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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 04:08 Uhr

Die Zeit der Dreiakter ist vorbei

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Kündigung: Die Lenter Gill löst ihren Lager- und Proberaum auf. Sie will nur noch kleinere Stücke spielen, auch weil der Nachwuchs fehlt

shz.de von
erstellt am 09.Aug.2016 | 13:34 Uhr

Uwe Dühring zieht ein großes Bild aus dem Regal. „Das hat Hein Sommer noch gemalt“, erinnert er sich und betrachtet die Häuserkulisse, aus der die Malenter Maria-Magdalenen-Kirche herausragt. Der Malenter weiß auf Anhieb, zu welchem Stück das Bild gehört: „Boben wohnen Engel“, erinnert er sich. Ende der 70er Jahre habe die Lenter Gill das Lustspiel aufgeführt. Es waren goldene Zeiten für die plattdeutsche Theatertruppe. Damals hatte der Verein bis zu 900 Mitglieder, heute sind es noch 350.

Für die Lenter Gill geht in diesen Tagen eine Ära zu Ende. Die Gemeinde hat der plattdeutschen Theaterbühne ihre Lager- und Proberäume auf dem von Peinschen Gelände gekündigt. Bis vor ein paar Wochen sah es so aus, als würden hier bald die Abrissbagger anrücken, um schon einmal Platz für Neubauten zu schaffen. Dann strich der Finanzausschuss die für den Abriss vorgesehenen Mittel. Wann und wie es auf dem Gelände weitergeht, ist damit offen.

Doch da waren bei der Lenter Gill die Würfel schon gefallen. Öllermann (Vorsitzender) Gerd Schöning hat einen riesigen Container bestellt, der seit gestern auf dem von Peinschen Gelände steht. Fast alles, was sich in den vergangenen Jahrzehnten angesammelt hat, wird in den nächsten Tagen in den 36 Kubikmeter fassenden Stahlkoloss wandern. „Wir schmeißen drei komplette Bühnenbilder weg“, sagt Speelbaas (Regisseur) Uwe Dühring, der seit rund 45 Jahren dabei ist. Unzählige Requisiten vom Telefon über Barhocker bis zur Blumenvase landen ebenfalls im Müll. Das falle nicht leicht. „Alle, die dabei sind, haben Tränen in den Augen.“ Die Bühne in Damlos habe sich noch ein paar Dinge geholt, berichtet Schöning. Und einige wenige Sachen, von denen man sich nicht trennen wolle, würden erst einmal in einer Garage gelagert.

Im Jahr 1950 brachten die Spielleute der drei Jahre zuvor gegründeten Lenter Gill den ersten Dreiakter auf die Bühne. 1980 belegten die Laienschauspieler bei einem Wettstreit von 25 Amateurbühnen aus Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein immerhin den vierten Platz. Bis 1982 probte die Gill in einem Hühnerstall bei Elfi Krüger in der Ringstraße, dann wurde die Scheune des vor kurzem für die Erweiterung des Sky-Marktes abgerissenen Hofs Siems Heimat der Spielleute. Vor 14 Jahren zog die Theatergruppe schließlich in die von Peinsche Garage. Zwar sei man sehr traurig, dass damit nun Schluss sei, doch es ist kein Blick zurück im Zorn: „Wir sind der Gemeinde sehr dankbar, dass wir hier so lange drin bleiben durften“, sagt Dühring.

Mit der Räumung ist für die Gill ein tiefer Einschnitt verbunden. Die Zeit der aufwendigen Dreiakter ist vorbei. Das habe allerdings nicht nur mit dem Verlust des Lagers und Proberaums zu tun, sondern auch mit der Altersentwicklung in der Spielgruppe. „Wir sind alle zwischen 65 und 75 Jahre alt“, sagt Dühring, selbst 74 Jahre alt. In den vergangenen Jahren habe man sich vergeblich um jüngeren Nachwuchs bemüht. So ließen sich viele Rollen einfach nicht mehr besetzen. „Ich als jugendlicher Liebhaber, das nimmt uns doch keiner mehr ab. Die Leute lachen sich ja tot.“ Davon abgesehen, werde das Schleppen der Kulissen, etwa in den Kursaal, auch immer mühseliger.

Das Ende der großen Stücke bedeute aber keineswegs das Ende der Gill, betont Dühring. „Einakter und Sketche kann man immer noch spielen. Da braucht man keine großen Kulissen.“ Die knapp 20 Spielleute wollten auf jeden Fall weitermachen. Und auch die anderen Aktivitäten würden fortgesetzt: Lesungen in der Thomsen-Kate, Karpfen-Essen, Sommerfahrten und Ausflüge, zählt Schöning auf. Beim Blumenkorso wolle man das nächste Mal wieder dabei sein. In diesem Jahr sei die Räumung dazwischengekommen. „Wir wollen hier erstmal klar Schiff machen“, sagt Schöning.

Auf große plattdeutsche Theaterstücke sollen die Malenter und ihre Gäste trotz allem nicht verzichten. Dafür will die Gill ein Mal im Jahr eine Gastbühne nach Malente holen. Und einen Termin hat Gerd Schöning gerade erst abgemacht: Am 17. Mai 2017 werde die Redakteurin, Moderatorin und Autorin plattdeutscher Bücher, Ines Barber, auf Einladung der Gill nach Malente kommen.

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