Eutin : „Die Eutiner Festspiele sind lebensfähig“

Guter Dinge sind die beiden Gesellschafter Falk Herzog (li.) und Joachim Scheele (re.) nach dem Gutachten von Actori, das Philipp Leist vorstellte.
Guter Dinge sind die beiden Gesellschafter Falk Herzog (li.) und Joachim Scheele (re.) nach dem Gutachten von Actori, das Philipp Leist vorstellte.

Ein Gutachten zeigt: Eutins Kulturbetrieb hat große Potenziale, braucht aber mehr Zuschüsse, um inhaltlich und strukturell besser dazustehen und an die Erfolge des Jahrhundertsommers anzuknüpfen.

shz.de von
20. November 2018, 10:05 Uhr

Was muss sich verändern, damit die Eutiner Festspiele zukunftsfähig sind? Um dieser Frage fachlich – und nicht nur aus der Tradition oder dem Bauch heraus zu begegnen – beauftragte Falk Herzog zu Beginn seiner Interimszeit als Geschäftsführer der Eutiner Festspiele die Unternehmensberatung Actori GmbH aus München, die bundesweit im Kulturbereich für Strategieberatungen bekannt ist. Die gute Nachricht: „Die Eutiner Festspiele sind lebensfähig, können wirtschaftlich betrieben werden und haben ein großes Potenzial. Jetzt muss es darum gehen, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen“, machte Falk Herzog gestern deutlich.

Drei Herausforderungen gilt es laut Actori-Gutachten zu meistern: Konsolidierung, Professionalisierung und Profilierung. Die Eutiner Festspiele sind laut Actori und Herzog – verglichen mit anderen Festspielen in Deutschland und Österreich – „hoffnungslos unterfinanziert“. 85 Prozent des Gesamtbudgets müssen die Festspiele bislang selbst erwirtschaften, 15 Prozent beträgt der Zuschussanteil vom Land, Kreis Ostholstein und der Stadt Eutin, während andere Kulturbetriebe in dem Bereich eine Förderung von 23 bis 35 Prozent erhalten. „Der Zuschussanteil muss gesteigert werden, um langfristig mehr Stabilität zu bekommen“, sagt Philipp Leist, Projektleiter bei der Actori GmbH. Dies sei laut Herzog auch deshalb wichtig, um bei schlechtem Wetter nicht in eine finanzielle Schieflage zu kommen. Kein anderes Haus in Schleswig-Holstein mit Kulturbetrieb sei derart wetterabhängig wie die Festspiele.

Vieles bei den Festspielen funktioniere, weil sich Menschen – neben den Gesellschaftern – mit Leidenschaft für die Festspiele engagierten. „Um die Strukturen und Organisationsabläufe zu professionalisieren, braucht es aber die Einstellung des real wirklich benötigten Personals“, sagt Leist. Herzog sucht derzeit eine Ergänzung aus dem Kulturmanagement, um künftig erfolgreich als Doppelspitze die Festspiele zu führen. Ein zweiter Schritt sei die Nachbesetzung der Intendantenstelle, die mit Vertragsende von Dominique Caron Ende August 2019 frei werde. „Wir denken darüber nach, ob wir die Festspiele künftig mit einer Sommerintendanz ausstatten“, sagte Falk. Hardy Rudolz, der „My Fair Lady“ erfolgreich inszenierte, konnte auch für die Regie der Musicals in den beiden kommenden Spielzeiten verpflichtet werden, sagte Herzog gestern und deutete somit auf die dritte Herausforderung, die Profilierung der Festspiele.

Laut Actori wurde bei den Interviews mit zahlreichen Gesprächspartnern – ob vor Ort oder bundesweit – deutlich, dass gar nicht so richtig klar sei, wofür die Festspiele stünden. „Es braucht ein zielgruppenspezifisches Programmangebot, Kooperationen und den Aufbau der sogenannten ‚Education-Veranstaltungen‘ speziell für junge Zielgruppen“, sagte Leist. Ein Anfang sei da die Planung des Kinder- und Jugendprojektes „Abu Hassan“, das in den Torhäusern gezeigt werden soll (wir berichteten). Außerdem sollen Schulen Rabatt für die öffentliche Generalprobe des Musicals „Kiss me, Kate“ bekommen.

Um die inhaltlichen Angebote auszubauen, brauche es aber auch Veränderungen der Infrastruktur: Neben einer Überarbeitung des städtebaulichen Vertrags, der derzeit maximal 35 Veranstaltungen binnen drei Monaten vorsehe, müsse dringen in Elektrik und Tribüne investiert werden, um die Voraussetzung für den Erfolg der inhaltlichen Arbeit zu schaffen, so Herzog. Dafür brauche es Gelder und wohlgesonnene Fördergeber. Letztere wurden vor dem Pressegespräch informiert, Herzog möchte außerdem in die Fraktionen, um der Politik die besondere Bedeutung der Festspiele zu verdeutlichen.

„Die Festspiele sind neben dem Kulturbetrieb auch ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Nicht umsonst hatte die Kaufmannschaft 2011 den Mut, die Festspiele zu reanimieren“, so Herzog. Mal abgesehen von der Rechnung, dass jeder Besucher der Festspiele – in der letzten Saison 33 200 – durchschnittlich 20 Euro in der Stadt lasse, ob für Gastronomie oder anderes (rund 660 000 Euro), beleben und bewohnen auch Ensemblemitglieder für mindestens sechs Wochen Eutin und Region, essen und kaufen vor Ort ein, rechnete Herzog vor. Auf das Argument mancher Fördergeber, die Festspiele seien ein eher lokales Vergnügen, kann Herzog mit der statistischen Erfassung der Postleitzahlen der Kartenkäufer kontern: „Gerademal 2100 Käufer kommen aus dem Postleitzahlgebiet Eutins, die restlichen Besucher fahren 50 Kilometer und mehr zu uns. Deshalb sind die Festspiele auch im Bereich Tagestourismus interessant.“

Die Festspiele blicken zuversichtlich in die Zukunft – schon jetzt sind 8000 Karten verkauft – die Arbeit bei den Fördergebern gehe kontinuierlich weiter. Herzog:„Die Gesellschafter können nicht dauerhaft den kulturellen Auftrag finanzieren. Wir wollen uns nicht zurückziehen, wir wollen aber über eine langfristige Perspektive reden und das geht nur mit Fördermitteln.“

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