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Ostholsteiner Anzeiger

15. Dezember 2017 | 17:25 Uhr

Eutin : Die Kunst, Krisen zu meistern

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nicht einfach aufgeben, realistisch bleiben, Ursachen suchen, neue Ziele setzen: Die Fähigkeit zur „Resilienz“ lässt sich trainieren.

shz.de von
erstellt am 11.Nov.2014 | 12:15 Uhr

Frau M. leitet eine große Einrichtung im Sozialbereich. Seit einigen Jahren muss sie viele Widrigkeiten überwinden. Der Träger hat zweimal gewechselt, ebenso ihre Vorgesetzten, die jedes Mal eine neue konzeptionelle Ausrichtung wünschten. Immer mehr Kosten sollen eingespart werden. Das Team murrt schon lange, der Krankenstand ist hoch. Geraume Zeit hat Frau M. versucht, Engpässe im Team mit eigener Mehrarbeit auszugleichen. Ihre Partnerschaft droht daran zu zerbrechen, ihre Gesundheit ist angegriffen. Kürzlich kam die Diagnose: Tinnitus, stressbedingt.

Und doch: M. steckt einfach nicht auf. Nie. Alle, die sie näher kennen, versetzt sie in Erstaunen. Mit Tiefschlägen vermag sie gut umzugehen. Von Rückschlägen erholt sie sich rasch und nachhaltig. Wenn sie eine Krise durchschreitet, findet sie einen guten Ausgang, ohne sich zu verlieren. Woher hat sie diese erstaunliche Fähigkeit?

Heute wissen wir: Frau M. verfügt über ein hohes Maß an Resilienz. Resilienz – ursprünglich ein Begriff aus der Werkstoffkunde – bezeichnet die Eigenschaft von Material, „zurückzuspringen“, biegsam und elastisch zu bleiben, unter Druck nicht sofort zu brechen. Auf Menschen bezogen bezeichnet Resilienz die psychische Widerstandsfähigkeit hin zu einer erfolgreichen Krisenbewältigung.

Den Grundstein für die Resilienzforschung legte Emmy Werner, eine US-amerikanische Psychologin. Sie verfolgte in der berühmten „Kauai-Studie“ über einen Zeitraum von rund 40 Jahren die Entwicklung von 700 Kindern, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai zur Welt gekommen waren. Ihr Interesse galt den 210 Kindern, die unter extrem schwierigen Bedingungen aufwuchsen. Bei einem Drittel dieser Kinder waren die Lebensverläufe erstaunlicherweise von Erfolg und positivem Lebensgefühl geprägt. Die schwierigen Umstände konnten ihnen nichts anhaben. Auch als Erwachsene waren sie selbstsicher, zuverlässig und leistungsfähig. Wie konnte das sein?

Bisher war man davon ausgegangen, dass schlimme Kindheitserfahrungen Fehlentwicklungen quasi programmieren würden. Nun war die Neugier der Forschenden geweckt: Lagen der positiven Entwicklung dieser Menschen angeborene Fähigkeiten zugrunde? Oder hatten sie sich bestimmte Resilienzfaktoren selbst angeeignet? Das Ergebnis: Es ist keine Schicksalsfrage, ob jemand resilient ist oder nicht. Angeborene Eigenschaften spielen eine Rolle, sind aber nicht allein ausschlaggebend. Resilienz ist erlernbar. Sieben Orientierungs- und Handlungsmuster sind, so die Forschung, für eine erfolgreiche Krisenbewältigung ausschlaggebend.
> Akzeptanz: Nur wenn wir den Tatsachen ins Auge schauen, sie nicht verdrängen und uns nicht an ihnen verkämpfen, können wir sie bewältigen und neue Schritte entwickeln. Wichtig ist es, auch dem Schmerz, der Trauer, der Wut Raum zu geben, um den emotionalen Stress zu bewältigen. Und sich Unterstützung zu holen, wenn es allein zu heftig wird.
> Realistischer Optimismus: Um Krisen bewältigen zu können, brauchen wir die realistische Erkenntnis, dass Krisen zeitlich begrenzt und insofern auch überwindbar sind. Eine grundlegend positive innere Einstellung verhilft uns zur Überzeugung, dass wir die Dinge letztlich zum Guten wenden können.
> Die Opferrolle verlassen: In einer Krise ist es verführerisch, in die Opferrolle zu schlüpfen und „den Verhältnissen“ oder anderen Menschen die Schuld zu geben. Wenn wir die Realität betrachten, die Ursachen klären und uns fragen, ob wir einen eigenen Anteil an der Krise haben, können wir uns auf unsere Einflussmöglichkeiten besinnen, um uns innerlich aufzurichten und kraftvoll wieder auf die Füße zu kommen.
> Selbstverantwortung: Übernehmen wir für unser eigenes Tun und
Lassen wirklich Verantwortung, ohne uns selbst anzuklagen oder andere zum Sündenbock zu machen, so kommen wir auch mit unserer Kraft zum Handeln und Gestalten in Kontakt. Über welche Ressourcen verfügen wir? Was steht im Bereich unserer Möglichkeiten? Wir erleben, dass wir durch unser Handeln etwas bewirken können, dass wir also selbst-wirksam sind.
> Lösungsorientierung: Wenn wir unsere Kreativität und Energie daran setzen, Lösungen zu finden, entdecken wir Wahlmöglichkeiten. „Wie könnte es gehen?“ umschreibt diese hilfreiche Haltung: Mit ihr können wir prüfen, was am besten geeignet erscheint, und uns dafür entscheiden. So beeinflussen wir die Entwicklung der Dinge, und zwar günstig.
> Netzwerk: Wem es gelingt, Beziehungen zu knüpfen und lebendig zu halten, sichert sich ein soziales Netzwerk, das auf Wertschätzung beruht und Bindung vermittelt. „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude doppelte Freude“ – darin steckt viel Wahrheit. Schauen Sie sich um: Wer könnte Ihnen zuhören, wer Ihnen Rat geben, wer Sie ganz praktisch unterstützen? Vielleicht gibt es auch etwas, das Sie auf spiritueller Ebene stützen könnte, etwa die Zugehörigkeit zu einer Religion, der Glaube oder die Erfahrung, mit etwas Höherem verbunden zu sein.
> Zukunftsplanung: Für eine gute Weiterentwicklung nach überstandener Krise brauchen wir ein attraktives Ziel und eine kraftvolle Vision. Dazu gehört es, das eigene Entwicklungspotenzial – über welche bisher ungenutzten Möglichkeiten verfüge ich? – realistisch auszuloten und diese zu entfalten. Dabei ist es wichtig, sich auch auf die zu erwartenden Wechselfälle des Lebens vorzubereiten.

Ermutigend ist es, dass jeder Mensch ein gewisses Maß an Resilienz mitbringt – und dass sich Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit, erlernen und weiterentwickeln lässt, auch im Erwachsenenalter. Fundamental wichtig dafür sind: der feste Glaube, dass Krisen überwindbar sind, und eine grundlegende Ausrichtung auf die Frage: „Was ist das Beste, das ich selbst in der jetzigen Situation tun kann?“

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