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Ostholsteiner Anzeiger

25. September 2017 | 21:03 Uhr

Die Afghanen geben die Hoffnung nie auf

vom
Aus der Redaktion des Ostholsteiner Anzeigers

von
erstellt am 07.Apr.2014 | 10:33 Uhr

Die vergangenen Wochen in Kabul waren geprägt vom Wahlkampf – und zwar in jeder Hinsicht. Überall, in jeder Straße, an Hauswänden oder auch an den Fenstern der Autos, waren die Wahlplakate der Präsidentschaftskandidaten und der Kandidaten für einen Sitz im afghanischen Parlament zu sehen.

Die drei Favoriten auf das Präsidentenamt sind Ashraf Ghani Ahmadzai, Zalmay Rassoul und Abdullah Abdullah. Ahmadzai, ehemaliger Berater der Weltbank und Professor an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten, gilt als der herausragende Favorit.

Ahmadzai ist in Kabul aufgewachsen und hat viele Jahre in den USA gelebt. Er beherrscht sowohl Englisch als auch die afghanischen Landessprachen Dari und Paschtu fließend. Allem voran ist er dafür bekannt, bei seinen Reden immer sehr emotional und extrem laut zu werden. Bei manchen Reden hat er so laut gesprochen oder geradezu gebrüllt, dass ab einem gewissen Zeitpunkt seine Stimme versagt hat.

Ich habe wenige Tage vor der Wahl einen Wahlkampfauftritt von Ashraf Ghani im Ghazi-Stadion in Kabul besucht. Selbst ein Gehörloser hätte wahrscheinlich an diesem Tag seine Stimme hören können. Neben der außergewöhnlichen Lautstärke gestikuliert Ahmadzai bei solchen Auftritten immer wild mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Als ich ihn im Ghazi-Stadion genau beobachtete, hatte ich zeitweise das Gefühl, nicht mehr an einem Wahlkampfauftritt, sondern an einem Orchesterkonzert mit Ahmadzai als Dirigenten teilzunehmen. Dabei hätte es Ashraf Ghani Ahmadzai keineswegs nötig, durch besondere Körpersprache auf sich aufmerksam zu machen. Er zählt zweifelsohne zu den intelligentesten Köpfen in der Welt. 2013 wurde er von einem renommierten Magazin hinter Richard Dawkins zum zweitklügsten Denker der Welt gekürt. Vor einigen
Jahren hat er eine berühmt gewordene Rede an der Oxford-Universität gehalten, dabei erklärt, wie man einen Staat aus einem schwierigen oder desolaten Zustand auf den richtigen Weg bringen kann.

Er hat sich trotz allem in Misskredit gebracht, weil er mit dem berüchtigten afghanischen „Warlord“ Abdul Rashid Dostum zusammenarbeitet. Dieser trat als sein möglicher Stellvertreter an.

Der Kandidat Zalmay Rassoul wird stark vom aktuellen Präsidenten Karzai und dessen Brüdern unterstützt, und er war in Karzais Regierung Außenminister. Sonst ist über ihn nicht besonders viel bekannt. Nur die Tatsache, dass er ledig ist und keine Kinder hat, ist an die Öffentlichkeit gelangt. In der afghanischen Gesellschaft, in der die Familie eine zentrale Rolle einnimmt, wirkt jemand, der in diesem Alter frau- und kinderlos ist, wie ein Fremder. Dieser eigentlich private Fakt, der überhaupt nichts über seine Politik aussagt, wird ihm allen Prognosen zufolge zumindest bei einem Teil der Wählerschaft Stimmen kosten.

Abdullah ist eine bekannte Person aus der Vergangenheit Afghanistans. Er war eine Führungskraft in der sogenannten Nord-Allianz, die eng mit den USA kooperiert hat. Außerdem war er als
Mujahed (Gotteskrieger) sowohl an dem Krieg gegen die Rote Armee als auch an dem Bürgerkrieg, der 1989 dem Abzug der sowjetischen Besatzer folgte, beteiligt.

Die Tatsache, dass Abdullah durch seine Zugehörigkeit zur Nord-Allianz einer bestimmten Fraktion zugeordnet werden kann, macht ihn für viele Afghanen, die zum Beispiel gegen jene Nord-Allianz gekämpft haben, unwählbar. Abdullah hatte ebenfalls vor einigen Wochen einen Wahlkampfauftritt im Kabuler Ghazi-Stadion. Er ist im Vergleich zu Ahmadzai ein sehr ruhiger, gelassen wirkender Politiker, der es aber dennoch versteht, durch Spitzbübigkeit sein Publikum für sich zu vereinnahmen. Er ist ein Politiker wie ihn die USA und der Westen mag. Authentische Emotionalität sucht man bei ihm allerdings vergeblich. Jede Geste, jedes Wort wirken bei ihm wohl kalkuliert.

Im Vergleich zum Wahlkampfauftritt von Ahmadzai war der Auftritt von Abdullah jedoch sehr schlecht organisiert. Die Zäune, die den Pressebereich von den zahlreichen Besuchern trennen sollten, wurden in kürzester Zeit durchbrochen.

Die Wahl, deren Ergebnis erst in ein paar Wochen vorliegen wird, hatte sich auch sehr deutlich auf die Sicherheitslage ausgewirkt, zumal die Taliban angekündigt hatten, den Urnengang torpedieren zu wollen. Es gab immer wieder aufsehenerregende Anschläge auf Wahlbüros, die Wahlkommission und dergleichen. Kurzum alles, was irgendwie regierungsnah aussah oder mit der Wahl und dem Ausland in Verbindung zu bringen war, wurde angegriffen.

Dennoch hat sich die afghanische Bevölkerung davon nicht abschrecken lassen und ist in Massen in die Wahlbüros geströmt, um sich für die Wahl registrieren zu lassen. Viele Menschen standen den halben Tag lang in Warteschlangen, nur um eine Registrierungskarte für die Wahl zu erhalten.

Diese Präsidentschaftswahl ist einzigartig in der afghanischen Historie, und das war auch allen bewusst. Das erste Mal in der mehr als 5000 Jahre langen Geschichte dieser Region findet eine freiwillige Machtübergabe statt und es wird ein neuer Präsident gewählt. Ich verwende an dieser Stelle ganz bewusst nicht den Begriff „demokratisch“, sondern das Wort „freiwillig“.

Denn das Wort „Demokratie“ ist in Kabul zu einem zynischen Begriff für die US-amerikanische Ignoranz geworden. Man hat unter dem Begriff Demokratie ganze Dörfer in Nacht- und Nebelaktionen mit Hilfe von Bomben ausgelöscht.

Der Westen hat hier immer den Begriff „Demokratie“ demonstrativ vor sich hergetragen, zum gleichen Zeitpunkt aber mit den grausamsten „Warlords“ zusammengearbeitet und diesen zu mehr Macht verholfen. Das Beispiel Afghanistan hat eindeutig gezeigt, dass Demokratie oder das, was die USA als solche bezeichnen, nicht automatisch Freiheit, Gleichheit und Wohlstand bedeutet. In Afghanistan hat Demokratie nämlich vor allen Dingen Bomben, Krieg und Armut bedeutet. Kein Wunder also, dass die Menschen hier mit diesem Begriff nur noch blanken Zynismus verbinden.

Ich möchte betonen, dass Afghanistan , als es keine Einmischung Großmächte mit imperialistischem Anspruch gab, durchaus sehr gute und friedliche Phasen hatte und zeitweise sogar seinen Nachbarn in Zentralasien weit voraus war in vielen Aspekten der Politik und Wirtschaft. Großmächte haben sich in Afghanistans Angelegenheiten seit jeher entweder direkt durch eine Invasion oder indirekt durch die Unterstützung von bestimmten Fraktionen und Gruppierungen eingemischt.

Ob die afghanische Bevölkerung durch diese Wahl das Heft des Handelns und somit auch ihr eigenes Schicksal wieder in die eigenen Hände bekommen wird, kann ich nicht sagen. Allein die Tatsache aber, dass so viele Menschen zur Wahl gegangen sind, hat mir gezeigt, dass diese Menschen nie ihre Hoffnung aufgeben und früher oder später auch selbst wieder für Frieden in Afghanistan sorgen werden.

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