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Ostholsteiner Anzeiger

19. Oktober 2017 | 08:05 Uhr

Die Ohnmacht der Angehörigen

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Der Suizidversuch ihres Mannes veränderte ihr Leben komplett

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2015 | 00:32 Uhr

Mensch, macht euch doch einen schönen Tag am Strand.“ Das ist der letzte normale Satz den Sophie* von ihrem Mann vor vier Jahren erinnert. Wehenden Haares fuhr sie mit einer Freundin im Cabrio an die Ostsee – nicht ahnend, dass sich ihr Mann in der Zwischenzeit das Leben nehmen will.

„Als ich nachmittags wieder zu Hause war, habe ich versucht, ihn anzurufen, weil wir noch Butter fürs Abendessen brauchten“, erzählt sie. Tim aber rief nicht zurück. „Das kannte ich von ihm gar nicht.“ Eigentlich wollte er an diesem Tag den Bürokram des gemeinsamen Betriebes aufarbeiten. Als gegen 18 Uhr sein Handy plötzlich aus ist, hat Sophie ein mulmiges Gefühl. Zwei Stunden später – noch immer keine Meldung von Tim – informiert sie ihre Mutter und sucht Hilfe bei der Polizei. „Aber vor 48 Stunden und ohne einen Anhalt können wir nichts machen“, lautete die Auskunft. Freunde aus dem 500-Seelen-Dorf, in dem das Paar wohnt, beginnen auf eigene Faust mit der Suche und machen eine schreckliche Entdeckung: Tims Wagen steht in einem Wald in Ostholstein. Der Fahrersitz ist blutverschmiert, die Tür steht offen – von Tim fehlt jede Spur. Mit dieser Meldung dürfen Polizei und Feuerwehr offiziell suchen.

„Plötzlich standen ganz viele Leute bei mir vor der Tür und in meiner Küche. Eine Frau wollte Sachen von Tim, die ich noch nicht angefasst habe und seine Zahnbürste“, erinnert sich Sophie. Ein Suchhund hat den damals 40-Jährigen schließlich in einer Senke kauernd gefunden. Nicht tot – aber auch nicht als den Tim, der er einmal war.

„Warum?“ Sophie schießt die eine Frage in den Kopf. Wut, Tränen. Viele Tränen. Auch heute noch. „Klar, wir mussten auf den Euro achten, steckten mitten in einer wichtigen Renovierung und hatten genug zu tun. Aber das ihn das so auffraß ...“ Der Tim von damals hat Probleme in sich hinein gefressen. Das unterschied ihn von Sophie. Sie hat sich Luft gemacht, wenn ihr etwas auf der Seele lag. Aber dass der Mensch, den sie seit mehr als zwei Jahrzehnten kennt und liebt, so schwarz sieht, war ihr nicht bewusst.

Aus Gesprächen mit Psychologen weiß sie heute, dass das erschreckend normal ist. Nur ganz wenige senden vorher eindeutige Signale aus. Tims spätere Schilderungen deuten auf eine Affekthandlung hin, so die Experten. Signale dafür würden noch seltener erkannt. „Ein Bekannter hatte ihn vermutlich kurz vorher noch gesehen und mir Wochen später erzählt, dass es war, als hätte Tim durch ihn hindurch gesehen.“

Der Unterschied zwischen den geplanten Suiziden und den Selbsttötungen aus einem Affekt heraus besteht laut Forschung auch genau darin: Während die, die sich einmal für das Ende entschieden haben, kurz vorher völlig ruhig und gelassen, fast ausgeglichen glücklich wirken, verfallen die anderen in eine Art Rauschzustand mit Tunnelblick.

Ein Notfall-Seelsorger begleitete Sophie beim ersten Besuch in die Lübecker Uniklinik. „Sie haben mich anfangs gar nicht zu ihm gelassen. Aber ich konnte das auch gar nicht.“ Tim lag im künstlichen Koma. Sein Gehirn war lange Zeit nicht mit Blut versorgt worden. Sophie formt eine Faust: „Ungefähr so groß war der Schatten auf dem Bild seines Kopfes. Das Gehirn war an der Stelle einfach zusammengefallen.“ Tim konnte nicht sprechen, war gelähmt – die Langzeitfolgen kaum absehbar in den ersten Tagen. „Ich habe nur Wut gefühlt. Kein Mitleid. Wut darüber, dass er mich mit dem ganzen Scheiß allein lassen wollte und nicht mal über seine Probleme geredet hat.“ Sophie kam trotzdem täglich zu Besuch.

Nach einigen Tagen wurde Tim in die Eutiner Sana-Klinik verlegt, er wachte langsam auf. „Als er mich das erste Mal entdeckte, drehte er sein Gesicht weg. Es war ein Schock für mich.“ Schuldgefühle, die sie sich nicht erklären konnte, kamen hoch. Heute weiß sie aus Gesprächen mit ihm, dass es die Scham war und sein Gefühl, ihr eigentlich nicht mehr unter die Augen treten zu können.

Sophie hatte zwei Probleme: Nicht zu wissen, inwieweit sich ihr Mann wieder erholt. Und ein Geschäft, das jetzt – wo einer ausfällt – erst Recht am Laufen gehalten werden muss. „Das war Wahnsinn. Die haben mich keine Minute allein gelassen“, sagt sie heute immer noch beeindruckt über die Hilfe ihrer Eltern und vieler Freunde und Kameraden, die über Tage und Wochen ausgeholfen haben. „Auch ohne meine Eltern wäre das nicht gegangen. Einer von beiden hat immer bei mir geschlafen. Ich war einfach nicht allein.“ Sie weiß, dass ihre Lieben Angst hatten, sie könnte ähnliche Verzweiflungstaten begehen. Doch Sophie entgegnet damals wie heute: „Das wäre für mich keine Alternative, dazu hänge ich viel zu sehr am Leben.“


* Trotz der Bereitschaft und Offenheit der Gesprächspartner haben wir uns als Redaktion zum Schutze von Familie und Angehörigen gegen die echte Namensnennung entschieden.

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