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Drogendealer nennt Namen – und erhält ein mildes Urteil

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2017 | 14:20 Uhr

Der Angeklagte hatte eigentlich keine Chance, ohne größere Blessuren aus der Sache rauszukommen. Wer mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge handelt – wie es im Juristendeutsch heißt –, und dabei auch noch eine Waffe mit sich führt, dem droht eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr. Selbst in einem minderschweren Fall liegt die Untergrenze eigentlich bei einem halben Jahr.

Ein halbes Jahr Gefängnis, selbst auf Bewährung, hätte die beruflichen Pläne des 23-jährigen Malenters durchkreuzt, der gestern auf der Anklagebank des Eutiner Schöffengerichts saß. Will er doch nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker studieren und dabei auch familiäre Kontakte zu einer US-amerikanischen Firma nutzen, um dort praktische Erfahrungen zu sammeln. Eine Vorstrafe im polizeilichen Führungszeugnis wäre dabei alles andere als hilfreich.

Darüber machte sich der junge Mann wahrscheinlich keine Gedanken, als er Ende des Jahres 2015 mit dem Auto von Malente nach Eutin unterwegs war, um einen „Kunden“ zu beliefern. Sein Pech: Kurz hinter der Polizeischule stoppte ihn eine Polizeistreife. „Da war mir natürlich klar, dass ich keine Chance mehr habe“, erinnerte sich der Angeklagte vor Gericht.

Die Beamten fanden im Wagen des Malenters 48 Gramm abgepacktes Marihuana, eine Feinstoffwaage und einen griffbereiten Teleskopschlagstock – die Ausrüstung eines Drogendealers. Eine Hausdurchsuchung förderte weitere 84 Gramm der Droge zu Tage.

Angesichts der Beweislage war das Urteil des Eutiner Schöffengerichts unter Vorsitz von Amtsrichter Otto Witt eine kleine Überraschung. Es folgte der Forderung der Verteidigerin und verurteilte den Angeklagten wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz lediglich zu 90 Tagessätzen à 10 Euro, also 900 Euro Geldstrafe. Das ist exakt die Grenze, bis zu der eine Verurteilung nicht im Führungszeugnis auftaucht. Der Angeklagte gilt damit weiterhin als nicht vorbestraft.

Witt machte dem Malenter in der Urteilsbegründung deutlich, dass dieses milde Urteil keine Selbstverständlichkeit ist. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal einen solchen Fall so abgeurteilt haben“, erklärte er. Das sei nur möglich gewesen, „weil Sie hier heute Morgen einen tadellosen Eindruck hinterlassen haben“. Genauso gut hätte sich das Gericht der Forderung des Staatsanwalts anschließen können, erklärte Witt. Der hatte ein halbes Jahr auf Bewährung gefordert.

Der Angeklagte, der das Urteil sofort akzeptierte, zeigte sich tatsächlich schwer beeindruckt von dem Verfahren. Mit 15 Jahren habe er angefangen, Cannabis zu konsumieren, berichtete er. Um die Drogen zu finanzieren, habe er Freunde mitversorgt. Mittlerweile habe er sich völlig aus der Szene zurückgezogen: „Dass es soweit gekommen ist, kann ich inzwischen nicht mehr nachvollziehen.“ Seit einem halben Jahr sei er clean, könne dies auch mit Drogentests nachweisen.

Er wohne noch bei seinen Eltern und habe ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen. Vor seinen Arbeitskollegen sei ihm die Angelegenheit peinlich. Denn der Führerschein ist erst mal weg. „Mein Chef war auch nicht begeistert“, sagte der Angeklagte. Um wieder fahren zu dürfen, müsse er ein Jahr lang nachweisen, dass er drogenfrei sei, dann dürfe er sich zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) – im Volksmund „Idiotentest“ – anmelden.

Ausschlaggebend für das milde Urteil war letztlich, dass der Angeklagte Ross und Reiter nannte. Mit seiner Aussagebereitschaft sei der Angeklagte ein Risiko eingegangen, erklärte Witt. Mit dem milden Urteil wolle das Gericht auch einen Anreiz setzen, Namen zu nennen, um den Drogensumpf auszutrocknen. Namen hatte der Angeklagte bei der Polizei genannt – und die Konsequenzen vor zwei Monaten zu spüren bekommen. Ein Dealer habe ihm gedroht, ihn „hinter die nächste Ecke zu ziehen“, als dieser ihm im Zug begegnet sei, berichtete der Angeklagte. Sein Glück sei gewesen, dass ihn seine Mutter am Bahnhof abgeholt habe.

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