Virus, das wenige millionstel Millimeter misst, sollten wir sehr ernst nehmen Ulrich Gradert, Pastor
 

Unsere Furcht vor einem Virus, das wenige millionstel Millimeter misst, sollten wir sehr ernst nehmen. Doch es darf keine zukünftige Gefahr sein, die unsere Welt beherrscht. Gern blicke ich mit Ihnen vom Hügel über die Weite des Landes bis zur Ostsee. Ein bisschen ist dies wie der Blick Richtung Jerusalem. Ja, auch wir prägen den Glauben immer wieder neu und oft haben Menschen das gerade in Krisen in besonderer Weise getan. Das Leben ist um uns, auch wenn die österliche Freude in diesem Jahr gefiltert und gebremst sein mag. Auch, wenn das frohe Ostern eher ein nachdenkliches oder vorsichtig hoffnungsvolles ist. Fest steht, die schaffende Kraft, die Schöpfung, prägt diese Welt und nichts anderes.

Der Predigttext erzählt viel von der Macht der Gemeinschaft. Auch bei uns wurde in den letzten Tagen etwas bewegt und getröstet durch den Zusammenhalt. Zusammenhalten können wir auch, wenn wir räumlich getrennt sind. Lassen wir die Kraft der kleinen Spaziergänge wirken auf uns und auf andere. Gott selbst ist dabei wohl viel häufiger bei uns als wir es vielleicht erahnen können. Heben wir den Blick und halten wir nach ihm Ausschau. Und trauen wir ihm zu, dass er mit uns noch etwas vorhat. Dass er uns erhält, sogar über Krankheiten und Grenzen des Lebens hinweg; nennen wir es Auferstehung! Ein gesegnetes Osterfest 2020!

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