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Kündigung eines Mitarbeiters : DRK: „So verfahren wir einfach“

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Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

55-jähriger DRK-Fahrer Lutz Schernikau wurde fristlos entlassen, weil er sich über einen Stundenlohn von unter 5 Euro beschwerte.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Ostholstein sieht sich als Helfer und Anwalt der Hilfsbedürftigen und ist nach den eigenen Leitlinien nicht bereit, Unmenschlichkeit hinzunehmen. Jetzt ist ein Mitarbeiter des Ostholsteiner Behindertenfahrdienstes von Geschäftsführer Martin Brosiat fristlos entlassen worden, weil er öffentlich über die Arbeitsverhältnisse und die geringe Entlohnung klagen wollte – und es in diesem Bericht jetzt auch tut.

Der DRK-Kreisverband übernimmt in Ostholstein als Gesellschafter auch Verantwortung als Arbeitgeber, zum Beispiel beim Behindertenfahrdienst. Ob die gGmbH des DRK-Kreisverbandes mit der Zahlung eines Stundenlohnes um die 5 Euro jedoch dieser Verantwortung gerecht wird, bezweifelt Lutz Schernikau. Der 55-Jährige fuhr seit über 13 Jahren für das DRK wochentags Behinderte morgens zu ihren Arbeitsplätzen in Werkstätten und abends wieder nach Hause.

Eigentlich ist der DRK-Fahrer Lutz Schernikau Erzieher. „Meine Schwerbehinderung GdB 90 zwang mich aus dem erlernten Beruf“, sagte er im OHA-Gespräch. So kam er 2000 zum Ostholsteiner Behindertenfahrdienst des DRK-Kreisverbandes Ostholstein und ist dankbar, dass dort Arbeitsplätze für ihn und andere behinderte Kollegen angeboten werden.

Jeden Morgen fuhr er mit dem DRK-Bus von seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung (297 Euro Kalt-Miete) nach Pönitz, um den ersten behinderten Fahrgast aufzunehmen. Erst dort begann offiziell auch seine Arbeitszeit. Das Ziel für insgesamt acht Fahrgäste: die Oldenburger Werkstätten. Schernikau lieferte sie dort ab und fuhr wieder in seine Neustädter Wohnung. Nachmittags fuhr er die Tour von Neustadt nach Oldenburg und Pönitz wieder zurück nach Neustadt und hatte dann etwa 180 Kilometer zurückgelegt. Die Gesamtfahrzeit betrug unter Idealbedingungen zwischen 2 Stunden 30 Minuten und in Stau- und Urlaubszeiten bis zu drei Stunden.

„Manchmal musste das Auto zwischen den Touren noch in die Waschstraße. Andere Fahrer müssen ihre Busse mit der Hand in der Selbstwaschanlage reinigen, manchmal müssen die Busse auch in die Werkstatt“, sagte der ehemalige 55-jährige DRK-Fahrer. Ein Kollege musste mit seinem DRK-Fahrzeug wegen einer defekten Trittstufe gleich zwei Mal zur Reparatur nach Neumünster fahren. Diese Mehrstunden werden, so Schernikau, in der Regel offenbar nicht bezahlt.

Doch ein Fahrer des DRK-Fahrdienstes ist offensichtlich mehr als nur Fahrer oder Fahrzeugreiniger: „Bei Unterzuckerungen, epileptischen Anfällen oder anderen Problemen der Fahrgäste musste ich sofort reagieren“, schilderte Lutz Schernikau aus vielfachen Erlebnissen. Er habe außerdem Streitereien unter Behinderten im Fahrzeug geschlichtet oder durch Gespräche mit niedergeschlagenen Fahrgästen „Sozialarbeit“ geleistet. Lutz Schernikau brachte die Arbeit trotzdem viel Spaß. Er ist – wie viele seiner Kollegen auch – auf das Geld angewiesen.

„Wir transportieren hier doch keine Kartons, sondern Menschen“, sagte Schernikau. Er fühlt sich – wie viele seiner Kollegen nach seinen Worten auch – ausgenutzt. Für seine Dienste bekam er nach einem alten Vertrag monatlich festgeschriebene 335 Euro für maximal 14,9 Wochenarbeitsstunden. Das macht nach seinem Vertrag einen Stundenlohn von 5,62 Euro. Doch durch längere Fahrtzeiten errechnet er einen durchschnittlichen Stundenlohn von nur noch 5,31 Euro bis zu unter 5 Euro. „Mit nur 50 Euro mehr im Monat wäre ich schon zufrieden gewesen, ich wollte den Betrieb ja nicht kaputt machen“, sagte Lutz Schernikau bescheiden.

Martin Broziat, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Ostholstein und der Ostholsteiner Behindertenfahrdienst gGmbH, sagte dem OHA kurz und bündig: „Bestimmte Sachen klären wir nicht über die Presse. Wir machen nichts Illegales. So verfahren wir einfach. Es gibt eine Treuepflicht.“ Weiteren Gesprächsbedarf mit dem OHA hatte Martin Broziat nicht.

Offenbar nur wenige Minuten nach dem OHA-Telefonat mit Broziat hielt Lutz Schernikau seine fristlose Kündigung mit Wirkung zum 23. August in der Hand. Sie wurde ihm in Oldenburg von der Fahrdienstleitung in die Hand gedrückt, als er „seine“ Fahrgäste von den dortigen Werkstätten wieder nach Hause fahren wollte. Das brauchte er schon nicht mehr. Unterzeichnet war das Papier von Martin Broziat. Einen Ersatzfahrer hatte der Behindertenfahrdienst bereits organisiert, der sogar noch von Lutz Schernikau für die Tour eingewiesen wurde. In Neustadt gab er den Bus an den neuen Fahrer ab.

Wie war das noch mit den Leitlinien des DRK-Kreisverbandes Ostholstein? „Wir helfen Menschen, deren Mobilität aufgrund einer Behinderung eingeschränkt ist. Mit unserem Fahrdienst erleichtern wir ihnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.“ Aber zu welchem Preis?

„Ich kann das Rote Kreuz nicht für meine private Situation verantwortlich machen“, blickte Lutz Schernikau zurück. Die Arbeitsbelastung der vielen unbezahlten Stunden sei jedoch in den vergangenen Jahr erheblich gestiegen. Die Form der Arbeit mag rechtlich in Ordnung sein, menschlich sei sie das nicht. Das DRK habe sich die Menschlichkeit auf die Fahnen geschrieben. „Doch für mich als Fahrer hatte das keinen Bestand“, schüttelte er enttäuscht den Kopf. Er sei sogar in seinem Urlaub eingesprungen, als bei Fahrdienst kurzfristig ein Fahrer gesucht wurde. Seinen Rechtsanspruch auf zehn zusammenhängende Urlaubstage habe er dadurch verwirkt. Übrigens: Die letzte Gehaltserhöhung erlebte Schernikau vor fünf Jahren – von 325 auf 335 Euro.


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erstellt am 24.Aug.2013 | 00:31 Uhr

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