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Ostholsteiner Anzeiger

21. August 2017 | 01:23 Uhr

Die Schätze der wackeren Fotopioniere

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Warleberger Hof eröffnet morgen eine Ausstellung über den Anfang der Stadtfotografie in den Jahren 1870 bis 1910

Vielleicht noch die Hauptstadt Berlin, vielleicht noch Essen als Sitz des Kohle, Eisen- und Industriemagnaten Krupp – ansonsten aber hat kaum eine andere Stadt im jungen Deutschen Reich eine solche rasante Entwicklung hingelegt wie Kiel mit seinen Werften. In den wenigen Jahrzehnten ab 1870 vervielfachte sich die Einwohnerzahl, zur Jahrhundertwende war bereits die 100  000er-Marke überschritten. Von dieser ersten Aufbruchzeit in die Moderne zeugt eine Ausstellung, die am Sonntag im Warleberger Hof eröffnet wird: „Kieler Stadtfotografie – Die Anfänge 1870 – 1910“.

Die historischen Bilder offenbaren erstaunliche Ansichten aus dem alten Kiel. Am Ufer unterhalb des Schlosses befinden sich um 1870 noch Holzbauwerften, auf den Grundstücken am Kleinen Kiel flattert die Wäsche im Wind, die Windmühle der angesehenen Goldleistenfabrik steht noch. Am Bootshafen mit seiner Klappbrücke liegen die finnischen Segler, die Holz aus Skandinavien nach Kiel bringen. Und stolz erhebt sich mitten auf dem Alten Markt mit dem alten Rathaus und dem angrenzenden Tanzsaal die erste Gaslaterne.

Das Gelände der Altstadtinsel wurde übrigens später „plattgemacht“, wie man es heute ausdrücken würde. Laut Museumsleiterin Doris Tillmann sollten die schmalen und verwinkelten Gassen mit ihren baufälligen Fachwerkhäusern Platz machen für ein modernes Stadtbild samt Geschäftszentrum und Pferdestraßenbahn. Der Fortschritt sollte Einzug halten an der Förde.

Wuchtig und schwer war die Ausrüstung der Kieler Fotopioniere. Großformatige Platten im Format 24 mal 30 Zentimetern schleppten sie mit sich herum. Die Belichtungszeit lag seinerzeit bei bis zu 30 Sekunden, was die eingefrorenen Gesichter der zu Regungslosigkeit angehaltenen Menschen erklärt. Die Bilderschau, gespeist aus dem schier unerschöpflichen Fundus des Stadtarchivs, greift zurück auf Werke etwa von Wilhelm Schäfer, Gregor Renard (dessen Wirken in der Stadt eine eigene Foto-Dynastie begründete) oder Johann Thormann. Er nämlich bekam 1904 von Stadtbaurat Pauli den Auftrag, die historische Bausubstanz einzufangen.

Gerade weil sich das Stadtbild radikal veränderte, hat der Warleberger Hof einen Stadtplan von 1883 ausgelegt, der bei der geographischen Einordnung der historischen Aufnahmen hilft. Der Bahnhof zum Beispiel reicht noch bis auf heutige Postgelände, oberhalb des Exerzierplatzes erstreckt sich der Galgenteich, in der Brunswik sind die ersten gewaltigen Militär- und Klinikgebäude zu erkennen. Kurzum: Kiel war eine Stadt im Aufbruch. Eine vergleichbare Phase gibt es, wie Doris Tillmann erklärt, später noch einmal, als nach dem Zweiten Weltkrieg die Ruinen beseitigt werden und der Wiederaufbau beginnt: „Kieler Stadtfotografie – Teil 2“ wird im April die Bilderschau mit den Schätzen der Fotopioniere ablösen.  

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erstellt am 19.Feb.2016 | 17:52 Uhr

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