Die Reaktion auf den Klimawandel

Ein Klimawandel würde bedeuten, dass weniger Zugvögel aus dem Norden in unsere Breiten kommen würden – hier Ringelgänse aus ihrer Brutheimat der russischen Tundra.
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Ein Klimawandel würde bedeuten, dass weniger Zugvögel aus dem Norden in unsere Breiten kommen würden – hier Ringelgänse aus ihrer Brutheimat der russischen Tundra.

Experten: Die „Reiselust“ vieler Zugvögel hat spürbar nachgelassen / Völlige Abnahme ihres Zugtriebes befürchtet

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12. Januar 2015, 11:31 Uhr

Seit 1881 wird in Deutschland das Wettergeschehen akribisch festgehalten. Vergleicht man die Aufzeichnungen mit der Bilanz für das abgelaufene Jahr 2014, dann zeigt sich: Mit etwas über durchschnittlichen zehn Grad Celsius war dies ein bisher unerreichtes Rekordjahr – uns das, obwohl der August in Süddeutschland Abweichungen aufwies.

Das landwirtschaftliche Jahr im Norden der Republik verlief zumindest optimal, und es wurde eine besonders gute Ernte unter guten Bedingungen eingefahren. Eigene Aufzeichnungen der Niederschläge im abgelaufenen Jahr lagen mit 728 Litern je Quadratmeter in Ostholsteins Kreisstadt im Bereich des langjährigen Mittels von 775 Litern.

Auf die Frage, ob ein so warmes Jahr auf den Klimawandel hindeute, lassen die Meteorologen die Zahlen für sich sprechen: Allein in 2014 gebe es vier Monate, in denen die Abweichung vom normalen Mittel drei Grad betrage, dagegen habe es in den letzten zehn Jahren nur zwei Monate gegeben, die eine gleiche Abweichung aufwiesen. Die Klimazonen hätten sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts bis zu 100 Kilometer nach Norden verschoben. Sollte es da nicht auch Auswirkungen auf die Tierwelt und ihre Reaktionen geben?

In diesem Zusammenhang ist die Feststellung vieler Vogelkundler interessant, dass die „Reiselust“ vieler Zugvögel spürbar nachgelassen habe, und sie prophezeien gleichzeitig eine völlige Abnahme ihres Zugtriebes innerhalb der nächsten 50 oder 100 Jahre,. Dann könnte unsere Brutvogelwelt gänzlich in ihrer Heimat verbleiben und auf den weiten und gefährlichen Weg in den Süden verzichten.

Außerdem stellte die Wissenschaft fest, dass ziehende Vögel bereits heute zwei bis elf Tage später im Herbst aufbrechen und die gleiche Zeitspanne früher in die mitteleuropäischen Brutgebiete zurückkehren. Kinderlieder, die vor 80 Jahren von Hoffmann von Fallersleben mit dem Text „Alle Vögel sind schon da  ...“ und „Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Vogelschar  ...“ den Frühling besangen, geben heute unserem Nachwuchs ein falsches Wissen unserer Natur wider.

Viele – auch nicht namentlich besungene – Vogelarten sind in den letzten 200 Jahren aus strengen Zugvögeln Teilzieher und in unseren Tagen Standvögel geworden. Hilfreich ist bei der Änderung ihres Winterverhaltens, dass unsere Vögel auch in der kalten Jahreszeit ausreichend Nahrung vorfinden. Abfälle auf den Straßen der Dörfer und Städte, Komposthaufen, Mülldeponien, Verladestationen von Nahrungs- und Futtermitteln sowie vor allen
Dingen die zahlreichen Futterhäuser erleichtern ihnen den Verzicht auf die Winterflucht, zumal es gegenüber dem freien Umland in urbanen Gefilden um durchschnitt-
lich drei Grad wärmer ist.
 Dabei ist es in der Regel gar nicht die Kälte, die die Vögel zum Verlassen der Heimat veranlasst, sondern der Mangel an Insekten. Und so sind es vorrangig die Insektenfresser, die sich noch im Herbst auf den langen Weg machen. Der Mangel an Insekten wird zumindest jedem Autofahrer deutlich, dessen Scheiben in den letzten Sommern weitgehend sauber geblieben sind. Diese Kleinlebewesen stellen aber auch die Hauptnahrung in der Aufzucht der Nestlinge von Körnerfressern während der warmen Sommertage, und das Fehlen macht sich neuerdings besonders deutlich bei der positiven Frequentierung der Sommerfütterungen bemerkbar.

Der Klimawandel hätte bei Fortsetzung seiner Erderwärmung und bei einer weiteren Beeinflussung des Verhaltens unserer Vögel einen Vorteil: Zugvögel gerieten nicht mehr in die barbarischen Fallen der Vogeljäger am Mittelmeer und neuerdings vor allem in Ägypten. Fachleute gehen davon aus, dass allein etwa 140 Millionen Zugvögel in jedem Herbst auf den Märkten in Kairo und anderen Städten für ein paar Euro als Delikatesse verkauft und gegrillt werden. Hier haben die Mengen der Entnahme aus der Natur Dimensionen angenommen, die Veranlassung geben, sich ernste Sorgen um den Bestand mancher Vogelart machen zu müssen – zusätzliche Sorgen um den sowieso zu beobachtenden Artenschwund. Manche Vogelkundler sehen für unseren Kuckuck, der einen 7000 Kilometer langen Zugweg nach Afrika zurückzulegen hat, eine Gefahr, da seine Wirtsvögel immer früher die Brutgebiete aufsuchen, so dass er kein zeitnahes Gelege finden würde, um sein Ei „los zu werden“. Aber: Warum soll dieser Brutparasit sich nicht auch an die veränderten Verhältnisse anpassen können?


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