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Ostholsteiner Anzeiger

21. Oktober 2017 | 11:31 Uhr

„Die Stimmung ist sehr gedrückt“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Anschlag auf ein Hotel in der Hauptstadt von Burkina Faso hat das Leben von Katrin Rohde und ihren Schützlingen verändert

von
erstellt am 19.Jan.2016 | 12:17 Uhr

Afrika ist weit weg. Und doch bekommt der Terror plötzlich einen lokalen Bezug: Katrin Rohde, einst Buchhändlerin mit Läden in Plön und Preetz, engagiert sich seit mehr als 20 Jahren in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, für Kinder, Jugendliche und Frauen. Die von ihr gegründete Organisation Ampo finanziert vor allem die Ausbildung junger Menschen. Mitglieder der Terrorgruppe Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMII) tötten bei einem Anschlag auf das Hotel „Splendid“ 26 Menschen und verletzten 56.

Frau Rohde, ist Ihnen oder einem ihrer Schützlinge etwas geschehen?
Nein, uns bei Ampo ist, weder in den Waisenhäusern noch in den vielen anderen Projekten, nichts geschehen. Alle 120 Kinder in den Waisenhäusern und die 75 Frauen und Kinder im Mütterhaus sind wohlauf. Auch in den Beratungsstellen für Frauen und den Behindertenprojekten ist alles ruhig. Allerdings hatten wir in anderen Hotels der Stadt mehrere deutsche Gäste von Ampo untergebracht. Sie hatten zum Teil große Angst, vor allem, als klar wurde, dass Al-Kaida auch in anderen Hotels zu schießen begann. Wir konnten unsere Gäste in den frühen Morgenstunden dort abholen und haben sie in unseren eigenen Gästezimmern und bei Freunden in den Vororten in Sicherheit untergebracht.

Wie haben die Kinder reagiert?
Unsere Kinder hier im Waisenhaus Ampo und anderswo im Land sind es gewöhnt, Schnellfeuerschüsse und Mörser zu hören, oft genug in den letzten Jahren hatten wir Aufstände und Revolutionen. Diese betrafen aber immer unser Volk und es ging um etwas Großes, nämlich um die Zukunft der Bürger in unserem eigenen Land. Diese unberechenbaren feigen und brutalen Mörder machen uns nun große Angst.

Wie ist die Stimmung zur Zeit in Ouagadougou?
Sehr gedrückt. Gerade hat unser neuer demokratisch gewählter Präsident angefangen, das Land zu regieren, vieles umzusetzen, was seit Jahren wichtig ist, und nun dies! Wir waren gerade so hoffnungsvoll. Ich selbst kannte mindestens sieben der Toten. Noch sind nicht alle identifiziert.

Wie hat der Anschlag Ihren Alltag verändert?
Wir meiden die Innenstadt, die großen Kirchen und Moscheen, überhaupt alle großen Zusammenkünfte. Die Ampo-Kinder werden in unserem Vorstadtviertel beten.

Müssen Sie nun besondere Sicherheits-Vorkehrungen treffen?
Unsere Tag- und Nachtwächter in allen Einrichtungen von Ampo sind angewiesen, ganz besonders auf Leute zu achten, die uns vielleicht beobachten oder von außen fotografieren. Meine größte Angst ist, dass in den Schulen etwas passiert. Damit aber müssen wir leben.

Ist Ihre Arbeit jetzt gefährdet?
Nein, auf gar keinen Fall! Wir bleiben bei unserer Grundidee: „Das Gute geht nicht verloren.“ Daran werden einige wenige feige mordbesessene Terroristen, die sich auch noch Muslime schimpfen, obwohl sie alles andere als das sind, nichts ändern. Da uns bei allen unseren Werken hier in Burkina Faso seit so vielen Jahren tausende von Deutschen und anderen Europäern helfen, spenden, uns zur Seite stehen, glaube ich nach wie vor an das Gute im Menschen. Den Beweis dazu sehen wir täglich an unseren vergnügten Ampo-Kindern, die gut in der Schule sind, an tausenden von Menschen, die in unserer Krankenstation geheilt werden, an Frauen, die endlich ihre Familien ernähren können.

Sie wollen gerade nach Europa reisen. Ist das eine Reaktion auf den Anschlag?
Nein, diese Reise war geplant. Ich würde viel lieber hier bleiben, muss aber zu einigen Arztterminen und zu etlichen Vorträgen in ganz Europa erscheinen.

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