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Ostholsteiner Anzeiger

17. August 2017 | 11:49 Uhr

„Die Menschen sind das Entscheidende“

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Bernd Rubelt (49) wechselt nach Potsdam. Im Interview spricht er über Eutins Probleme, Chancen und dass das große Ganze nie aus dem Blick verloren gehen darf

Bauamtsleiter Bernd Rubelt hat heute seinen letzten offiziellen Bürotag. Nach etwas mehr als sechs Jahren in Eutin mit Höhen und Tiefen wagt er ab Mitte Mai den Karrieresprung nach Potsdam. Ein Gespräch über Eigeninteressen, verborgene Potenziale und Persönlichkeiten.


Herr Rubelt, können Sie sich noch an Ihren ersten Tag in Eutin erinnern?
Mein erster Tag war mein Bewerbungstag. Ich bin am Bahnhof angekommen und hatte Mühe den Marktplatz zu finden. Das hat mich stutzig gemacht. Beim Vorstellungsgespräch stand das auch gleich im Vordergrund: die Stadtentwicklung. Es ist ja so ein bisschen Eutins Merkmal, die versteckte Schönheit, aber auch alles etwas runter, eben aus einer anderen Zeit. Stadtentwicklung war und ist für mich das zentrale Thema.

Warum gehen Sie dann, spitz gefragt, wenn Eutin gerade mitten in der Sanierung steckt?
Es ist eine persönliche Entscheidung, die nichts mit meinem Verantwortungsbewusstsein für Eutin zu tun hat. Es ist für mich ganz klar eine berufliche Weiterentwicklung. Ich gehe nicht aus Eutin weg, weil ich damit nichts mehr mit zu tun haben will, sondern ich gehe bewusst nach Potsdam. Dort reizen mich die ganz anderen Schwerpunkte und Aufgaben.

Was würden Sie als Ihre Verdienste für die Stadt verbuchen?
Darüber mögen sich andere äußern.

Zu Ihren Verdiensten gehört mit Sicherheit Ihr Einsatz für die Stadtsanierung in Kombination mit der Landesgartenschau. Warum war Ihnen das so wichtig und haben Sie das mal bereut?
Nein. Zwar haben meine Frau und ich zwischendurch überlegt, wie es weitergeht angesichts der persönlichen Kampagnen, die gegen uns gelaufen sind und die nicht in Ordnung waren. Das bringt mich nicht von meiner Überzeugung ab, dass die Stadtsanierung in Kombination mit der Landesgartenschau das Richtige für diese Stadt ist. Es gibt hier offenbar wenige aber laute Menschen, die nicht bereit sind, sachlich zu agieren. Umso wichtiger ist es für Eutin, dass es Menschen gibt, die aus Überzeugung für eine Sache einstehen. Eutin hat viele Potenziale, aber die Stadt muss sich weiterentwickeln. In dieser Zeit des strukturellen Wandels ist Stillstand gleich Rückschritt. Das war mein Leitthema. Dass das Land parallel zum ISEK eine Landesgartenschau ausgeschrieben hat und Eutin all diese Rahmenbedingungen dafür erfüllte, war für mich die Gunst der Stunde.


Warum?
So konnte ich der Politik und dem Bürgermeister deutlich machen, wie extrem wichtig dieses Zusammenwirken ist und welche Wirkungen das auch stadtwirtschaftlich haben kann. Seit Jahren reden wir über den Neubau der Feuerwehr, der mittlerweile bei rund acht Millionen Euro liegt. Die Stadtsanierung lag bisher an Eigenmitteln in einem ähnlichen Rahmen und diese Wertigkeit für die Stadt wird dabei nicht so intensiv wahrgenommen – auch mit der langfristigen Wirkung nicht.

Ist das ein Eutiner Problem, dass oft zu kurz gedacht wird?
Ich würde eher sagen, es ist ein Problem, dass das große Ganze oft aus dem Blick verloren geht und sich politische Diskussionen zu oft in einer Art Detailfetischismus verlieren.

Was müsste passieren, damit sich das ändert?
Das weiß ich nicht. Möglicherweise muss vieles wohl erst noch wesentlich schlechter laufen, damit das Problem auffällt. Wenn wir andererseits einen roten Faden wie das ISEK haben und diese Ziele konsequent verfolgen, kommt viel Gutes dabei heraus. Wie beispielsweise die Ehrenamtler, die sich nach einer tollen Landesgartenschau in die Beete stellen – ohne groß zu krähen – und einfach handeln, damit Werte erhalten bleiben. Das sind positive Impulse, die Eutin braucht! Dass eine Entwicklung in manchen Themen gar nicht möglich ist, liegt wohl daran, dass wir viel konzeptioneller arbeiten müssten. Wir reden oft gar nicht über Planung, sondern immer gleich übers Bauen und über Details.

Sie sprachen den Detailfetischismus an, der nicht nur in Ausschüssen Zeit frisst.
Ja, das ist auch eine Besonderheit in Eutin: Oft werden Kleinigkeiten nach detailverliebten Diskussionen für Unsinn befunden und dann wird gleich das große Ganze in Frage gestellt. Manche Menschen verweigern sich nicht nur dem Gesamtbild, manche können auch gar keines entwickeln. Das ist ein mühseliger Job, den größeren Rahmen immer wieder deutlich zu machen.

Sie sind mal einstimmig ins Amt gewählt worden. Wann gab es den Bruch?
Bei dem einen speziellen Menschen kam der gleich am zweiten Arbeitstag. Er spazierte in mein Büro und wollt mir sagen, wie blöd die Verwaltung ist. Ich war neu hier, sagte „nö“ und bat ihn wieder raus, weil er keinen Termin hatte. Dann war das Thema erledigt. Menschen anpöbeln und sich nicht mal entschuldigen, das ist kein guter Umgang. Da ist so viel negative Energie, wenn die mal sinnvoll genutzt würde, wäre so viel mehr möglich in dieser Stadt.

Kritik mussten sie aber nicht nur von den Freien Wählern einstecken.
Kritik darf auch gern sein, und bitte sachlich. Oft stand ich auch unter großem Handlungsdruck und konnte nicht immer kompromissbereit über alle Details reden. Da mussten Sachen auch mal durchgedrückt werden und das kommt dann vielleicht sehr brüsk rüber, das weiß ich auch. Ich meine das nicht persönlich und habe versucht, die Sachen am Laufen zu halten in äußerst stressigen Phasen wie der Vorbereitung der Landesgartenschau (LGS).

Was war stressiger: LGS oder Stadtsanierung?
Die Jahre 2013 bis 2015 waren für mich und einige Mitarbeiter im Bauamt und der Geschäftsstelle viel anstrengender als die LGS 2016, weil wir dort Planung vermitteln mussten. Wir mussten den Bürgern und Politikern ein Bild vom künftigen Eutin vermitteln. Das war schwierig, weil die Menschen nur gewohnt waren zu sehen, was sie direkt vor Augen haben. Das war aber auch gewinnbringend, weil wir viele Menschen überzeugt haben. Ich kann Einzelhändler verstehen, die den Umsatz jetzt in ihrer Kasse sehen und Angst haben vor Veränderungen durch die Baumaßnahmen. Aber wir müssen auch vorausschauend arbeiten. Was ist in fünf Jahren los, wenn wir nichts machen? Und einige Personen sollten sich fragen, ob man jedes eigene Problem zum Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen machen muss.
War das ein Hieb in Richtung Wirtschaftsvereinigung?
Nachdem das Projekt Pact* in 2011 gestorben war, haben
wir eine öffentlich-rechtliche Stadtsanierung angestoßen, weil es die Wirtschaft damals nicht hinbekommen hat, etwas Gemeinsames für die Stadt zu tun. Beteiligt hat sie sich am Prozess der Stadtsanierung über den gesamten Zeitraum, den die Sanierung bislang läuft, aber nicht. Zum Beispiel haben wir 2015 eine Veranstaltung gemacht, wie Eutin barrierefreier für seine Kunden werden kann. Ein echtes Zukunftsthema und es kam genau einer. Wenn das Interesse am Gemeinwohl so „groß“ ist, darf 2017 auch nicht beklagt werden, dass wegen anstehender Baumaßnahmen oder dem boomenden Online-Handel Zeit zum Nachdenken gebraucht wird.

Bei all der Diskussion um die Stadtsanierung und deren Verteuerung: Glauben Sie, Eutin hat im Jahr 2028 die Sanierung so vollendet, wie sie einst geplant war?
Prognostizieren kann ich das nicht, denn so etwas hängt immer wieder auch an Personen, die in die Verantwortung gehen. Nunmehr schon von außen betrachtet würde ich es mir sehr wünschen und zwar in der Art, dass die kommenden Baumaßnahmen so akzeptiert werden, wie es jetzt im neuen Seepark zu erleben ist, der super von den Jugendlichen angenommen wird – und genau das war die Planungsabsicht.

Und die Kosten?
Die Kosten sind zwar gestiegen, der Plan ist jedoch immer noch der gleiche, die Philosophie und die Vision auch. Jetzt kann ich mich fragen, steht das noch in angemessener Relation zu den Zielen die wir umsetzen wollen? Und da komme ich zu dem Schluss: Ja, das ist so. Dann ist es richtig und gradlinig zu sagen: Ja, ich stehe auch zu den entstandenen Kosten. Dann sollte auch nicht der Verwaltung unprofessionelles Arbeiten vorgeworfen werden. Wenn das Politiker tun, ist das für mich verantwortungslos. Verwaltung kann sich in solchen Situationen auch gar nicht wehren, denn wir stehen nicht am Rednerpult. Wichtig ist es vielmehr, die gemeinsamen Ziele zu sehen und dementsprechende Entscheidungen zu fällen. Mit verantwortungsvollen Personen, lässt sich da angesichts der Fördermittelkulisse viel bewegen bis 2028. Und das Potenzial dieser Stadt ist doch relativ hoch. Für die Region ist Eutin ein wichtiger Ort, ob seiner Kultur, des landschaftsbezogenen Tourismus oder des Einzelhandels. Die Mittel von Bund und Land sind jetzt da.

Wie dick muss das Fell ihres Nachfolgers sein und wen braucht diese Stadt jetzt?
Das dicke Fell, sollte nicht so dick sein, dass darunter kein Rückgrat mehr Platz hat. Ein Rückgrat braucht es, um auch Konfliktträchtiges und Unangenehmes innerhalb der Verwaltung anzusprechen und es auch in der Öffentlichkeit zu vertreten. Über die Qualifikation möchte ich nicht sprechen, es läuft ein Bewerbungsverfahren.

Was wird aus Ihrer Verantwortung als LGS-Geschäftsführer, wenn Sie gehen?
Die Geschäftsführer und der Aufsichtsrat werden erst mit der Schlussbilanz eines jeweiligen Geschäftsjahres entlastet. Ich bin auch für die Jahre 2016 und 2017 teilweise verantwortlich und werde jeweils 2017 und 2018 nach Vorlage der Bilanz entlastet werden. Wir hoffen, bald endgültige Zahlen nennen zu können. Die Gerüchte, wonach aus 3,4 Millionen Defizit noch fünf werden, kann ich aber schon mal ganz klar dementieren.

Wird es weniger?
Zu möglichen Verbesserungen der Bilanz jetzt etwas zu sagen wäre verfrüht, da einzelne Rückbaumaßnahmen noch bis Mitte Mai laufen.


Was können Sie in Potsdam von dem, was Sie hier gelernt haben, gebrauchen?
Ich glaube, das war ein ganz gutes Warm up (lacht). Auf der anderen Seite glaube ich nicht, dass es so unterschiedlich ist. Die Menschen sind das Entscheidende und die sind sich überall doch sehr ähnlich. Es geht vor allem darum mit den Menschen umzugehen und sie bei Planungs- und Bauprozessen mitzunehmen, was vielleicht in einer Großstadt auf Grund der größeren Komplexität und Anonymität schwieriger ist.

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von
erstellt am 13.Apr.2017 | 00:39 Uhr

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