DRK verärgert mit Kündigung

Personalmangel: Pflegedienst quittiert hauswirtschaftliche Versorgung

shz.de von
20. Juni 2018, 12:02 Uhr

Die Kündigung kam überraschend und ließ wenig Zeit zu reagieren: „Leider müssen wir unsere Dienstleistungen im hauswirtschaftlichen Bereich einstellen“, teilte das Pflegeteam Holsteinische Schweiz des DRK Ostholstein mit. Weiter hieß es: „Leider zwingt uns die aktuelle Personalsituation in der Hauswirtschaft zu diesem Entschluss.“ Gerichtet war das Schreiben an eine 93-jährige, pflegebedürftige Malenterin. Deren Tochter Petra Schwerdtfeger, die im fernen Recklinghausen lebt, stellte das Schreiben vor eine schwierige Situation.

„Dass meiner Mutter per Brief vom 31. Mai für den 15. Juni gekündigt wurde, wuchs sich zu einer regelrechten Katastrophe aus“, berichtet sie. Denn aufgrund der vielen Kündigungen durch das DRK – nach ihren Informationen etwa ein Dutzend – sei auf die Schnelle kein Ersatz zu finden gewesen. Erschwerend sei hinzugekommen, dass das DRK-Personal ihre Mutter nicht persönlich von der Kündigung unterrichtet habe. Da diese jedoch aufgrund einer Augenerkrankung ihre Post nicht lesen könne, sei sie, die Tochter, erst verspätet auf den Brief aufmerksam geworden. Auf den Pflegestützpunkt Ostholstein als mögliche Anlaufstelle zur Lösung des Problems habe das DRK nicht hingewiesen. Diesen Tipp habe ihr erst ein anderer Anbieter gegeben.

Auf intensive Nachfragen habe ihr das DRK schließlich erklärt, dass allen Kunden die Hauswirtschaftshilfe gekündigt worden sei, die nicht zugleich auch pflegerisch vom DRK versorgt würden. Petra Schwerdtfeger wertet den Fall zum einen als „Beweis für die katastrophale gesundheitliche Versorgung in Deutschland“. Zugleich sei das DRK seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. „Es ist ein Skandal, dass hilfsbedürftigen Menschen so kurzfristig ohne Nennen von Alternativen gekündigt wird“, kritisiert sie.

Wie Hohn muss Petra Schwerdtfeger da ein weiterer Satz aus dem Kündigungsschreiben vorkommen. „Unser Entschluss bietet Ihnen die Möglichkeit, einen neuen Anbieter zu finden, der die hauswirtschaftliche Versorgung wieder absichern könnte“, heißt es da. Genau das stellte sich als fast unmöglich heraus. Pflegerisch betreut wird die Seniorin von der Diakonie-Sozialstation. Doch diese habe keine Kapazitäten für die hauswirtschaftliche Versorgung. Vier weitere Pflegedienste hätten abgewinkt, als es um die Fortführung der Versorgung von drei Stunden pro Woche gegangen sei.

Das DRK räumt Verbesserungspotenzial im Umgang mit der Betroffenen ein: „Dass in diesem Fall offenbar die stattgefundene Kommunikation nicht ihren Teil zur Lösung beigetragen hat, ist bedauerlich“, sagte Henning Meinecke, leitender kaufmännischer Angestellter für den ambulanten DRK-Pflegedienst auf OHA-Nachfrage. Die Kündigung sei aber innerhalb der im Versorgungsvertrag vorgesehenen Frist erfolgt. Wie viele Betroffene es gibt, sagte Meinecke nicht.

Im Kern verteidigte der DRK-Mitarbeiter das Vorgehen: „Die Kündigungen sind nicht aus bösem Willen erfolgt, sondern die reine hauswirtschaftliche Versorgung war aus Verantwortung gegenüber anderen nicht mehr darstellbar.“ Das DRK sehe sich angesichts eines Mangels an Fachkräften und zunehmend auch übrigen Personals in der Pflicht, vorhandene Personalressourcen so zu planen, dass so vielen Menschen wie möglich die bestmögliche Versorgung gewährleistet werde, erklärte Meinecke. „Da, wo wir ohnehin vor Ort sind, wollen wir gerne alles tun, um die bestmögliche Betreuung zum Tragen kommt.“ Daher habe man sich entschlossen, nur noch diejenigen hauswirtschaftlich zu versorgen, die auch vom DRK gepflegt würden. Für diese Betroffenen werde die hauswirtschaftliche Betreuung aufrechterhalten, betonte Meinecke.

Petra Schwerdtfeger hat unterdessen nach etlichen Telefonaten doch noch eine Hilfe gefunden – wenn auch nur für eine Stunde pro Woche. Dazu habe sich ein Malenter Pflegedienst schließlich bereit erklärt. Es werde also weiter für ihre Mutter eingekauft und auch notdürftig sauber gemacht. „Doch was passiert mit den Betroffenen, die niemanden haben, der sich für sie einsetzt?“, fragt Petra Schwerdtfeger. Ihre Antwort: Ihnen bleibe nur der Gang ins Altersheim.

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