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Dämmung von Backsteingebäuden : Die Rettung für das „rote“ Hamburg

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hamburg hat Angst um sein rotes Erbe. Mit Wärmedämmungen geht es den roten Backsteinfassaden an den Kragen. Doch es geht auch anders.

Hamburg | Wer in Winterhude über die Deelbögenbrücke hinweg die Alster in Richtung Stadtpark quert, dem werden die fünfstöckigen Wohnblocks auf der rechten Seite kaum auffallen. Typische Hamburger Backsteinarchitektur vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Und doch ist das Ensemble am Buchsbaumweg/Ecke Braamkamp gerade deshalb einen zweiten Blick wert. Die rotgeklinkerten Gebäude mit zusammen etwa 160 Wohnungen sind ein Paradebeispiel dafür, wie Hamburg das prägende Aussehen seiner Backstein- und Ziegelhäuser trotz energetischer Sanierung erhalten kann.

Die Baugenossenschaft DHU hat die beiden Gebäuderiegel gerade mit einer 20 Zentimeter dicken Styroporschicht wärmegedämmt, doch man sieht es nicht. Anders als in vielen anderen Fällen griff der Vermieter nicht zum Schlicht-Putz, sondern bildete die alte Fassade mit viel Aufwand nach. DHU-Vorstandschef Joachim Haseloff: „Für die Verkleidung haben wir eigens 255.000 echte einzelne Klinkerriemchen brennen lassen und für die Befestigung der neuen Balkone im Rahmen eines Pilotprojektes eine neue Technik genutzt."

Etwa acht Millionen Euro ließ sich das Unternehmen die Sanierung kosten. Die Mietsteigerung hält sich laut Haseloff dennoch in Grenzen. Statt 6,50 Euro pro Quadratmeter kalt zahlen die Bewohner sieben Euro – profitieren aber auch von geringeren Heizkosten. Mit „Ideen, Mut und gutem Willen“, schlussfolgert der Genossenschaftschef, sei eben vieles machbar. Auch die Rettung des „roten“ Hamburg.

So heißen jene Stadtviertel und Quartiere, vornehmlich östlich der Alster, die weiträumig von Backstein- und Ziegelfassaden geprägt sind. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden in Hamm, Horn, Hammerbrook, Barmbek, Dulsberg, Rothenburgsort und vielen anderen Arbeitervierteln massenweise Wohnblocks im roten Gewand. Die Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg brachte weitere Quartiere in diesem Stil. Noch heute leben Hunderttausende Hamburger hinter den so typischen Fassaden.

Doch der Klimawandel und gesetzliche Vorgaben, Gebäude vor Energieverlust zu schützen, haben dieses architektonische Erbe der Hansestadt ernsthaft in Gefahr gebracht. Wer seine Wohnblocks wärmesaniert, der tat dies zuletzt meist auf die preisgünstige Art mit von außen angebrachten Kunststoffplatten. In den traditionellen Backsteinquartieren fallen solche Thermohäute schmerzlich ins Auge. Oberbaudirektor Jörn Walter warnt, Hamburg verliere sein rotes Erbe, Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos) erkennt in dem Problem „Sprengstoffpotenzial“.

Im Verbund mit der Wohnungswirtschaft steuert der Senat gegen. Investoren und Vermieter haben sich der Stadt gegenüber grundsätzlich zum Erhalt der Backsteinfassaden bekannt und eine gestalterische Qualitätssicherung bei Sanierungen verabredet. Erste Erfolge dieses Bündnisses seien sichtbar, bilanzierte Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau (SPD) gestern. Sie legte einen „Backsteinkatalog“ mit Beispielen schonender Wärmedämmung vor – und empfahl diese dringend zur Nachahmung.

Finanzielle Hilfe für kostspielige Backsteinrettung kommt von der städtischen Investitions- und Förderbank (IFB). Deren Chef Ralf Sommer sagt: „Rund 60 Prozent der geförderten Modernisierungsvorhaben verfügen über eine Backsteinfassade, die wir im Rahmen unserer Förderbewilligung beurteilen.“ In diesem Jahr lässt sich die Stadt dies 1,4 Millionen Euro kosten. Geld und Mühe sind laut Blankau gut investiert: „Hamburg ist als Backsteinstadt einzigartig und das wollen wir bewahren.

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erstellt am 20.Sep.2014 | 12:32 Uhr

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