Interview : „Der Region fehlt eine gute Streitkultur“

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GLC-Chef Martin Weigel über die touristische Vermarktung in Malente und die Probleme, mit denen sein Unternehmen dabei konfrontiert ist.

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22. Dezember 2014, 20:53 Uhr

Erst im zweiten Anlauf hat sich die Malenter Gemeindevertretung im letzten Moment durchgerungen, das Tourismusgeschäft in der Gemeinde wieder an die GLC Glücksburg Consulting AG zu vergeben. Die Hamburger arbeiten bereits seit 2001 für das Kneippheilbad. Darüber, ob sie weitermachen sollen, wurde kontrovers und emotional gestritten. GLC-Vorstandschef Prof. Martin Weigel spricht nun im Interview mit OHA-Redakteur Bernd Schröder über seine Sicht der Dinge.

Empfinden Sie die Entscheidung der Gemeindevertretung für GLC nach dem vielen Hin und Her jetzt als unverhofftes Weihnachtsgeschenk?

Also als Geschenk auf jeden Fall nicht, denn es geht ja um eine geschäftliche Leistung. Aus unserer Sicht haben wir Grundlagen sowohl formal als auch inhaltlich geschaffen. Wir konnten als einziger Bieter eine Bewerbung abliefern, die allen sehr harten Kriterien entsprochen hat. Es hat ganz objektiv gesehen in den vergangenen zehn Jahren eine gute Entwicklung bei Übernachtungszahlen und Kurtaxe gegeben. Und wir haben immer bewiesen, dass wir uns loyal und mit aller Kraft für den Standort Malente einsetzen. Insofern, wenn wir vom Geschenk sprechen, dann gilt, dass wir uns das „Geschenk“ in den nächsten Jahren Vertragslaufzeit erneut verdienen wollen.

GLC betreibt 14 Tourismus-Informationen. Haben Sie einen Standort, der Ihre Geduld mehr auf die Probe gestellt hat?

Nein.

Wie erklären Sie sich diesen Gegenwind in Malente?

Ich stelle fest, unabhängig von den vielleicht nochmals forcierten Entwicklungen im letzten Jahr, dass Malente, aber auch die gesamte Region einen besonderen Unruhegeist hat. Das gilt nicht nur für den Malente-Tourismus, sondern auch für viele andere Themen. Wir betreuen rund 100 kommunale Kunden, auch in schwierigen Fragen, von Sachsen bis an die dänische Grenze. Aber so eine innere Zwietracht wie in dieser Region, die ist nicht so häufig zu finden. Es gibt Themen, die mit einer Vehemenz oder auch Aggressivität vertreten werden, die mich schon erstaunt. Ich glaube, dass die richtige Streitkultur die Region ganz anders nach vorne bringen würde. Aber ich kann Ihnen nicht erklären, warum in dieser Region aus meiner Sicht so eine schlechte Streitkultur vorhanden ist.

Eine immer wieder vorgetragene Behauptung in der Diskussion um den neuen Vertrag war, dass GLC keinen guten Job gemacht habe. Was sagen Sie dazu?

Dazu nenne ich drei messbare Fakten. Zum einen sind die statistisch registrierten Übernachtungen von 2004 bis Ende 2013 um rund 80  000 gestiegen und die seinerzeit von der Verwaltung mit GLC vereinbarten Wachstumsziele erfüllt. Das Kurtaxaufkommen ist laufend – zuletzt dieses Jahr kräftig – gewachsen. Und ferner: Als wir gestartet sind, lag die Zahl der Vermieter, die ihre Quartiere vertraglich von uns vermitteln lassen wollten, bei rund zehn. Heute arbeiten wir mit 117 Gastgebern auf vertraglicher Basis laufend und eng zusammen.

Ein Vermieterin erklärte einmal, GLC habe es nicht geschafft, die Herzen der Malenter zu erobern. Ist das zu viel verlangt?

Nein, das gehört eigentlich zu dem Job dazu. Und ich weiß ja, wie schön es sich anfühlt – nehmen wir mal den Harz, wo wir sogar den Hamburg Consulting Preis für unsere Arbeit bekommen haben, oder jetzt im Spreewald oder Schönhagen, ich könnte den Malentern quasi fast alle unsere anderen von uns betreuten Kommunen nennen, um dort mal anzurufen, wie schön es sich anfühlt, wenn man gemocht wird und wenn man an einem Strang zieht. Warum das in Malente nicht gelungen ist, kann ich schwer sagen. Man muss sich da ja immer an die eigene Nase fassen...

Hat GLC in Malente Fehler gemacht?

Wir haben in den Anfangsjahren Fehler gemacht, bemerkenswerterweise in den letzten fünf, sechs Jahren, die viel kontroverser waren, aus meiner Sicht nicht mehr. In der Anfangsphase hatten wir Probleme mit der Mitarbeiterkontinuität. Das führt aber sehr stark zu Ihren ersten Fragen zurück. Warum sind uns die Mitarbeiter da abhanden gekommen? Die von uns ausgewählten Teamleiter kamen mit der teilweise vorherrschenden Aggressivität und der oben genannten Streitkultur in Malente nicht klar. Wir hatten zwei Burn-out-Fälle von vier Teamleitern, drei, die bei mir im Büro geweint haben, die sich verfolgt und beleidigt fühlten. Das haben wir an keinem anderen Standort gehabt.

Sie selbst haben die „Zerrissenheit“ in Malente als Ihre größte Sorge bezeichnet. Haben Sie eine Idee, wie Sie dieses Problem in den Griff bekommen?

Wir werden sicherlich – sowohl was das eigene Engagement von Edith Seemann (verantwortlich für den Geschäftsbereich Tourismus und Marketing, d. Red.) und mir betrifft, aber auch in dem neuen Feintuning unseres Teams vor Ort – stärker darauf achten, uns in andere Entwicklungsthemen einzubringen. Beispiel Westharz: Dort sind viele der großen Entwicklungsvorhaben touristischer Art von GLC begleitet worden – vom neuen Torfhaus über das Novasol-Feriendorf in St. Andreasberg bis zur Neuausrichtung des Kurhauses St. Andreasberg. Ich werde auf jeden Fall versuchen, uns in der nächsten Periode stärker in diese Entwicklungsthemen einzubringen, selbst wenn das eigentlich nicht Kern unseres Auftrags ist. Das heißt aber nicht weniger praktische Tourismusarbeit.

Ein Gemeindevertreter hat vorgeschlagen, Malente solle doch dauerhaft überhaupt kein Geld mehr für Tourismus-Marketing und Vermarktung ausgeben. Was sagen Sie dazu?

Wenn Malente diesem Tipp folgen würde, dürfte man auch keine touristischen Abgaben mehr einnehmen und damit hätten wir den Super-GAU für die Finanzen der Kurverwaltung. Insofern wäre das schon rein finanziell am Ende wenig vorteilhaft, das kann man mit einer einfachen Rechnung ermitteln.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit zwischen GLC und der Tourismus-Zentrale Holsteinische Schweiz, dem weiteren touristischen Dienstleister in Malente?

Die Zusammenarbeit bewerte ich bisher deswegen als schwierig, weil auch hier von Anfang an Zwietracht gesät wurde. Wenn ich Harmonie möchte zwischen meinen beiden Kindern und ich verspreche dem einen, du bekommst eine Tafel Schokolade, wenn du dem anderen in den Hintern trittst – wie sollen die beiden dann zu einem friedlichen Umgang kommen? Wenn denn einmal die politisch Verantwortlichen diese Konkurrenzsituation zwischen uns und dem Verband rausnehmen würden, könnten wir auch gut zusammenarbeiten. Da habe ich gar keine Sorgen. Dann müssten auch die Intrigen-Spielchen aufhören. Zum Beispiel diese unselige Diskussion über eine Buchungsschnittstelle mit der Tourismuszentrale: Da werden wir nur gegeneinander ausgespielt, obwohl wir miteinander technisch alles gelöst haben. Im Grunde ist es an der Politik, da den Knoten zu durchschlagen.

Es wurde ja in der Diskussion zum Schluss vermutet, Sie würden zwar Ihre Daten zur Verfügung stellen wollen, hätten aber kein Interesse daran, die Vermieter der Tourismuszentrale zu vermarkten.

Nein, überhaupt nicht, wir sind ja als Unternehmen relativ logisch im Verhalten. Das heißt, alles, was uns zukünftiges Geschäft bringt, tun wir natürlich auch. Wir sind deshalb natürlich interessiert, Gastgeber des Verbandes, die wir nicht verfügbar haben, auch buchen zu können.

Beklagt wird, dass Malente ein Gesicht fehlt, das den Ort in der Tourismuszentrale vertritt, so wie Caroline Backmann für Plön oder Per Köster für Eutin. Kann GLC daran etwas ändern oder ist das eine Aufgabe für die Gemeinde?

Wenn das vorgenannte Konkurrenzverhalten aufhört, können wir da sicherlich als Gleicher unter Gleichen mitwirken. Nur das Gesicht in der Tourismuszentrale – das muss ich ehrlich sagen – ist für jemanden, der an faktischen Zielen wie mehr Übernachtungen, besserem Marketing, höheren Internetzugriffen interessiert ist, eine sehr esoterische Herangehensweise. Wie gesagt: Entscheidend ist, dass wir gemeinsam möglichst viel Interesse an der Gesamtregion gewinnen und dass dann jeder Ort – gleich ob Plön, Eutin oder Malente – möglichst viele Buchungen bekommt. Dafür brauche ich ein Zusammenspiel zwischen Ortsmarke und Dachmarke.

Ein Gemeindevertreter hat mal gesagt: „Ohne regionale Zusammenarbeit sind wir tot.“

Das halte ich für weit hergeholt. Einmal hat Malente ein starkes Klinikprofil, von dem der Ort sehr profitiert. Dann hat Malente einen Markennamen, der absolut die stärkste Marke der Region ist. Ich würde wetten, wenn ich jetzt in einem unserer Zielgebiete, Nordrhein-Westfalen, eine Umfrage nach Bekanntheitsgraden mache, würde Malente mehr Treffer bekommen als die Holsteinische Schweiz. Aber jeder Treffer für die Holsteinische Schweiz zählt auch, deshalb ist das Zusammenspiel so wünschenswert.

Was muss sich in Malente ändern?

Malente hat, das ist jedem klar, noch viele Hausaufgaben zu machen. In der Infrastrukturqualität gibt es genügend Problempunkte, es gibt natürlich auch Punkte wie das „Intermar“, die das Ortsbild eher negativ prägen, die wir schwer lösen können. Aber im Einzelhandelsbereich, finde ich, hat sich im Vergleich zu früher – ich kenne da noch ganz andere Zeiten – doch schon einiges gebessert. Aber es besteht immer noch Abrundungsbedarf. Und im Zusammenspiel zwischen Tourismus, den Dienstleistern und den Einzelhändlern gibt es weiterhin deutlichen Optimierungsbedarf. Doch statt sich gegenseitig ein Bein zu stellen, sollten alle Beteiligten diese Herausforderung gemeinschaftlich angehen, dann wird da auch ein Schuh draus.

Wie stehen die Chancen, dass Reisende auch in Zukunft eine Bahnfahrkarte im Tourismus-Service Malente kaufen können?

Hoch – weil wir natürlich sofort nach der Entscheidung zur Fortsetzung der Zusammenarbeit alle Hebel in Bewegung gesetzt haben. Wir können der Bahn nicht vorgreifen, aber alle Signale, die wir jetzt bekommen haben, gingen in die Richtung, dass wir die Kündigung rückwirkend wieder unwirksam machen können. Wir bitten nur jeden um Verständnis: Wir mussten natürlich kündigen. Wenn wir nicht wissen, ob wir weitermachen dürfen, kann ich nicht die Bahn-Agentur für den Ort auf reinen Verdacht hin blockieren.

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