Eutin/Rostock : „Die Grenze“ – Klischees überwinden

Die Eutiner Projektgruppe mit Ronja (v.l) aus Rostock, Leon, Carolina, Frank Petzold, Wiebke, Tabea und Inga.
Die Eutiner Projektgruppe mit Ronja (v.l) aus Rostock, Leon, Carolina, Frank Petzold, Wiebke, Tabea und Inga.

Schüler aus Eutin und Rostock gehen in einem gemeinsamen Projekt auf Spurensuche

shz.de von
04. Juli 2015, 04:45 Uhr

Er floh, weil er sich eingeengt fühlte – sie, weil die Taliban ihre Familie bedrohten. Er ist glücklich in seiner neuen Heimat, denn es ist ein und das selbe Land – sie sagt: „Durch die Flucht und alle Erlebnisse hat sich mein Charakter leider verändert.“ Er, das ist Frank Möller (48), geboren in der DDR. Sie, das ist Bahare Mohamadian, eine junge Afghanin, die als 14-Jährige mit ihrer Familie nach Deutschland kam.

Warum sind Menschen aus der DDR geflohen? Welche Schicksale haben die Flüchtlinge heute in Deutschland? Mit diesen Fragen beschäftigten sich 35 Schüler des Weber-Gymnasiums und der Werkstatt-Schule in Rostock im Projekt: „Grenzgänger – auf Spurensuche an der früheren innerdeutschen Grenze“. Sie trafen Zeitzeugen aus Ost und West: Grenzer und Bundespolizisten, Flüchtlinge und Zwangsausgesiedelte; führten Interviews und präsentierten die Ergebnisse jetzt in den beiden Schulen in Rostock und Eutin. Der 20-minütige Film „Die Grenze“, den Rostocker Werkstattschüler im Rahmen des Projekts produzierten und der mit dem Sonderpreis der Deutschen Einheit für Medienkompetenz ausgezeichnet wurde, geht sogar noch einen Schritt weiter: In dem Streifen werden die Fluchtgeschichte eines Ostdeutschen und einer Afghanin verknüpft. „Auf diese Idee zu kommen, ist wirklich großartig und holt die Thematik auch in unsere heutige Zeit“, sagt Frank Petzold, Geschichtslehrer am Weber-Gymnasium.

Was nehmen die Schüler aus dem Projekt mit? „In der Schule lernt man eher die Fakten. Bei den Interviews stand bei mir die Gefühlsebene im Vordergrund“, sagt Wiebke (18). „Mit Flucht verbindet man sonst nur Menschen, die vor dem Krieg in anderen Ländern fliehen. Die Flucht innerhalb des eigenen Landes ist da nicht so präsent“, sagt Carolina (18). Auch die Erkenntnis, dass es auf beiden Seiten der Mauer „durchaus auch positives gab“, war neu für die Gymnasiastin. Ihr Fazit nach dem Projekt: „Man darf niemanden aufgrund seiner Herkunft verurteilen.“

Für die Rostocker hatten die Zeitzeugengespräche noch eine ganz andere Funktion. Werkstattschülerin Ronja berichtet: „Für mich ist das zwar eine völlig fremde Zeit, aber es ist die Kindheit und Jugend meiner Eltern, über die die Menschen erzählten. Das hat für mich einen ganz persönlichen Bezug.“ Durch das Projekt seien ihre Eltern auch für Ronja zu echten Zeitzeugen geworden.

„Das Spannende“, fügt der verantwortliche Geschichtslehrer Frank Petzold hinzu, „ist die Gemeinschaft, die zwischen den Schülern entstanden ist.“ 2012 startete das Projekt mit einer Klischee-Befragung auf beiden Seiten. Petzold: „Das Ergebnis zeigte eindeutig, dass die Klischees der Schüler von den Eltern stammten, weil sie Stand 90er Jahre waren, wie beispielsweise FKK, Plattenbauten und verkommene Innenstädte.“ Beim Aufeinandertreffen zur Projektwoche an der Grenze merkten die Teilnehmer dann: „Das stimmt ja gar nicht“.

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