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Geschenke-Bringer aus SH : Der Profi-Weihnachtsmann

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Claudius“ ist der einzige Weihnachtsmann in Schleswig-Holstein mit Ehrenkodex-Gütesiegel. Für ihn gelten strenge Regeln

Da kommt er in seinem prachtvollen rotweißen Mantel mit hell klingenden Schlittenschellen und der Zipfelmütze aus dem Wald gestapft. Seinen Rentierschlitten hat der Weihnachtslieder singende Bärtige um die Ecke bei den Tannen abgestellt. Eine leuchtende Laterne, Zauberschlüssel für alle Häuser im Land und eine Glocke in der Hand, das Goldene Buch unter dem Arm und einen Jute-Sack voller Geschenke über der Schulter: voll bepackt ist „Claudius“, der liebe gute Weihnachtsmann, Weihnachten auf dem Weg zu den Kindern im Land.

„Claudius“ ist der einzige professionelle Weihnachtsmann in Schleswig-Holstein mit einem Ehrenkodex-Gütesiegel – einer von 24 bundesweit. Der heute 60-Jährige ist auf Amrum aufgewachsen, lebt heute mit seiner Weihnachtsfrau „in einem Wald“ irgendwo unweit der Kieler Förde. Vor seinem Leben als Weihnachtsmann war er auch mal kaufmännischer Direktor bei Stena Line oder Finanzchef bei Vestas. Ab Januar ist er allerdings wieder selbstständiger Unternehmensberater. Dass er seinen richtigen Namen nicht nennt, gehört zu seiner Berufsehre als „Claudius“.

„1985 habe ich auf dem Weihnachtsmarkt einer nordfriesischen Stadt einen Weihnachtsmann in einem Baumarkt-Mantel mit grünen Stiefeln und Schlick daran gesehen“, schüttelt es „Claudius“ immer noch. Er erinnert sich an die Maske aus Plastik, auf die ein Bart geklebt war und das ständige Wedeln der Rute aus Reisig. „Claudius“, damals noch Student, konnte das nicht mit ansehen und entschloss sich, den Kindern ein besserer Weihnachtsmann zu werden.

Der Mann von großer Gestalt bestellte sich in München seinen ersten edlen Mantel, las sich in Büchern von Theodor Storm ein und fertigte Skripte für den Dialog mit Kindern und Eltern. „So wird jedes Kind und jede Familie zu einer Story“, sagt „Claudius“ voller Güte und Harmonie – übrigens auf Wunsch ist er auch in englisch, norwegisch, schwedisch oder plattdeutsch unterwegs. Sein aktuelles Gewand wurde von einer Schneidermeisterin in Nordfriesland genäht.

So tritt „Claudius“ Jahr für Jahr in seinem Traumjob immer wieder gern den Wettbewerb der Glaubwürdigkeit mit den Kindern an – großzügig und freundlich in einer schönen weihnachtlichen Stimmung. Etwa 25 Familien besucht er an den Weihnachtstagen mit seinem „Santa Mobil“, geht vor jedem Kind geduldig auf Augenhöhe in die Knie. „Claudius“ kennt alle Gedichte, Geschichten und Weihnachtslieder.

Mit dabei hat er eine Weihnachtslaterne aus dem 19. Jahrhundert, die er sich im Erzgebirge nachbauen ließ. Die zierliche, goldene Brille auf der Nase ist über 100 Jahre alt. Ein Goldenes Buch, eine Glocke und die Zauberschlüssel für jedes Haus sind auch dabei. „Claudius“ kommt nämlich durch die Tür und nicht – wie sein Kollege „Santa Claus“ aus Amerika – durch den Schornstein.

Was er nicht dabei hat? „Ein Weihnachtsmann trägt keine Uhr“, schmunzelt „Claudius“. Nein, und auch eine Rute aus Reisig trägt er nicht, denn: Ein zertifizierter Weihnachtsmann kennt das seit November 2000 geltende Züchtigungsverbot von Kindern. Außerdem habe der Weihnachtsmann nie eine Rute aus Reisig getragen. Das sei immer Ruprecht, der Knecht vom Nikolaus, gewesen.

Schnell verfiel „Claudius“ dem einzigartigen Zauber seiner weihnachtlichen Besuche in den Familien im Land: strahlende Kinderaugen, dankbare Mädchen und Jungen und glückliche Eltern. „Das kann einem kein Mensch geben, was einem von den Kindern geschenkt wird.“ Das Aufsaugen der positiven Stimmung ist „Claudius“ Motivation für ein ganzes Jahr: „Wenn die Kinder sich freuen, dann geht mir das Herz auf.“ Kinder brauchen Magie in ihrem Leben. Daher muss es auch Weihnachten und den Weihnachtsmann geben. Claudius: „Die pure Rationalität hilft Mädchen und Jungen nicht, mit den oft unvorhersehbaren Wendungen des Lebens zurecht zu kommen.“

Dabei haben sich die Kinder ganz im Gegensatz zu ihren Eltern in den über 30 Jahren seines Wirkens als Weihnachtsmann nicht sehr verändert. Vielen Kindern geht es gar nicht um die Erfüllung materieller Wünsche. Viele wollen „Claudius“ nur mal höchst persönlich kennenlernen und sich vergewissern, dass es den Weihnachtsmann auch wirklich gibt.

Zuvor hat er ihre Wunschzettel aufmerksam gelesen. Wiebke wünscht sich in diesem Jahr etwas von Elsa, der kleinen Eiskönigin, Mats eine Kamera und Lasse ein Wolfskostüm. Und Angelique teilte „Claudius“ per Brief nur ihre guten Schulnoten mit. Er solle sich am besten aussuchen, was man als Belohnung dafür wohl schenken könne. „Was ich nicht mag, das ist aus Katalogen ausgeschnittenes Spielzeug auf fünfseitigen Wunschzetteln aufgeklebt“, sagt „Claudius“ und kündigt in diesem Fall schon mal „deutliche Worte“ bei der Bescherung an.

Dabei sind die Eltern meist aufgeregter, als ihre Kinder. „Allzu rationale Eltern, die meinen, ihren Lütten ständig ihre ,Nüchternheit‘ aufdrängen zu müssen, vergessen, dass Kinder eigene Augen haben, um die Dinge zu sehen“, weiß „Claudius“. So kann es auch weihnachtliche Probleme geben: „Wenn die Eltern einen Clown als Weihnachtsmann wollen, stehe ich nicht zur Verfügung“, sagt „Claudius“. Einmal sei der Weihnachtsmann aus der Stube von der Bescherung sogar fast geflüchtet: „Da hatten die Eltern zwei Kameras aufgebaut und der Vater filmte zusätzlich mit seinem Tablet von allen Seiten.“ Das war einer der bisherigen Tiefpunkte von „Claudius“. Vor ein paar Jahren habe ein Vater von ihm als Weihnachtsmann sogar verlangt, dass er sich nach der Bescherung demaskieren soll. „Da hab ich das Haus ganz schnell verlassen“, sagte „Claudius“ immer noch voller Schrecken. Er sei der Zeremonienmeister. Die Lösung vom Mythos erfolge ohnehin zwangsläufig: „Mit jedem weiteren Lebensjahr wird für die jungen Menschen der Weihnachtsmann weiter entmystifiziert.“

Der Bescherung geht immer ein persönliches Gespräch des Weihnachtsmannes mit den Eltern voraus. „Ich muss ja wissen, ob wir zueinander passen“, schmunzelt „Claudius“. So erhält der Weihnachtsmann detailgenaues Insiderwissen der Familie. Ein vertrauensvoller Umgang mit den erhaltenen Informationen ist für ihn selbstverständlich. Respektvoll „Claudius“ gegenüber spielen ältere Geschwister gern mit. Die Kinder bekommen daraufhin Post vom Weihnachtsmann mit einem goldenen Siegel und dem Hinweis, dass die Wichtel schon fleißig dabei sind, die Geschenke für die Kinder einzupacken.

In seine Bescherung hat der liebe gute Weihnachtsmann eine Dramaturgie eingebaut. Vom vorliegenden Wunschzettel hat „Claudius“ ein bis zwei Geschenke in seinem Jute-Sack dabei. Doch das Hauptgeschenk gibt es erst ganz zum Schluss, wenn der Weihnachtsmann eine Antwort auf die Frage hat: „Na, bist Du denn mit den Geschenken auch zufrieden?“ Kein Kind habe sich bisher getraut, die Antwort auf „Nein“ zu beschränken. Dann erst gibt es die großen Geschenke vom Weihnachtsmann und die Freude ist noch größer.

Und wenn die „Schnuller-Fee“ auch mal versagt hat, dann kommt dafür „Claudius“. Viele Mädchen und Jungen habe er schon von Schnullern befreit. „Einmal, da habe ich einen kleinen Jungen in Absprache mit den Eltern sogar davon überzeugen können, Fußball in einem Sportverein zu spielen“, schmunzelt „Claudius“. Und wenn ein Kind mal Angst vor dem Weihnachtsmann hat? „Dann mache ich es kurz und bin relativ schnell wieder weg.“ Aber auch das könne einen professionellen Weihnachtsmann nicht erschüttern.

„Claudius“ lebt und liebt sein Doppelleben. Als Weihnachtsmann isst, trinkt, raucht und telefoniert er nicht in seinem Kostüm im Beisein von Menschen. Das ist eine von zehn Regeln zu deren Beachtung sich jene 24 professionellen Weihnachtsmänner in Deutschland verpflichtet haben. Sie fluchen nie und sind stets korrekt gekleidet. Schmutzige Handschuhe gibt es nicht: „Ich habe weiße Handschuhe in großen Mengen gelagert“, schmunzelt der auf Sauberkeit bedachte „Claudius“. Er ist wie seine 23 Kollegen großzügig und freundlich, strahlt Güte und Harmonie aus und zeigt sich geduldig und ruhig in jeder Situation. „Zumindest bemühe ich mich“, ergänzt „Claudius“ verschmitzt.

Nach dem Weihnachtsfest erholt sich „Claudius“, der liebe gute Weihnachtsmann, erst einmal. Und nach den Heiligen Drei Königen geht es dann wieder als Unternehmensberater in kaufmännischen Fragen und vielen Gesprächen auf Leitungsebene weiter und versucht auch hier – allerdings im dunklen Anzug – die Tugenden des lieben guten Weihnachtsmannes zu bewahren. Bis dann um den 24. Juli der „World Santa Claus Congress“ in Bakken bei Kopenhagen stattfindet. Hier tauscht sich „Claudius“ als deutscher Vertreter seiner Zunft mit anderen Weihnachtsmännern aus Japan, USA, Kanada oder Skandinavien aus.

Den wundersamen Zauber rund um den Weihnachtsmann jenseits weihnachtlichen Kommerzes für Kinder so lange wie möglich zu erhalten, betrachtet „Claudius“ nicht als Job, sondern im 32. Dienstjahr fast schon als himmlische Berufung. Dabei habe die Wahrung seines Inkognitos als der liebe gute Weihnachtsmann eine hohe Wertigkeit.

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erstellt am 23.Dez.2016 | 18:51 Uhr

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