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Ostholsteiner Anzeiger

20. Oktober 2017 | 23:44 Uhr

Die Helden kehren zurück nach Kiel

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Nach 143 Tagen auf Hilfseinsatz im Mittelmeer legte die „Werra“ am Sonnabend im Marinehafen an / 1186 Flüchtlingen aus Seenot gerettet

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2015 | 18:10 Uhr

Eine stolze Bilanz: 1186 Schiffbrüchige hat der Tender „Werra“ beim Hilfseinsatz im Mittelmeer von überfüllten Flüchtlingsbooten aus Seenot gerettet. Nach viereinhalb Monaten kehrte das Versorgungsschiff der Bundeswehr gestern in den Kieler Marinehafen zurück.

Fregattenkapitän Tobias Voß begrüßte den Kommandanten, Korvettenkapitän Stefan Klatt, und die 100-köpfige Besatzung mit warmen Worten: „Jeder an Bord ist ein Held.“ Der erste, der gleich nach Klatt über die Gangway die Tirpitzmole betreten durfte, war Obermaat Daniel Friedrich. Er war während der langen Abwesenheit Vater geworden. Töchterchen Lena wurde am 29. Juli geboren, da war die Besatzung der Werra bereits seit acht Wochen auf See. Der erste Kommentar des jungen Vaters, als er den Spross zum ersten Mal in die Arme nehmen durfte: „Ein schönes Mädchen.“

Am 3. Juni hatte die „Werra“ die Leinen losgemacht, am 24. Oktober legte sie wieder an. Dazwischen liegen genau 143 Tage. Jenny Wenglewski aus Bordesholm, Doreen von Mach aus Wasbek, Monia Petzold aus Eckernförde und Christine Volk aus Flintbek – allesamt Ehefrauen von Bordangehörigen – hatten ein Transparent zur Begrüßung vorbeitet. Sie waren froh, dass sie ihre Liebsten heil und unversehrt in die Arme schließen konnten. Und erst recht die Kinder: Mia (5) und Ben (3) verpflichten ihren Papa, den Smut Maik Wenglewski, für die kommenden Tage zum gemeinsamen Spielen.

Angelina (8) und Leonie (5) geht es ähnlich: Papa Thomas Volk, 2. Decksmeister an Bord der „Werra“, hat ihnen ein gemeinsames Weihnachten versprochen – keine Selbstverständlichkeit für die Matrosen. Die vierjährige Jette war gleich mit Mutter, Onkel und Opa gekommen, um Papa Torben Voigt zu empfangen. Zu Hause in Neumünster warten die Holzbausteine im Kinderzimmer förmlich auf väterliche Aufbauhilfe. Einzig Monia Petzold wird sich noch ein wenig gedulden müssen. Ihr Enrico hat, weil noch kinderlos, für junge Väter unter den Kameraden die Bordwache im Tirpitzhafen übernommen.

Kommandant Klatt erzählte von den Erlebnissen im Mittelmeer. Gleich der erste Rettungseinsatz war eine große Herausforderung: Von einem überfüllten maroden Holzboot wurden nicht weniger als 627 Menschen an Bord genommen, das Flugdeck der „Werra“ war voll mit Menschen. Alle Flüchtlinge wurden betreut, verpflegt und einen Tag später den italienischen Behörden in Reggio di Calabria übergeben. Ohne die Hilfsaktion hätte den Schiffbrüchigen ein ungewisses Schicksal bevorgestanden.

Um die Erlebnisse zu verarbeiten, habe man an Bord viel miteinander gesprochen, es waren ja auch Psychologen und Pfarrer auf der „Werra“. Erschöpfte und kranke, alte und gebrechliche Menschen waren unter den Flüchtlingen. Gerettet hat die „Werra“ auch eine junge Frau, die im achten Monat schwanger war. Zwischenfälle hat es keine gegeben. „Wir haben eine tolle Besatzung“, zollt der Kapitän seiner Besatzung großen Respekt.

Dusty Beutler und Alex Schulgin hatten die Idee, die einzelnen Rettungsaktionen mit Ringen an der Bordwand zu verewigen. Jeder kann jetzt nachlesen, dass die „Werra“ am 23. Juni, 15. Juli, 15. und 19. August sowie am 26. September im Rahmen des Einsatzes „EunaVFor Med“ insgesamt 1186 Menschen als Schiffbrüchige aufgenommen und in den sicheren Hafen gebracht haben. „Es tut richtig gut“, bewertet Klatt diesen humanitären Einsatz, der gegenwärtig von der „Berlin“ fortgesetzt wird. Übrigens: Auch der Kommandant konnte bei der Rückkehr ein neues Familienmitglied begrüßen: Enkelin Emma.

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