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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 20:53 Uhr

Eutin : Dresden war „Tal der Ahnungslosen“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Herausgeber Renatus Deckert las aus „Die Nacht, in der die Mauer fiel“ mit Erinnerungen namhafter Schriftsteller.

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2017 | 07:07 Uhr

„Ich habe tief und fest geschlafen.“ An Renatus Deckert war die Maueröffnung in der Nacht des 9. Novembers 1989 zwar unbemerkt vorbeigegangen, wie er gestern Schülern des Beruflichen Gymnasiums Eutin berichtete. Doch das nahm der gebürtige Dresdener, Jahrgang 1977, später zum Anlass, „diese biografische Leerstelle mit Erinnerungen der Älteren zu füllen“, wie er sagte. 2009 erschien das Buch „Die Nacht, in der die Mauer fiel“ mit Erinnerungen von 25 namhaften Schriftstellern an besagtes historisches Ereignis.

Bevor der Essayist und Herausgeber Auszüge aus den Beiträgen von Durs Grünbein und Kerstin Hensel vortrug, berichtete der studierte Philosoph aus eigenem Erleben. „Ich erinnere mich an die Volksfeststimmung in den Straßen, die halbe DDR schien damals in Westberlin zu sein.“

Deckert umriss die Lebensverhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und erinnerte an die durch den „Eisernen Vorhang“ getrennten Familien, die begrenzte Reisefreiheit, die üblichen Warteschlangen vor den Geschäften, wenn es Südfrüchte gegeben hatte, oder auch sozialistische Wortschöpfungen wie „Friedensschützer“ statt Soldaten oder „geflügelte Jahresendfiguren“ statt Engel-Figuren. Die Staatsführung hätte von profitgierigen Kapitalisten, die hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“ die Arbeiter ausbeuteten, gesprochen und aus Westdeutschland nur ausgewählte Schwarz-Weiß-Bilder gezeigt.

„Das Westfernsehen war ein Stück weit Propaganda der Bundesrepublik und krasses Gegenbild zur DDR“, sagte Deckert zu einem Schüler, der nach dem Anteil, den die Bundesrepublik am Mauerfall gehabt hätte, fragte. Bis nach Dresden wäre das Westfernsehen nicht vorgedrungen. Sie hätten im „Tal der Ahnungslosen“ gelebt. Deckert: „Die Deutsche Demokratische Republik war alles andere als demokratisch.“

Deckert erinnerte an Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüro, der ungewollt den Mauerfall herbeigeführt hatte, als er die neuen Reisebestimmungen für „sofort“ gültig erklärte hatte.

Der Herausgeber machte kein Hehl aus seiner kritischen Haltung zur DDR aber auch im Bezug auf heute: „Unser westlicher Wohlstand beruht auf dem Elend der Dritten Welt und sozialer Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft.“

Die Lesung hatte die Lehrerin Zorica Lovrincevic organisiert. Ihre Kollegin Barbara Friedhoff-Bucksch wollte es anschließend nicht bei den „sinnlichen Eindrücken“ Deckerts belassen. „Wir werden im Unterricht vertiefen, welche gesamtpolitischen Faktoren eine Rolle gespielt haben. Es kann ja nicht sein, dass der Eindruck erzeugt wird, der Mauerfall sei ein politischer Zufall gewesen.“

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