Die „Eutiner Jugendwehr“ spielt Soldat

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13. Juni 2014, 11:10 Uhr

Das stand vom 6. Juni bis 12. Juni 1914 im Anzeiger:

Der „Anzeiger“ titelt am
6. Juni 1914 mit „Unerhörte Suffragettentat“. Der Britin Pankhurst, die zu einer Gruppe von Damen gehört, die sich intensiv für das Frauenwahlrecht einsetzen, droht wieder einmal die Verhaftung, obwohl sie erst vor kurzen als erkrankt aus dem Ge-fängnis entlassen worden ist. Ihre frevelhafte Tat: sie wollte König Georg V. eine Petition zum Wahlrecht überreichen. Die Welt ist empört! Gleichzeitig berichtet die Zeitung über das „Deutsche Turnfest“ und die Möglichkeiten zur „Vertilgung der Ackerdistel“.

In Eutin beginnt bei dem ortsbekannten Kaufhaus Blöcker & von der Osten ein Ausverkauf wegen der Vergrößerung und des Umbaus der Geschäftsräume. Die Rabattaktion soll bis Ende Juni laufen. Selbstredend, dass die Firma Rudolph Karstadt mit Sonderangeboten reagiert.

Das Kino wirbt mit Henny Portens „Ihre Hoheit“. Sie ist seit vier Jahren beim Film und neben Asta Nielsen einer der größten Stars des Stummfilms.

Bei Gastwirt Kloth versammelt sich der Plattdeutsche Verein „Modersprak“. Der Krieger-Verein Eutin feiert im „Deutschen Haus“ sein Sommervergnügen. Da im östlichen Holstein immer wieder die Maul- und Klauenseuche aufflammt, wird der geplante Schweinemarkt we-gen der hochansteckenden Tierkrankheit am 9. Juni abgesagt. Beim Schlachter Adolf Ehlers in der Kieler Straße (Riemann-Straße) 44 wird ein Pfund Schweinefleisch für 60 Pfenning ange-boten – ein günstiger Preis, bieten doch die meisten Fleischer ihre Ware schon für 70 Pfennig an. Gastwirt Ernst Wienert sucht einen Hausdiener für das vornehme Bahnhofshotel, Bahnhofstraße 13. Beim Hofzahnarzt Peter Ochsen ist eine Tochter geboren. Der Mediziner praktiziert im Hause Plöner Straße 29 und gehört zu den Honoratioren der Stadt.

Wie seit über 30 Jahren plant der Volksfestverein für den 12. und 13. Juli sein „Allgemeines Scheibenschießen (mit) Volks– und Erinnerungsfest“. Mit der Veröffentlichung des Sommer-fahrplans der Schifffahrt auf dem Eutiner See hält die heiße Jahreszeit endgültig Einzug in der Stadt.

Der Jungdeutschlandbund, der im März eine „Eutiner Jugendwehr“ ins Leben gerufen hat, exerziert auf dem Volksfestplatz. Knaben ab 11 Jahre aus allen Kreisen der Bevölkerung können hier ihrem Drang nach dem Soldatspielen nachgeben, sie erhalten eine vormilitärische Ausbildung. Die Gründungsväter, die durchweg zu den konservativen Kreisen der Stadt gehören, wissen ihre Kinder in „sicherer Obhut zum Heil von Geist und Körper“. Zu
einem der ersten Übungstage im April treten 124 Jungen
in Uniform an. Niemand scheint zu ahnen, dass diese Aktivitäten direkt in einen Kriegseinsatz führen werden.

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