Doctrinae, Sapientiae, Pietati

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02. Januar 2010, 04:59 Uhr

%_initial3_%E%__initial3_%twas mulmig war mir schon. Nach 20 Jahren ging ich wieder zur Schule, zu meiner Schule, der Lauenburgischen Gelehrtenschule in Ratzeburg. Im Internet hatten wir, der Abschlussjahrgang 1976, uns verabredet. Aus gutem Grund: Denn das Schulgemäuer wird endgültig plattgemacht. Nur die Aula soll stehen bleiben.

An Bauzäunen vorbei und über provisorisch angelegte Fußwege ging ich auf den Eingang zu. "Doctrinae, Sapientiae, Pietati" - diese drei Worte haben mich neun Jahre lang begleitet: "Für die Gelehrsamkeit, Weisheit und Frömmigkeit". Montägliche Morgenandachten in der Aula, in der die Musiklehrer Lemmert oder Karstaedt für die Orgelbegleitung sorgten, Schulstreiche und -späße, Hand- und Fußballturniere, nette Lehrer, aber auch solche, die als Kriegsgeneration auf ihre Jugend verzichten mussten und als Vergangheitsbewältigung Schule als Bastion gegen alles Neue und Kritische verstanden. Zucht und Ordnung statt Lebenslust und Neugier. So wurde ich eines Tages zum Schulleiter zitiert, der mir nahe legte, mir die Haare schneiden zu lassen.

Jetzt also das Wiedersehen: Klaus hatte alle angemorst und Aufkleber gedruckt: "LG 1976". Schnell waren wir als Dinos der Party ausgemacht, zumal wir uns im früheren Vorzimmer des "Zeus" gemütlich an den Tisch gesetzt hatten. Beate hatte ein Bild von ihrem Chemiekurs dabei, Heidi-Ulrike erzählte aus ihrem Leben in Hamburg, Maren arbeitet in Bad Oldesloe, "MiZi" hat nach seinen Jahren als Bürgermeister eine Anwaltskanzlei eröffnet, "Zoppo" ist Doktor der Biologie, Veronika trägt ihren Zopf so anmutig hochgesteckt wie vor 35 Jahren, Silke kam mit ihrer Familie aus Frankreich nach Ratzeburg, Gudrun aus Darmstadt und Klaus hat eine Werbeagentur in Düsseldorf. Und sie haben sich kaum verändert, ihre Gesten, ihre Sprache, das Lachen - ich habe sie alle wiedererkannt.

Ich habe den ganzen Abend nicht auf die Uhr geguckt. "Gegen 23 Uhr in ich zu Hause", hatte ich meiner Ehefrau angekündigt. Um 1.30 Uhr schlurfte ich wieder zum Parkplatz, den Kopf voller Namen und Erlebnisse. Am Montag soll der Bagger Lehrertrakt und Milchbar auf die Schaufel nehmen - aber vorher war ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Lehrerklo.

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