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Betrachtungen zum 5. Biker-Treffen : Die Begegnung von Bewegung und Natur

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

Es gibt unterschiedliche Gründe, in den Sattel eines Motorrades zu steigen und ein 20-faches Todesrisiko hinzunehmen. Aber es gibt auch etliche Gemeinsamkeiten von Motorradfahrern.

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erstellt am 04.Okt.2013 | 04:00 Uhr

Man stelle sich Folgendes vor: Es gibt noch keine Motorräder. Und ein Erfinder versucht, für ein PS-starkes Zweirad eine Straßenzulassung zu bekommen. Vermutlich würde dem Mann drohen, dass er unter Betreuung gestellt wird.

Aber es gibt sie schon lange. Bis in die 1960-er Jahre waren Motorräder ein Fahrzeug des kleinen Mannes, der sich kein Auto leisten konnte. Und dann brach das Zeitalter der Biker an, wie im Englischen Motorradfahrer genannt werden.

Was sich in den vergangenen Jahrzehnten bei der Entwicklung von Motorrädern getan hat, seit Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson mit dem Kultfilm „Easy Rider“ 1969 eine weltweite Bewegung angeschoben haben, ließ sich gestern gut in Eutin sehen.

Gut 6000 Motorräder, so schätzen die Veranstalter, kamen zum 5. Eutiner Motorradtreffen. So viele wie noch nie. Und kaum ein Bike gleicht dem anderen, fast jeder Motorradfahrer findet Möglichkeiten, seine Maschine individuell zu machen – durch Zubehör oder auch spezielle Lackierungen.

Dabei lassen sich Motorradfahrer in fünf Gruppen teilen. Da sind zum einen die braven Tourenfahrer, die auf zuverlässige Technik und bequeme Sitzhaltung Wert legen. Dann gibt es die Moto-Cross-Anhänger, die geländegängige Maschinen bevorzugen. Gruppe drei sind Chopper-Fahrer, die im Stil von Easy Rider über die Landstraße „cruisen“ und meistens die teuersten Maschinen haben. Eine handgefertigte „Boss Hoss“ mit mehr als 500 Kilo Gewicht, angetrieben von einem V8-Motor mit einem Hubraum zwischen 5,7 und 8,2 Litern, kostet schon mal gut 50 000 Euro.

Kommt als nächstes die Gruppe der Streetfighter mit martialischen Mottos wie „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt“ oder auch „Fight or die“ (kämpfe oder sterbe). Die Fahrer – eine echte Männerdomäne – bevorzugen sehr individuell „zusammengeschraubte“ Motorräder mit auffälligem Schmuck, aber ohne jedes Zubehör: Keine Verkleidung, keine vor Fahrtwind schützende Scheibe, keine Packtaschen, kein Platz für einen Sozius, pure Motorräder mit viel Kraft. Da werden häufig 170 Kilo mit 170 PS angetrieben, das garantiert das Gefühl von Raketenkräften. Und dann gibt es noch die kleine Gruppe von Oldtimer-Fahrern, die sich – Beispiel NSU Lux aus den 1950ern – mit 8 PS und 90 km/h in der Spitze begnügen.

Die Motivation, in den Sattel eines Motorrades zu steigen, ist also sehr unterschiedlich. Allen Motorradfahrer gemein ist unterdes, dass sie mit dem Lenker in der Hand ein rechnerisch 20-fach höheres Todesrisiko in Kauf nehmen als am Steuer eines Pkw.

Aber alle fasziniert die unmittelbare Begegnung von Bewegung und Natur, von Wind, den Gerüchen, die Rapsfelder, Kräuter oder Heu verströmen, von dem einzigartigen Gefühl einer guten Kurvenlage, von der Möglichkeit, binnen Sekunden zu beschleunigen, dabei direkt den Sound des Motors zu hören, die Vibration und Fliehkräfte unmittelbar zu spüren. Die meisten Motorräder sind in etwa vier Sekunden auf 100 km/h. Die Automodelle, die das schaffen, lassen sich an einer Hand abzählen.

Für viele Motorradfahrer kommt natürlich noch Nervenkitzel hinzu oder auch die Genugtuung, im Mittelpunkt zu stehen, wenn man ein Motorrad fährt, das die Blicke der Passanten auf sich zieht. Warum fahren wohl sommers so viele Biker an den Ostsee-Promenaden entlang?

Alle Gattungen von Bikern waren gestern in Eutin zu sehen, denn trotz allem Streben nach Individualität sind sie auch ein geselliges Völkchen, das sich gerne trifft. Und die meisten sind ganz normale Menschen. Rocker jedenfalls sind eine extrem kleine Minderheit unter den Bikern.

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