Die Reithalle war eine Reitbahn

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Aus der Eutiner Stadtgeschichte: Klaus Petzold erklärt, warum der Begriff „Historische Reithalle“ für den Saal auf den Schlossterrassen falsch ist

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13. Januar 2021, 18:28 Uhr

Eutin | Zu den großen Projekten der Stadt Eutin gehört offiziell die Sanierung der „historischen Reithalle“, womit der Umbau der ehemaligen Schlossterrassen mit Festsaal zu einem Veranstaltungszentrum gemeint ist. Wer mit historischen Begriffen arbeitet, sollte schon alle verfügbaren Quellen nutzen, um seine Feststellungen genau belegen zu können. Ein Blick in das Eutiner Stadtarchiv hätte genügt, um von der „historischen Reitbahn“ statt der „historischen Reithalle“ zu sprechen. Beide Gebäude kommen in der Stadtgeschichte vor, jedoch an verschiedenen Standorten und mit einer sehr unterschiedlichen Historie.


Reitsport erfreute sich stets großer Beliebtheit

Geritten wurde schon immer in Eutin – gleich, ob am fürstbischöflichen oder großherzoglichen Hof oder im letzten Jahrhundert in der europaweit bekannten Reit- und Fahrschule. Für die Ausübung dieses Sports gab es auch entsprechende Bauwerke, nämlich eine Reitbahn, eine Reithalle und verschiedene Reitplätze.

Für die Reitpferde des Eutiner Hofes standen vor der Umgestaltung des Schlossplatzes 1829 die erforderlichen Stallungen und ein Reitplatz auf der Fläche zwischen dem heutigen Schlossparkplatz und den Schlossterrassen zur Verfügung. Nach dem Abbruch dieser Gebäude 1829 entstanden der Marstall (heute Ostholsteinmuseum) und die Reitbahn (ehemaliger Festsaal).

Die 1922 gegründete Reit- und Fahrschule Eutin pachtete den Marstall und die Reitbahn von der Großgroßherzoglichen Güteradministration. Wegen der rasanten Entwicklung der Reit- und Fahrschule Eutin wurde eine Erweiterung der Ausbildungsmöglichkeiten erforderlich. Deshalb erwarb sie 1931 die ehemalige Lagerhalle der Firma Westphal am Bahnhofsgang (heute Heinrich-Westphal-Straße) und baute sie zu einer Reithalle mit einer kleinen Zuschauertribüne um.

Ursprünglich war die Lagerhalle in Neustadt als Lokomotivschuppen errichtet worden. Die Eutiner Wagenfabrik Westphal, die von 1868 bis etwa 1930 an der Albert-Mahlstedt-Straße vor dem Eisenbahntunnel ihre Produktionsstätten hatte, kaufte sie auf Abbruch und stellte sie auf ihrem Holzlagerplatz direkt neben dem Bahnhofsgang als Lagerhalle wieder auf. Mit einer Länge von 40 Metern und einer Breite von 16 Metern war sie flächenmäßig eines der größten Gebäude in Eutin.

Nachdem die Reit- und Fahrschule Eutin zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 ihren Betrieb einstellen musste, wurde die Reithalle wieder als Lagerhalle bis zu ihrem Abriss im Jahre 1986 genutzt: Erst als Holzlager für die Holzhandlung Walter Cordts und dann ab 1953 für die Landwirtschaftliche Ein- und Verkaufsgenossenschaft, die hier Kunstdünger und Getreide lagerte.

Die großherzogliche Reitbahn wurde bis Anfang 1945 von der Reit- und Fahrschule genutzt und diente dann als Abstellraum für die vielen Kutschen des Eutiner Schlosses. 1961 wurde die Reitbahn zum Festsaal der Schlossterrassen hergerichtet.


Der Eutiner „Nazi-Tempel“

Wegen ihrer großen Fläche wurde die Reithalle häufig als Veranstaltungsort gewählt, aber nicht für Reitturniere, sondern für politische Großveranstaltungen der NSDAP, so auch für einen Auftritt von Adolf Hitler in Eutin; ungewöhnlich für eine Kleinstadt wie Eutin, aber aufgrund der Dominanz des als „Latten-Böhmcker“ berühmt-berüchtigten Eutiner Obernazis und späteren Regierungspräsidenten Johann Heinrich Böhmcker nachvollziehbar.

Am 6. Mai 1931 titelte der Anzeiger für das Fürstentum Lübeck: „Adolf Hitler spricht in Eutin“. In einem ausführlichen Bericht über diese Veranstaltung wurden auch die Zahlen der Teilnehmer genannt, nämlich „1300 Sitzplätze in der Halle, 500 im Zelt, ferner 700 Stehplätze“. Übrigens verlangte die Eutiner NSDAP deftige Eintrittspreise: fünf Reichsmark für Auswärtige und drei Reichsmark für Eutiner. Stehplätze kosteten eine Reichsmark. Zusätzlich gab es 150 Karten zu 50 Pfennig für Klein- und Sozialrentner, „aber mit dem Recht, ganz vorne zu sitzen“.

In der Folgezeit wurde die Reithalle noch mehrmals für größere Veranstaltungen der Nationalsozialisten genutzt, hauptsächlich für Trauerfeiern von Nazigrößen mit Hunderten von Teilnehmern, zum Beispiel am 14. November 1931, „als in der durch besondere Ausschmückung zu einer Trauerkapelle verwandelten Reithalle die NSDAP“ von dem auf dem Eutiner Marktplatz erstochenen Nazi Karl Radke „für immer Abschied nahm“ oder am 17. April 1937 „wieder die hierzu weihevoll geschmückte Reithalle…die Stätte einer schlichten Trauerfeier…“ für den Eutiner SS-Hauptsturmführer Fritz Habersaat war. Bevor Habersaat SS-Offizier wurde, war er 1934 mit seinem Fisch- und Delikatessengeschäft in der Peterstraße in Konkurs gegangen.

Was die Nazis unter einer „schlichten Trauerfeier“ verstanden, geht aus dem langen Zeitungsbericht hervor, wenn von dem reichen Trauerflaggenschmuck aller Häuser in der Peterstraße, dem Einsatz der SS-Kapelle aus Kiel bei dem imposanten Trauerzug zum Friedhof oder dem Abfeuern von drei Ehrensalven über dem offenen Grab die Rede ist. Die landesweite Abschlussveranstaltung der Schleswig-Holsteinischen NSDAP mit dem nachmaligen NSDAP-Reichs-Innenminister Dr. Wilhelm Frick zum Ende des Landtags-Wahlkampf 1932 fand ebenfalls in der Eutiner Reithalle statt. Zu dieser Nazi-Großveranstaltung am 28. Mai 1932 kamen über 3000 Volksgenossen nach Eutin.


Fazit

Zu wünschen wäre nun, dass die Stadt Eutin für das bauliche Großprojekt den Namen der braun eingefärbten „historischen Reithalle“ in den geschichtlich einwandfreien Begriff „historische Reitbahn“ ändert.
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