Eutin : Ein dreister Auftritt vor Gericht

Im Inneren des Amtsgerichts bekamen Richterin und Staatsanwältin vom Angeklagten einiges zu hören.
Im Inneren des Amtsgerichts bekamen Richterin und Staatsanwältin vom Angeklagten einiges zu hören.

Ein 45-jähriger bringt seine bürgerliche Familie aus den Fugen, beleidigt einen Polizisten. Doch von Reue keine Spur: Stattdessen gibt er sich pubertär-provozierend.

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24. Oktober 2018, 11:35 Uhr

Es sind bestürzende Einblicke in das Leben einer nicht ganz unbekannten Eutiner Familie, die ein Prozess am Mittwoch vor dem Eutiner Amtsgericht gewährt. Der Angeklagte, der sich wegen Bedrohung, Sachbeschädigung und Nötigung zu verantworten hat, legt einen – gelinde formuliert – bemerkenswerten Auftritt hin. Auf der Anklagebank gelandet ist er nicht zuletzt durch seinen eigenen Vater. Der 78-Jährige hat seinen Sohn angezeigt.

Bereits im März hat der 45-jährige Sohn einen Strafbefehl über 5400 Euro (90 Tagessätze) kassiert – wegen Nötigung, Körperverletzung und Beleidigung. Auslöser ist schon damals eine Strafanzeige des Vaters. Einer Verhandlung vor dem Eutiner Amtsgericht entzieht sich der Angeklagte, indem er einfach nicht erscheint. Das will Amtsrichterin Anja Farries ihm nicht zweimal durchgehen lassen. Als er auch dem zweiten Prozess fernbleibt, zwingt sie den wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch vorbestraften Eutiner per Haftbefehl vor Gericht.

Schon zu Beginn der Verhandlung trägt der sein Desinteresse zur Schau. Mit schwarzer Lederjacke und Lederhose bekleidet, lehnt der Mann mit dem Zopf sich zurück oder widmet sich seinen Fingernägeln. Ganz so gelassen hatte er den Strafbefehl vom März nicht pariert. Der habe ihn derart in Rage gebracht, dass er sich von seinem Vater Anwaltskosten in Höhe von 4600 Euro habe zurückholen wollen, trägt die Staatsanwältin vor.

Der Angeklagte lässt sich vom Hamburger Rechtsanwalt Klaus-Ulrich Ventzke verteidigen. Dessen Kompagnon, Gerhard Strate, vertrat bereits so bekannte Mandanten wie den jüngst abgeschobenen Terroristen Mounir al-Motassadeq, den Unternehmer Alexander Falk oder die Hamburger Kiez-Größe Burim Osmani. Die Beziehung zu der Hamburger Kanzlei ist wohl kein Zufall. Immobilien in der Hansestadt haben der Familie schon einigen juristischen Ärger eingetragen, wie das Hamburger Obdachlosenmagazin „Hinz und Kunzt“ im September berichtet.

Zurück zum Prozess in Eutin: Um der Forderung gegen seinen Vater Nachdruck zu verleihen, soll der Angeklagte diesem laut Anklageschrift massiv gedroht haben. „Acht Zigeuner“ würden anrücken, um das Geld einzutreiben. Zahle er nicht, würden sie ihn festhalten und ihm die Finger abschneiden. „Eins, zwei, drei, das ist sehr schmerzhaft“, soll der Sohn die Drohung bekräftigt haben.

Der Vater will seine bei der Polizei getroffenen Aussagen vor Gericht allerdings nicht wiederholen. Der studierte Physiker mit einer Promotion in Bio-Chemie verweigert die Aussage. Die Einlassungen einer 19-Jährigen, die als Nachhilfeschülerin des Vaters Zeugin eines Streits mit dem Sohn geworden ist, sind zu unkonkret für eine Verurteilung. Deshalb stellt Amtsrichterin Farries das Verfahren in diesem Punkt auf Antrag der Staatsanwaltschaft ein.

Ein Urteil gibt es trotzdem: Wegen Beleidigung eines jungen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle muss der Angeklagte eine Geldstrafe von 2400 Euro (40 Tagessätze) zahlen. Schon als der 19-jährige Polizeianwärter den Gerichtssaal betritt, grinst der Angeklagte demonstrativ. „Du bist nur ein Azubi im mittleren Dienst, du hast kein Abitur, du bist nichts, du bist Dreck“: Diese Worte fielen nach Überzeugung des Gerichts im Juni bei einer Polizeikontrolle.

Als Anja Farries aus den Akten auch noch die Bezeichnung der Polizisten als „Schülerlotsenverein“ zitiert, grinst der Angeklagte wieder breit – zum Missfallen der Richterin: „Finden Sie das lustig?“, fragt sie. Doch die Antwort enthält nicht die Spur von Reue: „Ja. Sonst würde ich nicht lachen“, entgegnet er provozierend.

In der Urteilsbegründung geißelt die Amtsrichterin die Beleidigung des Polizisten als nicht hinnehmbar. Als sie erklärt, auch kleinere Delikte könnten bei mangelnder Einsicht irgendwann zu Haftstrafen führen, bricht der Angeklagte in schallendes Gelächter aus. „Das ist doch lächerlich“, platzt es aus ihm heraus, worauf Farries entgegnet, so sehe unreifes Verhalten aus. Der Abgang des Angeklagten hat es in sich. „Jetzt geht’s zu attraktiveren Frauen. Wiedersehen.“ Mit diesen Worten stürmt er hinaus und lässt Richterin und Staatsanwältin zurück.

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