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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 08:27 Uhr

Durchzügler und Wintergäste

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Herbst bedeutet den Start für massenhafte Bewegungen in der Luft / Welche Massen sich bewegen, lässt sich nur grob schätzen

Mit dem Herbst bahnt sich eine gigantische Verschiebung in der Vogelwelt Mitteleuropas an, die in Schleswig-Holstein immer wieder besonders gut zu beobachten ist. Der Wegzug unserer Brutvögel oder der Teilzieher schafft ein Vakuum, das einen Strom von Einwanderern aus dem Norden, dem Nordosten sowie dem Nordwesten Platz bereitet, der sich über Mitteleuropa hinweg in die Mittelmeerländer und nach Schwarzafrika ergießt. In einer letzten Welle folgen die Wintergäste, die dann bis zum Frühjahr bei uns verweilen.

Welche Massen sich in jedem Jahr in beiderlei Richtung bewegen, lässt sich nur schätzen. Allein über die Sahara hinweg zieht jährlich zwischen August und Oktober eine runde Milliarde von geflügelten Fernwanderern, die zum Teil bis Südafrika fliegen. Eleonorenfalken auf den Inseln des Mittelmeeres ernähren ihre Jungen nur mit diesen Herbstziehern und brüten daher sehr spät. Sie sollen allein jährlich in zwei Monaten eine Million Singvögel vertilgen – ein bescheidener Anteil am Strom der nach Afrika ziehenden europäischen Sommervögel.

An manchen Orten bieten sich besonders günstige Beobachtungen des Massenzuges. Schon das Zusammenrotten der Stare zu Zehntausenden, das dem Wegzug vorausgeht, ist imponierend und an bestimmten Plätzen unserer Westküste gut zu beobachten.

An diesen Schlafplätzen kann sich diese Vogelart zu Hunderttausenden versammeln. Besonders eindrucksvoll konzentriert sich der Vogelzug aber an Leitlinien wie auf der Kurischen Nehrung oder über bestimmte Inseln wie Helgoland, weshalb man gerade hier Vogelwarten errichtet hat. Auf den Flächen des Wattenmeeres stellt sich das Millionenheer der Watvögel zur Rast ein. Doch auch einzelne Vogelarten können den Durchzug bei uns anschaulich dokumentieren, besonders dann, wenn es sich um Großvögel wie den Kranich handelt, die im Verband bei Tage ziehen. Kraniche überfliegen in der Regel Ostdeutschland und im Süden Westdeutschland auf bestimmten Zugstraßen.

Der Durchzug von Vogelarten in unserem Bundesland setzt schon frühzeitig ein; so kann man große Kiebitz-Schwärme auf ihrem Zwischensommerzug schon im Juni und Watvögel im Juli sehen, die meisten erscheinen jedoch erst im August. Im September folgen die Entenarten und die Hauptmasse der Kleinvögel – vor allem die Insektenfresser aus nordischen Ländern –, und im Oktober sieht man überall in breiter Front Finken und Lerchen in Trupps und Schwärmen südwestwärts durch unser Land ziehen.

Diesen Strom setzen dann Zug- und Strichvögel fort, die in Schleswig-Holstein einfallen, um hier zu überwintern. Zwischen Durchzüglern und Wintergästen besteht keine scharfe Trennung: Viele Ringeltauben aus dem nördlichen und nordöstlichen Europa ziehen über Mitteleuropa hinweg bis Südfrankreich und Spanien, aber Tausende überwintern schon im Rheinland. Lachmöwen wandern an unseren Flüssen süd- und westwärts über Mitteleuropa hinweg, das Gros stellt sich aber im Winter in den Großstädten ein. Wo Gewässer noch eisfrei sind, findet man Enten vieler Arten als Wintergäste und als Durchzügler.

Wintergäste bilden keine so einheitliche Gruppe wie die Sommervögel, die ja in jedem Jahr in der gleichen Artenzahl und -zusammensetzung bei uns zur Brut schreiten. Zu den Wintergästen zählt auch das Gros der regelmäßigen Besucher, zu dem etwa die riesigen Scharen der Saatkrähen aus dem Osten gehören, auch jene Arten, die sich nur in strengen Wintern bei uns einfinden, wie viele nordische Entenvögel und Seetaucher.

Ganz regelmäßig stellen sich aber an bestimmten Winterplätzen im Bereich der Nord- und Ostseeküste jedes Jahr Gänse und Schwäne ein, ja oft die gleichen
Individuen, wie Ringfunde zeigen. Dieser jährliche Zugrhythmus ändert sich nur bei sehr starken Klimaschwankungen. In manchen Jahren sind Invasionsvögel wie der Seidenschwanz und andere, sonst seltene oder ganz ausbleibende Arten, häufige Wintergäste. Dazu kommen Irrgäste aus fernen Ländern wie zum Beispiel der Rotfußfalke oder der Sibirische Tannenhäher. Auch mit diesen Zeilen soll der Blick des Lesers auf das Geschehen in der Vogelwelt geschärft und die Lust geweckt werden, sich mit der „scientia amabilis“, der lieblichen Wissenschaft Vogelkunde, zu beschäftigen.


www.vogelschutzeutin-

badmalente.de

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erstellt am 08.Okt.2013 | 00:36 Uhr

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