Interview : „Dritter Platz war sensationell“

Sagt, wo es langgeht: Navigator Dirk von Zitzewitz aus dem Dakar-Team von Toyota.
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Sagt, wo es langgeht: Navigator Dirk von Zitzewitz aus dem Dakar-Team von Toyota.

Navigator Dirk von Zitzewitz wurde bei der Rallye Dakar Dritter. Im OHA-Interview spricht er über die Strapazen des Rennens, seine Aufgaben und die Risiken.

shz.de von
19. Februar 2018, 16:37 Uhr

Karlshof | Egal ob in den Anden, in der Atacama-Wüste oder im Flachland  – Dirk von Zitzewitz weiß, wo es langgeht. Der 49-jährige Karlshofer war auch in diesem Jahr wieder als Navigator für das Toyota Gazoo Racing Team bei der Rallye Dakar im Einsatz und schaffte es gemeinsam mit seinem Fahrer Giniel de Villiers aus Südafrika auf den dritten Gesamtplatz. Unser Volontär Jannik Schappert hat mit dem  Sieger von 2009 über die Tücken der zurückliegenden Rallye, über die Wertschätzung des Navigator-Jobs und über die Gefahren des spektakulären Motorsports  gesprochen.

Herr von Zitzewitz, vermissen Sie es, jeden Tag stundenlang im Toyota zu sitzen?

Dirk von Zitzewitz: Irgendwie ja. Während des Rennens denkt man: Ich bin froh, wenn es zu Ende ist. Und nach einer Woche zu Hause dachte ich: Eigentlich könnte ich noch ein bisschen fahren.

Die Rallye Dakar gilt als härtestes Rennen der Welt. Nehmen Sie uns mit ins Auto: Welchen Belastungen sind Fahrer und Navigatoren  ausgesetzt?

Es ist zunächst einmal ziemlich laut. Unsere Helme machen es  erträglich – ohne wäre es viel zu laut. Im Auto ist ja nichts gedämmt, nichts isoliert. Da ist nur pure Technik, für Komfort wird kein Gewicht verschenkt.    Und es ist heiß, zumindest wenn wir nicht gerade in Bolivien auf über 3600 Metern Höhe unterwegs sind.  Da ist es im Auto mit 25 bis 30 Grad noch recht angenehm. Weiter unten haben wir bis zu 45 Grad. Und das auch nur, weil wir eine Klimaanlage haben. Es gibt Teams, die darauf verzichten, weil sie ein bisschen Leistung kostet. Aber Giniel und ich denken, dass ohne über den ganzen Tag gesehen die körperliche Performance leidet und Fehler entstehen.

Wie verpflegen Sie sich während der Etappen? Schließlich sind Sie jeden Tag zwischen acht und 13 Stunden unterwegs.

Ich esse sehr selten, wenn wir unterwegs sind. Wenn im Auto Hunger aufkommt, gibt es einen Müsliriegel. Und wenn Giniel Hunger hat, dann breche ich ihm ein Stück ab. Zu trinken haben wir hinter den Sitzen mehrere Liter Wasser in Thermoskannen. Ich habe Zugriff auf ein bis zwei Flaschen mit je 1,5 Litern und Giniel auf bis zu 6,5 Liter.

Das ist eine Menge Flüssigkeit. Was ist, wenn Sie sich erleichtern müssen?

Der Fahrer ist im Auto durch das Lenken, Schalten und Kuppeln  viel aktiver, für ihn sind die Etappen ein richtiger  Workout. Da kommt die Flüssigkeit als Schweiß wieder raus. Ich wiederum muss mich nur festhalten und konzentrieren. Wenn du dann tatsächlich mal pinkeln musst, hast du ein Problem, weil dafür in der Prüfung nicht angehalten wird. Das würde mindestens zwei Minuten kosten – vor ein paar Jahren wurde die Dakar nach 14 Tagen mit 2:18 Minuten Vorsprung gewonnen. Der Körper gewöhnt sich aber an den Rhythmus, ansonsten muss man auf die Zähne beißen. Es gibt auch andere Lösungen, manche Teilnehmer tragen Erwachsenenwindeln oder lassen einfach laufen. Aber mein Sitz ist bisher trocken geblieben (lacht).

Warum tun Sie sich diese Strapazen an?

Wie in jedem Sport geht es um den Wettkampf. Man möchte sich messen, andere schlagen, gut sein. Der Weg dahin ist meistens unbequem, aber umso süßer ist der Erfolg. Außerdem macht es einfach Spaß, mit Vollgas durch das Gelände zu bügeln. Das Rennen ist zwar unheimlich hart und man sehnt das Ende herbei, aber trotzdem genießt man es. Umso härter es ist, desto größer ist im Ziel die Genugtuung.

Sie sind dieses Jahr auf Gesamtplatz drei gelandet. War das zufriedenstellend?

Vor der Rallye habe ich gesagt, das Podium muss mindestens unser Ziel sein. Wir dachten sogar, dass wir eine Chance auf den Sieg haben – wenn auch nur eine sehr kleine. Wider erwarten lief in der ersten Woche aber nichts für uns. Besonders schlimm war es am vierten Tag, als wir trotz meiner Ansage eine Abzweigung verpasst haben und danach im Staub der anderen gefahren sind.  Das hat uns zwei Plattfüße eingehandelt und wir haben uns so ungewöhnlich stark im Sand festgefahren, dass wir gesagt haben: das war’s. Aber wir haben  den Kopf nicht in den Sand gesteckt, sind ausgestiegen, haben angefangen zu buddeln und das Auto repariert. Dennoch haben wir  eine Stunde verloren, die Chance auf den Gesamtsieg war da schon weg. Auch danach gab es noch Probleme bei uns. Und dass es da  noch der dritte Platz geworden ist, war sensationell.

Alle Beteiligten sind sich einig, dass die  Dakar 2018 die härteste war, seit die Rallye in Südamerika stattfindet - warum?

Das lag an der Streckenwahl, der Beschaffenheit der Strecken und der Länge der Etappen. Das Streckenprofil war unglaublich rau, du konntest keine Geschwindigkeit aufnehmen, es hat im Auto nur gescheppert und du  wurdest hin und hergeworfen. Das ist körperlich unglaublich ermüdend. Und dann war da die Länge der Etappen –  der längste Tag hat 13,5 Stunden gedauert.  Da wollten uns die Veranstalter, nachdem wir uns in den letzten Jahren beschwert haben, dass es zu leicht war, zeigen: Südamerika ist hart. Aus meiner Sicht sind sie einen Schritt zu weit gegangen. Aber die Zuschauer und die Medien waren begeistert wie lange nicht.

Kam Ihnen und Giniel de Villiers die erhöhte Schwierigkeit zu Gute?

Ja, für uns gilt: Umso schwerer das Rennen, desto weiter vorne landen wir. Das Team hat vor der Dakar ein neues, vielversprechendes Auto entwickelt.  Andere haben dennoch einen technischen Vorsprung. Aber wenn das Rennen  schwer ist, entscheidet nicht nur die Technik. Dann muss man gut fahren und navigieren, außerdem muss das Auto halten.

Apropos navigieren: Wie kann man sich den Job des Navigators vorstellen?

Ich bekomme eine Wegbeschreibung vom Veranstalter, das Roadbook. Damit muss ich im Gelände den Weg finden. Wir dürfen ja keinerlei Landkarte oder Satellitenbilder mit ins Auto nehmen. Das Roadbook enthält Hinweise über die Natur und sagt mir  zum Beispiel, dass wir nach der dritten großen Düne links abbiegen müssen. Ich muss also rausgucken und bei 160 Sachen diese Düne finden.  

Traditionell stehen jedoch die Fahrer mehr im Fokus als die Navigatoren. Wurmt Sie das?

Manchmal schon, weil das Verhältnis im Auto 50:50 ist.  Aber als Navigator fällst du nur auf, wenn etwas schiefgeht. Wenn es gut läuft, dann ist der Fahrer der Held. Wenn es schlecht läuft, war es wahrscheinlich der Navigator. Das kann einem schon auf den Keks gehen. Aber im Auto ist die Wertschätzung da. Giniel und ich sind gute Freunde, das passt schon.

Zudem endet der Arbeitstag des Navigators nicht bei der Ankunft im Ziel.

Im Gegenteil. Wenn wir ankommen, kriege ich das Roadbook für den nächsten Tag und dazu sieben bis zehn Seiten mit Änderungen, die ich einarbeiten muss.  Danach individualisiere ich das Roadbook mit verschiedenen Farben, damit ich die für mich wichtigen Infos leichter finden kann. Grün sind Richtungen, blau Entfernungen, orange Gefahren, pink Sonderinformationen.  Das alles dauert insgesamt bis zu vier Stunden. Dann willst du das Roadbook nochmal lesen und musst überlegen, wie du dem Fahrer die Infos vermittelst.  Denn im Auto habe ich keine Zeit zum Überlegen.  Das alles ist sehr aufwendig. 

Wie ist es beim Fahrer?

Für den Fahrer ist es auch  sehr hart. Wenn wir ins Ziel kommen, muss er dem Team  sagen, was ihm am Auto gefallen hat und was nicht. Anschließend muss er Interviews geben, sich behandeln lassen und essen.  Und dann muss er schlafen (lacht). Der Fahrer hat mehr Zeit, dafür muss er im Auto körperlich viel härter arbeiten.

Könnten Sie im Notfall auch fahren?

Ja, ich müsste mich im Vergleich mit anderen Fahrern auch nicht verstecken. Giniel und ich dürften laut Reglement unsere Plätze tauschen. Aber dann würden wir Zeit verlieren, weil ich nicht so schnell fahren und er überhaupt nicht navigieren kann.

Es gab bei der Rallye Dakar schon einige Todesfälle. Blenden Sie die Risiken aus, sobald Sie ins Auto steigen?

Ausblenden ist das falsche Wort. Du musst dir  bewusst sein, dass etwas passieren kann. Das Gute ist, dass die Fahrzeuge sicher sind. Wir hatten schon mehrere Überschläge und sind immer ohne Probleme ausgestiegen. Trotzdem ist es natürlich riskant. Wichtig ist, dass du weißt, was du kannst, was das Auto kann, und dass du versuchst, dich in diesem Rahmen zu bewegen. Da fühle ich mich bei  Giniel gut aufgehoben. Er sagt nicht: alles scheißegal, Hauptsache schnell, sondern fährt sehr bewusst. 

Müssen Sie trotzdem nach jedem Rennen zu Hause bei Ihrer Familie anrufen?

Meine Frau legt tatsächlich großen Wert darauf, dass ich mich melde. Sie macht sich natürlich Sorgen, aber ich versuche, ihr immer zu sagen: Bleib’ ruhig, ich mache das schon ewig lange und weiß, was ich tue – und Giniel genauso.

Sind sind jetzt 49 Jahre alt. Haben Sie ein Alter im Kopf, wo  Sie sagen, das muss alles nicht mehr sein?

Das schwankt. An den ersten beiden Tagen des Rennens sage ich regelmäßig, es könnte meine letzte Dakar sein. Aber nach dem Rennen denke ich dann: Ich mache es einfach so lange, wie ich Spaß daran habe. Und solange ich die Chance sehe, das Rennen gewinnen zu können, reizt es mich auch, dabei zu sein.

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