Der Weltuntergang ist nah – na und?

Volker Ranisch als der wandernde Müllersbursche.
Volker Ranisch als der wandernde Müllersbursche.

Muss der Weltuntergang etwas schlimmes sein? Oder kann Apokalypse auch Vollendung bedeuten? Ein Bühnenstück mit bemerkenswerten Bausteinen

Avatar_shz von
07. Oktober 2018, 17:03 Uhr

Tick, Tack, Tick, Tack, Tick, Tack. Anfang und Ende. Die Uhr tickt, die Zeit läuft. Und der Weltuntergang ist vielleicht näher als gedacht?

Ganz nah war er Samstagabend, als Volker Ranisch, der jetzt zum siebten Mal in Eutin auftrat, sein Stück mit eben diesem Titel „Der Welten Untergang“auf die Bühne im Binchen brachte.

„Düster liegt die Welt mir da,...und der Abgrund ist so nah.“ Mit den Versen von Friederike Kempner malt er ein ein dunkles Bild, das er mit Zeilen von Alfred Liechtenstein „Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen“ sogar noch schauriger erstehen lässt. Dann aber die Frage, ob Apokalypse nicht auch Vollendung bedeuten kann? Und somit etwas Schönes?

Volker Ranisch nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, die romantisch mit Passagen aus den Gedichten „Winterreise“ und „Die schöne Müllerin“ von Wilhelm Müller beginnt und sich zunehmend böse entwickelt, wobei ihm Texte von Oskar Panizza mit seiner sehr bildhaften Sprache und dem boshaften Unterton dienen. Dabei weist er zwischendurch immer wieder auf den Trick unserer Wahrnehmung hin, das Erleben zu romantisieren, um Dingen Bedeutung zu geben, „die sie sonst in einer von Zahlen und Fakten durchnässsten Welt nicht hätten.“ Damit aus solchen Bausteinen ein Bühnenstück entstand, hat sich Volker Ranisch über drei Monate in unterschiedliche Werke eingelesen, bis die Zusammenstellung der Texte und die Auswahl der Musikstücke zu dieser Geschichte wurden.

Ranisch erzählt sie als der wandernde Müllerbursch und er singt, er rezitiert, er spielt mit Lust und sehr präzis gesetzten Gesten, mit feiner Ironie, „so ganz nebenbei“ tief- und hintergründig, komisch – einfach großartig. Solche Schauspielkunst ist ein Genuss. Wer ihn kennt, der lässt ihn sich nicht entgehen.

Die Geschichte endet mit Auszügen aus „Die Menschenfabrik“ von Panizza, wo in einer Fabrik eine „Menschen“-Rasse entsteht, die nett und nobel erscheint, aber bar jeder Werte und jeder Moral ist, weil eine mit solchen Eigenschaften sich nicht verkaufen ließe. Auch wenn es heißt, die Fabrik sei doch nur die Meißener Porzellanmanufaktur und der Müllersbursche bilde sich nur ein, dass die Porzellanfiguren ihn als denjenigen, der denkt, Gefühle hat und lebendig ist, dieser Merkmale wegen verhöhnen, bleibt ein leichtes Grausen beim Zuschauer zurück.

Wenn Apokalypse Vollendung bedeutete und diese Vollendung wäre, dass Menschen aus Fleisch und Blut von blutleeren, gut funktionierenden und berechenbaren Geschöpfen verhöhnt würden, dann wäre der Weltuntergang am 30. Mai vielleicht keine schlechte Lösung. Da aber niemand weiß, welches Jahr gemeint ist, kann man ja ruhig so weitermachen...

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen